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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 13.02.2017

Aus den Feuilletons"Der Feminismus frisst seine Töchter"

Von Burkhard Müller-Ulrich

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Eine Frau hält in Stuttgart vor dem Rathaus bei einer Demonstration gegen die Stuttgarter Abtreibungsklinik Stapf ein Plakat. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)
Plakat einer Abtreibungsgegnerin bei einer Demonstration (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)

Unsere Kulturpresseschau befasst sich unter anderem mit Schwangerschaftsabbrüchen. "Wir haben die Abtreibung in die Welt getragen, und jetzt werden weltweit vor allem Mädchen abgetrieben", schreibt die "Welt". Anlass ist der Fall eines Gynäkologie-Chefarztes in Niedersachsen, der Abtreibungen ablehnte.

Vorsicht, Klebstoff! Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG warnt vor der bei Politikern gerade sehr beliebten Terminologie des sozialen Zusammenhalts. Überall werden wir zugekleistert mit Appellen wie dem des gerade gewählten Bundespräsidenten Steinmeier:  

"'Was ist der Kitt, der diese Gesellschaft zusammenhält, und trägt dieser Kitt für die Zukunft noch?', fragte er am Sonntag gleich dreimal: in seiner Dankesrede vor der Bundesversammlung, sodann abends in den Interviews bei ARD und ZDF. Nehmen wir an, der Kitt sei die Freundlichkeit. Muss mein freundliches Gesicht dazu herhalten, die Gesellschaft zu binden wie Leim, Kleister und Mörtel? Welch ein klebriges Sprachbild: der Kitt..,"

 stöhnt Christian Geyer in der FAZ. Auch Martin Schulz hat es ihm angetan. Der hatte erklärt,

"das Wichtigste in der Demokratie sei, dass unsere Gesellschaft zusammenstehen muss. Das Wichtigste?" 

fragt Geyer:

"Bin ich womöglich gar kein Demokrat, kein guter zumindest, wenn ich mich vor dem Zusammenstehen fürchte, mir davor gar gruselt?"

Zum Glück für Geyer ist er kein Parteisoldat, denn diese Aufrufe zum Zusammenstehen gehören zum täglichen Übungsprogramm in Fraktionsdisziplin. Dass jetzt auch freie Bürger damit behelligt werden, zeigt, wie wichtig es ist, das Menschenrecht des Aus-der-Reihe-Tanzens zu verteidigen - auch und gerade, wenn die Reihen fest geschlossen sind, wie das bei manchen heiklen Themen in unserem intellektuellen Juste Milieu der Fall ist. Zum Beispiel: Abtreibung.

"Während man den Grundsatz 'Du sollst nicht töten' auf Partys engagiert vertreten kann, solange es gilt, das Schreddern von Hühnerküken zu verhindern, führt es zu Empörung im Land, wenn man den gleichen Grundsatz auf ungeborene Kinder anwendet, die leider zur falschen Zeit im falschen Bauch liegen," 

schreibt Birgit Kelle in der WELT und zählt aus dem Gebiet der Reproduktionsmedizin gleich eine ganze Reihe ethischer Paradoxien auf, die eigentlich unerträglich sind, aber in der Öffentlichkeit weitgehend beschwiegen werden.  

"Inzwischen dürfen wir international schon für andere gebären und unsere Kinder verkaufen. Man nennt das niedlich Leihmutterschaft, es ist modern - vor allem in prominenten Kreisen. Versuchen Sie das Gleiche mal mit einer Niere. Das geht natürlich nicht. Das wäre ja Organhandel." 

Den aktuellen Aufhänger für Birgit Kelles Text bildet ein in den letzten Tagen eskalierter und von Politikern und Medien skandalisierter Fall an einer Klinik in Niedersachsen, wo der Chefarzt der Gynäkologie keine Schwangerschaftsabbrüche mehr durchführen wollte. Er musste seinen Posten verlassen.

"Der internationale Exportschlager Abtreibung fällt ausgerechnet auf diejenigen zurück, die ihn am lautesten eingefordert haben: die Frauen",

gibt Kelle zu bedenken.

"Wir haben die Abtreibung in die Welt getragen, und jetzt werden weltweit vor allem Mädchen abgetrieben. Der Feminismus frisst seine Töchter, und alle schauen verschämt weg." 

Gegen verschämtes Wegschauen richtet sich auch ein Artikel in der FAZ über den bevorstehen Eurovision Song Contest, der im Mai in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ausgetragen wird.

"In den Gesprächen über die Eurovision taucht von Zeit zu Zeit das 'russische Thema' auf, 

berichtet der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow.  

"Die Organisatoren bemühen sich (mit einigem Erfolg), dieses Thema klein zu halten, es nicht auf Skandalgröße anschwellen zu lassen. Eines Tages verkündeten sie, Russland habe versprochen, keine Sänger von der 'schwarzen Liste' in den Wettbewerb zu schicken. Gemeint ist die Liste russischer Künstler, denen wegen ihrer Unterstützung der putinschen Politik, konkret der Annexion der Krim und der russischen Beteiligung am Krieg im Donbass, die Einreise in die Ukraine verboten wurde."

In Russland allerdings, so Kurkow, gibt es täglich Fernsehdiskussionen, in denen Militärexperten und Politologen ausgiebig erklären, wie die Ukraine am besten zu besiegen sei. Zerbomben der Infrastruktur, Häuserkampf in Kiew, Dnipro und Lemberg sowie Teilung der Ukraine inklusive Tötung oder Vertreibung von zwei bis drei Millionen Menschen: das sind so die gängigen Vorschläge. Dann kann die Musik ja beginnen.

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(Deutschlandradio Kultur, Interview, 26.01.2017)

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