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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.01.2019

Aus den FeuilletonsDer Bösewicht wohnt noch bei Mutti

Von Tobias Wenzel

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Illustration: Ein Teufel lauert hinter einen Mann am Computer. (imago/Ikon Images)
Wie heißt es doch: "Der Teufel ist ein Eichhörnchen" . Im Fall des Datenklaus in Gestalt eines spätpubertären 20-Jährigen, der noch im "Hotel Mama" wohnt. (imago/Ikon Images)

Die Tatsache, dass hinter dem Datenklau von geradezu teuflischem Ausmaß nur ein 20-Jähriger steckt, ist für die Feuilletons ein gefundenes Fressen. Und beschämend für die Cyberabwehr, die sich einem respektablen Gleichrangigen gegenüber wähnte.

"Blofeld wohnt jetzt bei Mutti", so hat Jan Küveler seinen Artikel für die WELT genannt. Blofeld ist einer der Bösewichte, gegen die James Bond kämpft. Und der Bösewicht, der hinter dem umfangreichen Angriff auf die privaten Daten von Politikern, Künstlern und Journalisten steht, ist, wie wir nun wissen, ein 20-jähriger Schüler aus Hessen, der noch zu Hause wohnt. "Statt ’Geschniegelte Cyberabwehr legt Putins Internettrollen das Werk’ ging die Geschichte plötzlich so: ’Deutsche Bürokraten kabbeln sich mit renitentem Teenager’. Die  Postapokalypse war abgewendet, es handelte sich nur mehr um einen Fall von Postpubertät", schreibt Küveler weiter und macht sich über die Journalistenkollegen, Politiker und Sicherheitsbehörden lustig, die das große Böse hinter dem Angriff gewähnt hatten.

Die neue Erkenntnis sei für sie besonders tragisch: "Denn was könnte schlimmer sein, als in seinem Widerpart eben nicht den respektablen Gleichrangigen zu erkennen, keinen von weltumstürzlerischen Plänen beseelten cyberkriminellen Vollprofi, sondern bloß einen aller Wahrscheinlichkeit nach blassen, womöglich noch halbwegs verpickelten Provinz-Loser in seinem unaufgeräumten Kinderzimmer?

Das verdirbt die eigene Heldengeschichte

Blofeld wohnt bei Mutti. So was kann einem schon mal die Dramaturgie der eigenen Heldenerzählung versauen." So Jan Küvelers Worte in der WELT, mit denen er die vermeintlich realitätsfremden Unkenrufer zu beschämen versucht. "Die Beschämung der Herrschenden hat Tradition", schreibt Gustav Seibt mit Blick auf die privaten Daten, die der 20-jährige Mann im Internet veröffentlicht hat, in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und wirft einen Blick in die Geschichte: "Die letzten Jahrzehnte des Ancien Regime vor der Französischen Revolution waren eine Hochzeit solchen Shamings. Die junge Königin Marie Antoinette wurde als ausschweifende Partyqueen dargestellt, gar lesbischer Neigungen verdächtigt, was ihren Vertrauten in der Revolution besonders sadistische Behandlung bescherte. Voltaire war sich nicht zu schade, hämische Memoiren vom preußischen Hof zu publizieren, die die Homosexualität Friedrichs des Großen thematisierten."

Die Radikalisierung der Sprache

Vom Privaten, das in die Öffentlichkeit gezerrt wird, zur Sprache, die verändert in der Öffentlichkeit auftritt: "Ein neuer Ton geht um", schreibt der Dichter und Essayist Durs Grünbein in der ZEIT. "Zu konstatieren ist eine Radikalisierung des öffentlichen Sprechens, zwischen den Nationen wie im Umfeld jedes Einzelnen, im Streit der Parteien wie in den Kneipen, im Parlament wie auf der Straße. Da ist zum einen der Gebrauch herabsetzender Formeln für den politischen Gegner, die Diskriminierung von Menschengruppen, die in ihrer Schwäche zu Opfern der Weltpolitik werden. Da ist zum anderen aber auch ein allgemeiner Verfall der ethischen Standards, eine Versumpfung der Sprache in den Boulevardblättern wie in den sozialen Netzwerken."

"Dem Mund folgt die Faust"

Grünbein warnt: "Dem Mund, der Hassparolen brüllt, folgt die Faust." Und er erinnert: "In einer entwickelten Demokratie sind freie Rede und funktionierende Rechtsstaatlichkeit die Säulen, die niemand umstürzen soll. Es sei denn, er wollte sich selbst und alle anderen unter den Trümmern begraben. Wie es schon einmal geschah. In Deutschland und anderswo."

Wenn Ihre Stimmung, liebe Hörer, nun im Keller ist, wenn Sie mit Blick auf die Lage der Nation schon zu Jahresbeginn urlaubsreif sind und gerade Reisepläne schmieden, dann hören Sie jetzt lieber weg! Der ZEIT zufolge hat der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa nämlich folgendes geschrieben: "Nur äußerster Mangel an Einbildungskraft rechtfertigt, dass man auf Reisen geht; Existieren ist Reisen genug."

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