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Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.09.2019

Aus den FeuilletonsDer "Visionär ohne Kanten" ist tot

Von Ulrike Timm

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Designer Luigi Colani präsentiert am 6. Februar 2008 auf der Spielwarenmesse in Nürnberg das erste ferngesteuerte Modellauto mit einem Wasserstoff-Antrieb. (imago/Eckehard Schulz)
"Vom Brillengestell über den Computer bis zur Cappuccinotasse wurde jede Ecke abrasiert", schreibt die "NZZ" über das Design von Luigi Colani. (imago/Eckehard Schulz)

"Biodesign" nannte Luigi Colani seine Art der Entwürfe, die allesamt weiche Linien hatten. Jetzt ist er 91-jährig gestorben. Die "NZZ" erinnert an ihn, als einen Designer, bei dem auch Gebrauchsgegenstände aerodynamisch wie Flugzeuge waren.

Für 200 Millionen Euro kriegt man nicht mal eine Scheune! Die "Scheune" – Spitzname des geplanten Museums der Moderne in Berlin schon jetzt – wird mehr als doppelt so teuer. Also, nach jetzigem Stand. Kann natürlich auch noch was dazu kommen - Stichwort Elbphilharmonie, geplant vom selben Architektenbüro.

Nur ist die Elbphilharmonie inzwischen ein Wahrzeichen Hamburgs, dazu wird das Museum der Moderne in Berlin wohl nicht taugen. Die WELT rechnet vor, dass das neue Museum den Steuerzahler insgesamt, unter Berücksichtigung sämtlicher Kosten, mindestens 450 Millionen Euro kosten werde und meint:

"Das wird die gerade laufenden Haushaltsdebatten im Bundestag beschäftigen müssen! Nicht nur die Abgeordneten werden sich fragen, wie viel, wie viel mehr ihnen dieses Museum wert ist. Und das ist keine Stilfrage – die Scheune hat nicht viele Freunde in der Öffentlichkeit gefunden. Die Frage nach Sinn und Zweck dieses Museums muss dann neu diskutiert werden, auch deshalb, weil es eben nicht nur die staatlichen Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts aufnehmen soll, sondern mehrere Privatsammlungen: Schenkungen, Dauerleihgaben, Leihgaben."

Das gibt noch jede Menge Zoff vor dem ersten Spatenstich!

Kritik am Umgang mit der AfD

"Maßregelung hilft nicht weiter" lesen wir in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Paul Ingendaay kritisiert in einem ausführlichen und sehr differenzierten Artikel den Bundespräsidenten und die etablierten Parteien für ihren Umgang mit der AFD, die Frank Walter Steinmeier aufgrund ihrer fremdenfeindlichen und völkischen Tendenzen als "antibürgerlich" bezeichnet hatte.

Alles verständlich, so der Tenor der FAZ, aber wenig hilfreich.

Eigentlich gäbe man den AfD-Wählern so "nämlich zu verstehen, dass ihre Wünsche so illegitim sind wie ihre Sorgen. Untersteht euch, so Steinmeiers Botschaft, von dem Programm abzuweichen, das die Riege von CDU/CSU bis zur Linken zu bieten hat", schreibt Paul Ingendaay, und weiter: "So festigt der Bundespräsident ungewollt den Eindruck, der durch die Angstreaktionen der anderen Parteien in den letzten Jahren entstanden ist: dass jene, die ans Regieren gewöhnt sind, auf die Eindringlinge von rechts keine andere Antwort haben als Kleinmut, Rechthaberei und steriles Moralisieren. Statt der Herausforderung durch die AfD inhaltlich zu begegnen, arbeiten die Volks- und Traditionsparteien langfristig an ihrer eigenen Auszehrung."

Soweit die FAZ.

Der Meister des geschwungenen Designs ist tot

"Überall nur gebogene Linien" – die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, "Visionär ohne Kanten" – die TAZ.

Der Designer Luigi Colani ist mit 91 Jahren gestorben.

"Stromlinienformen, organische Konturen und dynamische Kurven waren sein Markenzeichen. Und dies nicht nur für Automobile oder Flugzeuge, sondern für fast alle Gegenstände des Alltags", heißt es in der NZZ, "In Colanis "Biodesign" wurden die Kurven zum Selbstzweck: Vom Brillengestell über den Computer bis zur Cappuccinotasse wurde jede Ecke abrasiert, bis die Luft auch an diesen Gebrauchsgegenständen widerstandslos vorbeigleiten könnte".

Die abgelutschten Formen allerdings gingen oft nicht in Serie, waren zunehmend wider den Zeitgeist, und der Meister selbst zankte sich gern mit seiner Umwelt und fühlte sich verkannt. Das betont die TAZ.

Streit um politisch korrekte Begriffe in Amsterdam 

Ziemlich viel stromlinienförmige Political Correctness vermeldet der TAGESSPIEGEL. Das historische Museum von Amsterdam will künftig den etablierten Begriff des Goldenen Zeitalters für die Niederlande des 17. Jahrhunderts nicht mehr verwenden:

"Der Ausdruck ignoriert die vielen negativen Seiten wie Armut, Krieg, Zwangsarbeit und Menschenhandel", heißt es.

Das stimmt zweifellos. Aber das Reichsmuseum mit seiner weltberühmten Bildersammlung, mit all den Rembrandts und Vermeers meldet schon mal Protest an und will weiter vom Goldenen Zeitalter reden, und auch Ministerpräsident Rutte, selbst Historiker, spricht offen von "Unsinn" und meint, man solle die negativen Seiten offen benennen – aber nicht einfach nur das Etikett entfernen.

Gucken wir mal, ob nun alle Untertitel und Broschüren tatsächlich brav umbenannt werden!

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