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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.06.2020

Aus den FeuilletonsDas Virus als radikalstes Medium

Von Arno Orzessek

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Computergenerierte Illustration eines Coronavirus. (Aeriform / Ikon Images / imago-images)
Man könne Corona als hypermediales Virus begreifen, das den Menschen als Medium instrumentalisiert, schreibt die NZZ. (Aeriform / Ikon Images / imago-images)

Die "Neue Zürcher Zeitung" widmet sich Viren als erfolgreichen Kommunikationssystemen. Durch deren massenhafte Reproduktion setzten sie nicht nur im menschlichen Organismus die Agenda, sondern auch im Informationssystem der Weltöffentlichkeit.

"Das Virus ist ein Massenmedium", titelt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. Und falls Sie jetzt denken: Hm, klingt schräg, dann warten Sie mal ab!

Der Politikwissenschaftler Adrian Lobe dreht nämlich wie wild am Gasgriff der Medien-Theorie - und lässt die NZZ-Leser wissen:

"Viren sind sehr erfolgreiche Kommunikationssysteme, denen es durch massenhafte Reproduktion nicht nur gelingt, im menschlichen Organismus die Agenda zu setzen, sondern auch im Informationssystem der Weltöffentlichkeit - gerade weil das hypermediale Virus den Menschen als Medium instrumentalisiert. Vielleicht ist diese Rekombinatorik auch eine Art Mimikry der zunehmend digitalen und programmierten Gesellschaft - was bedeuten würde, dass die infektiösen Agenten smarter sind als wir Menschen. Und vielleicht ist das Virus auch das radikalste Medium, weil es schon gar kein Dazwischen mehr gibt."

Corona-Auswirkungen auf das literarische Leben

Sollten Sie nun Ihr Unverständnis dezent weghüsteln wollen, hüsteln Sie die Aerosole bitte niemandem ins Gesicht. Denn selbst der abstraktionsgierige NZZ-Autor Adrian Lobe bestreitet nicht, dass das Virus auf ordinäre Weise ansteckend ist.

Kümmern wir uns um ein klassisches Massenmedium - um das Buch. Es steht im Mittelpunkt des sogenannten Literaturbetriebs, der jedoch coronahalber weitgehend ruht. Deshalb grübelt die Tageszeitung DIE WELT: "Brauchen wir überhaupt Lesungen, Autorenpartys und Buchmessen?"

Um von Fachkundigen zielführende Antworten zu erhalten, hat die WELT ihre Leitfrage gevierteilt - und will erstens wissen: "Haben drei Monate Corona-Krise das literarische Leben zum Erliegen gebracht?"

"Das literarische Leben findet ja nicht nur in der Öffentlichkeit statt, antwortet Tanja Graf vom Literaturhaus München. Viele Bücherbegeisterte haben den Shutdown genutzt, um endlich mehr zu lesen. Manche haben das Lesen neu entdeckt, das bestätigen auch viele Buchhändler. Jedoch: Menschen, die Bücher lieben, lieben eben häufig auch die Begegnung, den Live-Austausch mit den Autorinnen und Autoren und mit Gleichgesinnten. Dieser Austausch wurde durch Corona jäh gekappt. Für viele Autoren sind die Honorare für Lesungen außerdem ein wichtiger Bestandteil ihrer Finanzierung - ebenso wie für uns Veranstalter die Eintritte. Für uns ist die Schließung eine Katastrophe."

Plädoyer für eine virtuelle Frankfurter Buchmesse

Die vierte Frage der WELT lautet: "Macht ein Branchenevent wie die Frankfurter Buchmesse, bei der die meisten großen Verlage fehlen, im Herbst Sinn?" Dazu Christian Dunker von der Berliner Buchhandlung Geistesblüten:

"Kaum ein Verlagsmitarbeiter meldet sich freiwillig zum Messedienst. Wegen der vielen Absagen und der Corona-Unsicherheiten sollte die Buchmesse 2020 ausnahmsweise (!) online stattfinden. Anders als das Oktoberfest kann das weltgrößte Buchereignis virtuell erfahrbar gemacht werden."

Und das stimmt nun wirklich: Virtuelles Trinken macht einfach nicht besoffen.

"Ein Quantum Leben" erspürt unterdessen die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG im Schauspielhaus Bochum. Alexander Menden hat dort mit 49 weiteren Zuschauern Johan Simons Inszenierung des Dramas "Die Befristeten" von Elias Canetti gesehen - und spendet Lob.

Wie ein Theaterstück erfolgreich unsere Gegenwart reflektiert

"Ein Stück, wie gemacht für die Post-Lockdown-Welt: Es ist kurz genug, um Zuschauer und Ensemble nicht zu lange den Aerosolen der anderen auszusetzen. Vor allem aber stellt es einleuchtende Bezüge zu unserer seltsamen Gegenwart her. Es ist nicht allein das instinktive Voneinander-Abrücken der Menschen, sondern auch das Repetitive der Existenz, das wie die Essenz der Lockdown-Realität erscheint. Auch ein in Beckett-Manier sich wiederholender Dialog weckt Erinnerungen an die bleierne Zeit der Ausgangsbeschränkungen: 'Was tun wir heute?' 'Dasselbe, denk ich, dasselbe wie immer.' 'Und das wäre?' 'Nichts.'"

Den lustigsten Artikel zum Virus-Komplex finden Sie in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Unter dem Titel "Rollenwahn" referiert Joachim Müller-Jung wissenschaftliche Erkenntnisse zur Hamsterkauf-Persönlichkeit, die sich zu Beginn des Lockdowns bekanntlich gern an Klopapier gütlich tat. Doch wir sind am Ende – lesen Sie also selbst!

Und falls Ihnen das nicht passt, drücken Sie Ihre Empörung vielleicht mit einer FAZ-Überschrift aus. Sie lautet: "Unerhört."

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