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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 29.08.2016

Aus den FeuilletonsChatbots mischen im US-Wahlkampf mit

Von Hans von Trotha

Die Uhr am Trump Tower (imago stock&people)
Die Uhr am Trump Tower (imago stock&people)

Die "FAZ" widmet sich der Internetkommunikation rund um die US-Präsidentschaftswahlen und blickt ein wenig genauer auf die Online-Gefolgschaft von Donald Trump: Es wimmelt dort offenbar von Fake-Accounts und Bots.

Internetpiraterie ist gut, erklärt Tilman Baumgärtel in der TAZ. Sie "ist für die Medienindustrie, was die sozialistischen Blockstaaten zur Zeit des Kalten Krieges für den kapitalistischen Westen waren: die Androhung einer Alternative zu ihrem System, ein Hinweis darauf, dass es auch anders geht. Nur diese permanente Bedrohung im Nacken brachte die Medienindustrie dazu, auf Vertriebsmethoden umzusteigen, die den technischen Möglichkeiten und Zuschauerwünschen im Zeitalter des Internets entsprechen. Ohne Piraterie gäbe es kein Streaming, kein Spotify, kein Netflix und keine Mediatheken."

Chatbots und sozialistische Blockstaaten

Wenn Donald Trump das mit den sozialistischen Blockstaaten liest, löscht er wahrscheinlich gleich alle seine Accounts. Und damit seine politische Existenz. Neulich war zu lesen, Wissenschaftler würden sich der Sprache von Trump bedienen, um sogenannte Chatbots –  Roboter, die mit uns chatten – zu  programmieren, weil Trumps Redeweise so schlicht ist. Dann kam raus, dass Trump Sätze von Chatbots retweetet. Und jetzt erklärt uns Adrian Lobe in der FAZ: "Ein Viertel von Trumps Twitter-Gefolgschaft besteht aus Fake-Accounts; es gibt sogar Trump-Bots, die vorspiegeln, für Latinos zu sprechen."

Erst der Chatbot, dann der Trump-Bot. Aber noch kein Clinton-Bot. Die braucht das nicht, weil sie ja nur E-Mails ans reale Establishment schreibt, während Trump Produkt der virtuellen Welt sein soll.

"Ohne die Netzkonzerne als Transmissionsriemen", meint Trump-Bot-Interpret Adrian Lobe, "gäbe es diese Art der Propagandaproduktion nicht. Was den Journalisten Nick Bilton in 'Vanity Fair' zu der These bringt, Trump sei nicht das Geschöpf der Medien, sondern des Silicon Valley."

Einer Trump-Auftritte auf Twitter (imago stock&people)Einer Trump-Auftritte auf Twitter (imago stock&people)

Und Lobe geht noch weiter:

"Der Betreiber der Pro-Trump-Portals 'Liberty Writers News', Paris Swade, behauptet, dass sich, seit er Facebook 3000 Dollar im Monat zur Promotion seiner Seite zahle, der Traffic verdoppelt habe. Das", so Lobe, "wirft ein neues Licht auf die angeblich neutrale Plattform Facebook, die jeden Eindruck der Einflussnahme vermeiden will und ihre Redaktion für ´Trending News´ gerade durch einen Algorithmus ersetzt hat."

Die Bots haben es Lobe angetan. In der NZZ erörtert derselbe Autor die Moral von "Sexbots". "Für jedes sexuelle Bedürfnis eines Menschen", heißt es da, "gibt es eine programmierbare Antwort."

Persönlich vorgestellt bekommen wir "einen Sexbot namens Roxxxy … , der jeden Wunsch des Besitzers erfüllt". "Der Futurist Ian Pearson behauptet", behauptet Bot-Versteher Lobe, "dass wir 2050 mehr Sex mit Robotern als mit Menschen haben werden."

Auf der Suche nach Depression

"Da man angesichts der Bots und Fake-Accounts gar nicht mehr weiß, was im Netz echt ist und was nicht", schreibt Lobe am Ende seines Trump-Bot-Artikels in der FAZ, also nicht seines Sex-Bot-Artikels in der NZZ, "fischt im Zweifel auch der vermeintlich unbestechliche Algorithmus (den Menschen programmiert haben), nur im Trüben."

Und da ist Alarm angesagt.

Die TAZ meldet: "Ein Algorithmus will anhand ihrer Instagram-Fotos erkennen können, ob Menschen depressiv sind." Meike Laaff kommentiert:

"Depressive Menschen posten also grauere und blauere Fotos auf Instagram? Sie bevorzugen dunklere Farben und werden seltener geliket? Thanks, Captain Obvious, will man den Machern dieser neuen Studie der Universitäten Cambridge und Vermont zurufen. Doch die sind von ihren Untersuchungen zum Zusammenhang von geposteten Instagram-Bildern und Depressionen so überzeugt, dass sie sie als Frühwarnmechanismus für psychische Erkrankungen empfehlen. … Neu", so Laafs, "sind solche Big-Data-Analysen nicht. Sexuelle Orientierung, Wahlverhalten, Schwangerschaften – all das erkennen Algorithmen erstaunlich treffsicher."

Na ja. Für die sexuelle Orientierung haben wir ja bald die Sexbots, fürs Wahlverhalten die Trump-Bots, für die Schwangerschaften gibt es sicher auch etwas. Bleiben die Algorithmen selbst, Für die gibt es dann vielleicht Bot-Bots. Wenn es so weit ist, erfahren wir das bestimmt von Adrian Lobe.

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