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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 24.07.2019

Aus den FeuilletonsDebatte um ein gescheitertes Attentat

Von Tobias Wenzel

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Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg in einer Porträtaufnahme (picture alliance/dpa - CPA Media/Pictures From History)
Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944). Ein Stauffenberg-Biograf bewertet dessen Anschlag auf Hitler als politisch motiviert. (picture alliance/dpa - CPA Media/Pictures From History)

Zwei Feuilletons widmen sich den Protagonisten des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944. In der "FAZ" bestreitet ein Stauffenberg-Biograf, dass es sich um einen "Aufstand des Gewissens" gehandelt habe. Die Motivation sei eine politische gewesen.

War das Stauffenberg-Attentat auf Hitler nur ein Militärputsch? Thomas Karlauf, Autor einer Stauffenberg-Biografie, hat das in seiner von der FAZ abgedruckten Rede in der Frankfurter Paulskirche zum 75. Jahrestag des gescheiterten Attentats suggeriert.

Es habe sich gerade nicht um einen "Aufstand des Gewissens" gehandelt. Die Verschwörer hätten also nicht aus moralischen, sondern aus politischen Motiven gehandelt, nämlich, um Deutschland vor der totalen Zerstörung zu bewahren.

Moralisches Gewissen oder politisches Kalkül

Diese Argumentation widerspreche den historischen Quellen, behauptet nun der israelische Militärhistoriker Danny Orbach in der ZEIT: "Im Sommer 1942 nannte Stauffenberg die 'Behandlung der Juden' als einen Grund, sich dem Krieg und dem Regime zu widersetzen."

Selbst als den Verschwörern klar gewesen sei, dass die Alliierten Deutschland so oder so keine Zugeständnisse machen würden, hätten sie das Attentat geplant.

Der Militärhistoriker zitiert Generalmajor Henning von Tresckow, einen engen Verbündeten Stauffenbergs, so: "Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig." Also doch weniger politisches Kalkül als moralisches Verantwortungsbewusstsein.

Die moderne Gesellschaft und ihr Umgang mit Bildern

Moralische Fragen wirft Adolf Muschg in einer Rede auf, die nun die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG abdruckt. "Da ist sie nun, die smarte Apparatur, die mich nur ganz von ferne an eine gestylte Guillotine erinnert", sagt der Schweizer Schriftsteller und outet sich als Krebspatient, der mit einem neuen Linearbeschleuniger behandelt wird, einem Gerät, das Bildgebung mit Strahlentherapie verbindet.

"Image statt Imagination oder Bildgebung statt Einbildung - da stutze, stocke, bocke ich schon. Bilder sind vieldeutiger, als sie daherkommen."

Es folgt ein kritischer Essay zum Umgang der modernen Gesellschaft mit Bildern: "Wie heute die Mehrzahl unserer Zeitgenossen ihre Gegenwartsgestalt an das Smartphone, das Spiegelchen in der Hand, abgetreten hat, so hat sich auch optisch die Beweislast umgekehrt, die bei Descartes noch hiess: Cogito ergo sum. Heute heisst es: Es gibt ein Bild von mir, also bin ich", bemerkt Muschg und wundert sich über "die Umkehrung von Realität und Bild".

Er berichtet von einem Besuch des Museums Camera Obscura in Edinburgh: "Da wird das reale Bild der Stadt durch einen mit Spiegeln bestückten Schacht in eine vollständig dunkle Kammer hinuntergeleitet, zu der das Publikum jede halbe Stunde für ein paar Münzen Eintritt erhält. Wozu? Um sich andächtig um ein grosses Metallbecken zu sammeln, in dem die Stadt als Bild erscheint, kreisrund, zum farbigen Stich konzentriert, in dessen Mitte sich der Himmel Edinburghs ausbreitet."

Den Menschen nach dem Vorbild der Apparate formen

Das alles könnten die Menschen draußen viel übersichtlicher und kostenlos erleben. Muschg ist sich zwar sicher, dass die neue Maschine, die Bildgebung mit Strahlentherapie kombiniert, dazu führt, dass man in der Medizin besser sieht und operiert.

"Die Frage ist, ob sie dann auch besser sieht, was sie nicht ändern kann, und wie sie dieses Defizit behandelt", gibt Muschg zu bedenken und warnt: "Wer verbesserte Apparate als Lösung betrachtet, wird auch den Menschen nach ihrem Vorbild modellieren."

Nach all diesen moralischen Überlegungen zum Schluss noch etwas Leichtes, eine Prise Nonsens: TAZ-Mitarbeiter Jürn Kruse hat seine beiden Töchter während des Schweden-Urlaubs interviewt. "Frage aus der Wirtschaft: Wie findet ihr Volvo?" Eine Tochter antwortet: "Gut." Nachfrage des Vaters: "Weißt du überhaupt, was das ist?" "Nein."

        

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