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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 11.02.2016

Aus den FeuilletonsBerlinale-Glamour im Blätterwald

Von Arno Orzessek

Der Schauspieler George Clooney und seine Frau Amal bei der 66. Berlinale. Clooney spielt in dem Eröffnungsfilm "Hail, Caesar!" von den Coen Brüdern. (picture alliance / dpa / MAXPPP)
Verleihen der Berlinale Glanz: Schauspieler George Clooney und seine Frau Amal bei der 66. Berlinale. (picture alliance / dpa / MAXPPP)

"Ein Fest für Cineasten" nennt die "Berliner Zeitung" den Eröffnungsfilm der Berlinale "Hail, Caesar!" mit George Clooney. Auch die "Welt" feiert den Film, der uns an den "Wunderort der Menschheitsgeschichte" - nach Hollywood - führt.

"Wenn der Raum und die Zeit erzittern",

dann ist das der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG eine gleichlautende Überschrift wert.

Zumal auch die kosmologisch interessierten Zweige der irdischen Physik erzittern.

Jahrelang gesucht, wurden sie nämlich nun gefunden – genauer gesagt: als Signale dingfest gemacht – jene "wellenartigen Verzerrungen des Raum-Zeit-Gefüges, deren Existenz einst Albert Einstein prognostiziert hatte, die sich aber bislang jeglichen direkten Nachweises entzogen haben", wie FAZ-Autor Manfred Lindinger betont.

Verantwortlich für die Gravitationswellen, die am 14. September 2015 um 10.51 Uhr Ortszeit Hannover von wachsamen Physikern bemerkt wurden, sind zwei Schwarze Löcher, die sich vor langer Zeit allzu nahe gekommen waren.

Das Ergebnis des kosmischen Treffens laut FAZ: ein "Paartanz [der] Massenmonster", der den Raum ringsumher ins Schwingen brachte. 

Falls Sie sich nun fragen, liebe Hörer, 'Und was hat die Menschheit von den Wellen?' – hier die Antwort von Manfred Lindinger:

"Mit dem direkten Nachweis der unsichtbaren Strahlung hat sich ein neues Fenster in die Tiefen des Kosmos geöffnet. Es werden Einblicke in kosmische Prozesse möglich, die man mit gängigen Teleskopen nicht erfassen kann. Vor allem haben die Gravitationswellenforscher bewiesen, dass Einstein […] wieder einmal recht behalten hat."

Toll, toll, toll! Möchten wir von Herzen ausrufen.

Eine Würdigung des Bargelds

Andererseits überfällt uns auch bei den raumzeiterschütternden Gravitationswellen jener Schauer, der uns immer befällt, wenn wir bedenken, wie erschlagend schlau der Mensch ist – und wie beschränkt gleichzeitig, wenn es um pfiffige Lösungen simpler irdischer Probleme geht.

Allemal eine pfiffige Erfindung war einst das Bargeld, das nun laut SÜDDEUTSCHE ZEITUNG "Vom Verschwinden bedroht" ist.

Also veröffentlicht die SZ eine Sonderseite mit kleinen "Erzählungen von der Allgegenwart des Bargelds" – etwa: "Koks und Schein".

"Der eng zusammengerollte Schein ist Geld in erigierter Form. Die über ihn eingesogene Ladung Koks überfällt den Körper, lässt ein Kribbeln und den erschlafften Schein zurück, auf dem krümelübersäten Spiegel. Nie kommt Geld dem Körper und seinen Öffnungen näher, es geht eine Symbiose mit ihm ein; bildet eine Verlängerung des Nasenlochs, einen exklusiven Rüssel. Zusammen mit dem Schein, im fast ehelichen Verein, spielt beim Koksen auch die Kreditkarte eine Rolle: Sie schabt den Stoff gerade, er rotzt es weg. Drogen führen also zusammen",

phantasiert sehr schön das SZ-Kürzel PHBO, als hätte es eine frische Line intus. 

"'Hail, Caesar!' - ein Metafilm über das Filmemachen auf der Berlinale

Kaum nötig zu sagen: Wie immer zu Berlinale-Zeiten dominiert die Berlinale auch dieses Jahr die Feuilletons.

Und die BERLINER ZEITUNG stellt ihrer Sonderseite gleich mal das Schöpfungswort aus Genesis voran: "Es werde Licht."

"‘Hail, Caesar!‘ ist […] ein Fest für Cineasten und Kinofans – und als Metafilm über das Filmemachen an sich noch dazu eine perfekte Festivaleröffnung für die 66. Berlinale",

bejubelt Anke Westphal den Eröffnungsfilm der Coen-Brüder. Dessen Star-Besetzung den FAZ-Autor Dietmar Dath wortwahlmäßig ganz irre kirre macht:

"Tilda Swinton als doppelte journalistische Zwillingsheimsuchung beißt Sätze beim Ausspucken ab, als wären ihre Zähne Bleistiftspitzerklingen; Scarlett Johansson nixt als Meerjungfrauenkreuzung aus Esther Williams und Miley Cyrus auf die Kamera zu wie ein feuchter Traum in trockenen Tüchern; […]; und George Clooney kaspert mit den Augenbrauen, als wolle er von jetzt an für immer Clowney heißen."

"Hail, Caesar!" spielt im Hollywood der frühen 50er Jahre – aber allzu ernst sollte man die Bezüge nicht nehmen, meint Hans-Georg Rodek in der Tageszeitung DIE WELT.

Vielmehr freut es Rodek, wie locker die Coens ihr Spiel mit den falschen Kulissen und den gefälschten Bildern spielen:

"Sie machen sich freundlich darüber lustig, aber tief in ihren Bildern liegt eine Hochachtung vor diesem Wunderort der Menschheitsgeschichte, der Hollywood einmal war. Es mag alles Lug und Trug gewesen sein, aber die Magie war wunderbar." –

Falls Sie heute unsere Schlusspointe vermissen, liebe Hörer - eine Überschrift in der TAGESZEITUNG liefert die ganze Erklärung. Sie lautet:

"Ich war zu dumm und zu faul."

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