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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 17.06.2014

Aus den FeuilletonsDer streitbare Geist vom Starnberger See

Die Feuilletons gratulieren Jürgen Habermas

Von Arno Orzessek

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Der Philosoph Jürgen Habermas am 12.12.2012 bei einer Pressekonferenz im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). (picture alliance / dpa - Martin Gerten)
Der deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas wird am 18. Juni 2014 85 Jahre alt. (picture alliance / dpa - Martin Gerten)

Der 85. Geburtstag Jürgen Habermas' ist Anlass für allerlei vergeistigte Glückwunschschreiben. Die "taz" hingegen wundert sich, wie pietätlos die "FAZ" mit ihrem gerade gestorbenen Herausgeber Frank Schirrmacher umgeht.

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG stellt in ihren Überschriften viele wichtige Fragen, und für einige von uns mag diese Frage die wichtigste sein:

"Bin ich psycho, oder geht das von selbst weg?"

Christian Geyer referiert in einem ellenlangen, pointenarmen Artikel, was Fachleute davon halten, dass heutzutage immer mehr psychische Krankheiten diagnostiziert werden.

Die Erörterung der klugen Einlassungen wäre indessen höchst diffizil, sodass wir lieber ungesäumt zu einer zweiten, kaum weniger wichtigen FAZ-Frage kommen. Sie lautet:

"Wie wird man Jürgen Habermas?"

Zugegeben: Die Antwort, die Jürgen Kaube aus Anlass des 85. Geburtstags des weltberühmten Philosophen und Soziologen gibt, ist auch kein reiner Lesespaß.

Andererseits: Spaß und Habermas waren niemals ein glückliches Begriffspaar. Darum hier wenigstens ein Auszug aus Kaubes Antwort:

"Jürgen Habermas ist ein großer Virtuose darin, drei Motive – existenzielle, sozialwissenschaftliche, publizistische – auseinander hervorgehen und sich wechselseitig begründen zu lassen. Zugleich besteht er auf Rollentrennung zwischen dem Philosophen, dem Empiriker und dem Polemiker, um sie im nächsten Moment selbst aufzuheben. Es gibt keinen großen Streit in der Bundesrepublik, an dem er nicht beteiligt war, wenn ihn nicht sogar auslöste."

Wer auch nur ein paar Seiten von Habermas gelesen hat, der weiß: Dieser Groß-Intellektuelle vermeidet, von seltenen, umso knackigeren Ausnahmen abgesehen, bildhaft-blumige Ausdrücke. Und er kann mit der natürlichen Unschärfe von Metaphern rein gar nichts anfangen.

Zurecht spricht Arno Widmann in der BERLINER ZEITUNG von den "papierenen Wüsteneien seiner Prosa".

Trotzdem oder gerade deswegen stellt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ihrer Gratulation ein synästhetisches Farbenspiel voran und titelt:

"Ein Denken in leuchtendem Grau."

"Die Fatwa vom Starnberger See"

Es ist der Berliner Staatsrechtler Christoph Möllers, der Habermas in der SZ würdigt und dabei keinen Kuschelkurs fährt:

"Mit dem 'zwanglosen Zwang des besseren Arguments', der sprichwörtlich gewordenen Zauberformel seiner Theorie, lässt sein Erfolg sich nicht erklären. Habermas ist eine physische Präsenz. Nichts Vergeistigtes eignet seinem Auftritt. Sein Zorn und die Härte seiner Diskussionsbeiträge sind berüchtigt. Es ist nicht schwierig, sich vor ihm zu fürchten. Er geht hart an die Sache und erwischt dabei nicht selten auch die Person. Wer von ihm getroffen wird, wird sich lange nicht berappeln."

Nun denn. Was Christoph Möllers beschreibt, erinnert uns an ein Bonmot des Metaphern-Artisten Peter Sloterdijk, der in Habermas' Weltbild nahe bei den Kröten siedeln dürfte.

Sloterdijk nannte Habermas einst unter Berücksichtigung von dessen Wohnort: "die Fatwa vom Starnberger See".

Wir aber halten uns da raus und sagen nur: Glückwunsch, Jürgen Habermas! -

Pietätlose Geschmacklosigkeit

Von dunklen Dingen im Zusammenhang mit dem Tod des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher berichtet Silke Burmester in der TAGESZEITUNG.

"Keine zwei Stunden, nachdem die Meldung rausging, Frank Schirrmacher sei gestorben, stand sein Wikipedia-Eintrag bereits in der Vergangenheitsform im Netz. Und auch im Eintrag seiner Frau hieß es, sie 'war' mit Frank Schirrmacher verheiratet. Da war – Entschuldigung für diese Geschmacklosigkeit, die aber keine ist, weil sie einen Umstand benennt, dessen Pietätlosigkeit nicht bei mir liegt – die Leiche noch nicht einmal kalt."

So die TAZ-Autorin Silke Burmester, die noch eine zweite Beobachtung mitteilt:

"Für die angeschlagene FAZ dürfte der Tod Schirrmachers eine mittlere Katastrophe sein. Aber so wichtig wie der Vorausdenker für das Blatt war, so froh scheint man in Frankfurt, ihn loszusein. Bereits am Wochenende war sein Name aus der Liste der Herausgeber getilgt."

Kehren wir ins Leben zurück. Es gab da ja dieses vier zu null von Jogis Jungs bei der WM in Brasilien, inklusive drei Tore von Thomas Müller. Und nun empfinden wir genau das, was in der FAZ zur Überschrift wurde:

"Mann, haben wir die Portugiesen vermüllert." 

Mehr zum Thema:

Philosophie -  "Der Ruhm ist ihm nicht in den Kopf gestiegen" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.06.2014)

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