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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 26.06.2014

Aus den Feuilletons"Dauerhafter Schmerz erfüllt keinen biologischen Zweck"

Von Arno Orzessek

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Eine Frau liegt krank im Bett.  (picture alliance / dpa / J.M. Guyon)
Eine Frau liegt mit Schmerzen krank im Bett. (picture alliance / dpa / J.M. Guyon)

In der Kulturpresseschau geht es heute unter anderem um das "FAZ"-Schwerpunktthema Schmerzen, um Propagandamethoden der Terrorgruppe Isis und um das Wort "Hooligan".

"Chaos ist, wenn ein Mann vorwärts geht und seine Seele hinterher trottet",

heißt es in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

Verena Lueken zitiert die schöne Definition ohne Anführungszeichen, schreibt sie aber trotzdem dem amerikanischen Schriftsteller Harlan Ellison zu ...

Was darauf hindeutet, dass die FAZ-Autorin den präzisen Wortlaut nicht verbürgen kann.

Doch das ist nun wirklich belanglos angesichts dessen, was Lueken in dem Artikel "Tiefseefischchen" - der ausdrücklich als "Erzählung" firmiert - über eine Frau mit chronischen Schmerzen schreibt.

"Sie bemerkte, wie sie sich verändert hatte. Nicht durch die Krankheit, sondern durch die Therapie. Die Schmerzmittel. Die Opioide. Die Invasion der Spritzen, Pillen und Katheder. Sie sagte hässliche Dinge, die sie sich nie wieder verzieh. Sie hatte ihre Aggression nicht im Griff. Sie verletzte die Menschen, die ihr am nächsten standen. [...] Sie weinte viel. Sie spuckte Blut. [...] Und dann entschloss sie sich, das Einzige zu tun, das in ihrer Macht stand. Sie hörte mit den Drogen auf. Und ihrer Seele trottete hinterher."

So die FAZ-Autorin Lueken über eine Frau mit Schmerzmitteln – und ohne.

Indessen druckt die FAZ Luekens Erzählung nicht einfach so ab, sondern zusammen mit vielen anderen Artikeln, die um den Schmerz kreisen - den Joachim Müller-Jung in seiner Einführung übrigens "Die Schmach unserer Zivilisation" nennt.

Hildegard Kaulen sieht das ähnlich:

"Mysteriös, dumpf, nagend, ohne den makabren Glanz von Verstümmelung, Ansteckung und nahem Tod ist chronischer Schmerz eine Krankheit von schnöder Durchschnittlichkeit. Die Qualen sind oft nur für den Gepeinigten real. Kein Laborwert, kein Röntgenbild und keine Untersuchung setzen den chronischen Schmerz ins Bild und machen ihn auch für Freunde und Verwandte präsent",

klagt die FAZ-Autorin Kaulen und erwähnt auch jenen Aspekt, der viele Schmerzensreiche am meisten frustriert:

"Dauerhafter Schmerz erfüllt keinen biologischen Zweck."

Wir möchten das erstaunliche FAZ-Feuilleton zum Schwerpunkthema Schmerz auch denen empfehlen, die schmerzfrei sind - man lernt während der Lektüre, sich glücklich zu schätzen.

Von einem ernsten Thema zum anderen.

"Fürchtet euch", titelt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, in der sich Tomas Avenarius mit den Propagandamethoden der Terrorgruppe Isis befasst, die nicht zuletzt auch mit einer App Erfolg hatte, die Isis-Meldungen im Schneeballsystem verbreitet:

„Die Gruppe, die gerade erst zusammen mit anderen Sunniten begonnen hatte, Teile des Nordiraks zu erobern, schien dank der App ‚Dawn of Glad Tidings' schon vor Bagdad zu stehen. 40.000 Tweets an einem Tag – die Twitter-Fotos von den abgeschnittenen Hälsen und den Massenexekutionen nahmen den Soldaten der irakischen Armee die letzte Lust, ihr Leben zu geben. Sie rannten in Mossul und Tikrit auf und davon [...]. Dank Twitter und der vieles oft ungefiltert aufgreifenden internationalen Medienmaschine wurde Isis größer, stärker, bedrohlicher, als sie es in Wahrheit wohl sind."

So der SZ-Autor Avenarius.

Kommen wir von den mörderischen Tunichtguts unserer Tage zu denen früherer Zeiten.

In der Tageszeitung DIE WELT beleuchtet Matthias Heine "die globale Karriere des Worts Hooligan" und kommt auch auf die rhetorischen Gepflogenheiten während der Russischen Revolution zu sprechen.

"Unter den Bolschewiki und ihren Gegner [...] war es [...] geradezu Mode, sich gegenseitig als Hooligans zu titulieren. Trotzki nannte Lenin während ihrer Auseinandersetzungen einen Hooligan, Gorki kritisierte 1908 in einem Brief die Sprache von Lenins Buch ‚Materialismus und Empiriokritizismus': 'Was für eine Unverschämtheit! Der Ton eines Hooligans.'"

Nun denn! Die Zeiten haben sich geändert. Oder hätte man je davon gehört, dass Hooligans heutzutage Bücher über ‚Empiriokritizismus' schreiben? -

So. Und nun machen wir Schluss, liebe Hörer, ohne groß zu fragen, ob Ihnen unsere Presseschau abgeschlossen vorkommt oder nicht.

Im Zweifel genießen Sie bitte – mit einer Überschrift der WELT - den "Baustellen-Charme des Unfertigen".

Fazit

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