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Kulturpresseschau | Beitrag vom 07.08.2020

Aus den FeuilletonsDas Salzburger Fächerwedelverbot

Von Ulrike Timm

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Eine Frau fächelt sich Luft zu mit einem Fächer.  (dpa/Britta Pedersen)
Im Publikum der Salzburger Festspiele gilt ein Wedelverbot - die Fächer müssen zu Hause bleiben. (dpa/Britta Pedersen)

Beim Luft zufächern können sich Tröpfchen verteilen. Deshalb gilt bei den Salzburger Festspielen unter Coronabedingungen nicht nur Mindestabstand und Maskenpflicht, sondern auch ein Wedelverbot: Fächer sind nicht erlaubt.

Bei den Salzburger Festspielen herrscht Wedelverbot, keine Fächer erlaubt, sie könnten Aerosole verteilen. Die Stimme von Caroline Peters, der Buhlschaft aus dem "Jedermann", teilt das den Zuschauern vor jeder Vorstellung mit. Die FAZ weiß, dass sie extra noch mal ins Tonstudio musste, um das Fächerwedelverbot einzusprechen – die Schutzmaskenanweisungen samt Abstandsregeln waren schon produziert.

Zwar hätte die FAZ den "vibrierenden Alt von Peter Lohmeyer, der beim aktuellen ‚Jedermann‘ den Tod spielt, im Zusammenhang einer rigideren Seuchenbekämpfung" doch noch wesentlich schicker gefunden, aber geschenkt. Kein Wedelverbot kann die Freude darüber trüben, dass es in Salzburg wenigstens wieder Live-Kultur gibt, in beherzter Besetzungsstärke und vor ziemlich viel Publikum.

Obersüßbach auf der Titelseite

Die spärlichen Veranstaltungen bescheren uns allerdings einen tollen Theaterbericht in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, der es unter anderen Umständen wohl kaum ins Blatt und schon gar nicht auf die Titelseite des Feuilletons geschafft hätte. Es geht um Molière in Obersüßbach, es hätte aber auch in Egglheim, St. Oswald-Riedlhütte oder Wurmannsquick sein können – überall dort kann das traditionsreiche "Kulturmobil" anlanden.

Ein Lastwagen transportiert die 7-Meter–Bühne und wenn Obersüßbach nach Kultur verlangt, dann schickt der Bezirk Niederbayern seine Theatertruppe. "Könnte ein Bezirk seine Bewohner liebevoller und charmanter mit Geist beliefern?" fragt Rudolf Neumaier ehrlich begeistert von dieser antiken Thespis-Karren-Aktion, die ein Bezirksheimatpfleger vor 23 Jahren erfand.

Großes Theater im dörflichem Idyll

Kleine Bühne aus dem Lastwagen gezaubert, Profi-Schauspieler auf die Bretter, paar Sitzreihen davor, und los geht’s, das Theater – so hat es doch angefangen, das ist sein Ursprung, und der hat immer noch Kraft. Zumal dieser Molière-Abend lohnt, "Florian von Hoermann lässt in einem Tempo spielen, bei dem im Idyll dörflicher Gemächlichkeit allenfalls die Freiwillige Feuerwehr mithalten könnte. Atemberaubend." Wer "Muse auf Rädern" in der SÜDDEUTSCHEN liest, möchte sofort nach Obersüßbach oder Wurmannsquick, Molière gucken, versprochen.

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Einen derart anregenden Abend hatten gleich drei Feuilletonkollegen – TAZ, FAZ, SÜDDEUTSCHE -  die von ihren Redaktionen zur LIT:potsdam beordert worden waren, jedenfalls nicht. Vielmehr hat sich  jeder von ihnen auf seine Weise gelangweilt beim Gespräch zwischen der jungen Publizistin Kübra Gümüsay und dem alten Philosophen Peter Sloterdijk, ein Gespräch, das nicht recht in die Gänge kommen, geschweige denn zünden wollte.

Dabei sollte es doch ums große Ganze, mindestens aber um die "Wahrheit" gehen. Die FAZ attestiert so eine Art Nebeneinander-Nichtgespräch über alles, was gerade so anliegt, "Postkolonialismus, Gendersprache, alte weiße Männer" – Gümüsay. Über "Götter, Riten, den Tod, das Internet und die endgültige Befreiung der Religion zur Funktionslosigkeit" – Sloterdijk.

Schmeichelei statt Schlagabtausch

Auch gefetzt haben sich die beiden nicht, stattdessen umschmeichelte Sloterdijk Gümüsay, "bis sie vor Rührung strahlte". Sarkastisches Fazit von Andreas Kilb in der FAZ: "Wenn im Herbst das Humboldt-Forum eröffnet wird, sollte man Sloterdijk als Festredner einladen. Er wird das Berliner Schloss so lange einseifen, bis es niemandem mehr weh tut. Außer den Preußen vielleicht."

Jens Bisky von der SZ fasst seine Enttäuschung und Langeweile so zusammen: "Gespräche können schiefgehen. Dass es an diesem Abend in Potsdam aber zu keinem kam, weil niemand streiten wollte, ist möglicherweise auch ein Symptom. Der polarisierten Gesellschaft fällt es besonders schwer, Dissens klar zu formulieren. Das liegt wohl auch daran, dass mehr über Positionen (wer spricht?), Regeln (darf man das?), Tonlagen geplaudert wird als über die Wahrheit."

Bei Molière in Obersüßbach oder Wurmannsquick hätten die Kollegen womöglich tiefere Erkenntnisse gewonnen und ganz bestimmt mehr Spaß gehabt. Echt wahr.

Fazit

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