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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.05.2020

Aus den FeuilletonsBerlin in den letzten Kriegstagen

Von Paul Stänner

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Schwarz-weiß Fotografie: Der zerstörte Reichstag 1945. (picture alliance/Shagin/Sputnik/dpaSputnik)
Der zerstörte Reichstag 1945. Auch der Film "Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt" arbeitet mit historischen Aufnahmen. (picture alliance/Shagin/Sputnik/dpaSputnik)

"Berlin 1945", ein Film von Volker Heise, ist absolut sehenswert - darin sind sich die Feuilletons einig. Die "Welt" lobt die "kühne Entscheidung" des Filmemachers, fast ausschließlich zeitgenössische Dokumente zu verwenden.

Die bewegten Bilder beherrschen die Feuilletons vom Dienstag. Das "must" ist Volker Heises Film "Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt", eine Szenen-Collage, die die Nazi-Hauptstadt in den letzten Kriegstagen schildert.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG listet auf: "ein französischer Arzt, ein Hitlerjunge, eine untergetauchte Jüdin, ein Fotograf, außerdem Wehrmachtssoldaten, Kriegsreporter, Kriegsgefangene, aus deren Notaten und Erinnerungen dieses kollektive Tagebuch entsteht."

Die SZ möchte die Zuschauer geradezu verpflichten: "Die pädagogisch sicherlich wertvolle Warnung, das Programm sei 'nicht geeignet für Kinder, Jugendliche oder empfindsame Zuschauer', bedeutet nichts anderes, als dass man 'Berlin 1945'  unbedingt sehen muss".

Subjektive Eindrücke und historisches Filmmaterial

Der Berliner TAGESSPIEGEL findet: "Erstaunlich ist dabei, wie es Volker Heise gelingt, die subjektiven Eindrücke mit historischem Filmmaterial so zu unterlegen, als sei es speziell dafür aufgenommen worden."

DIE WELT lobt die – wie sie schreibt – "kühne Entscheidung", fast ausschließlich zeitgenössische Dokumente zu verwenden. Denn:

"Diese nah am Geschehen entstandenen Zeugnisse sind gewissermaßen die ‚Rohdaten’, mit deren Hilfe die später zu kollektiven Erinnerungen geronnenen Augenblicke wieder aufgebrochen werden können."

Und damit erneut als die subjektiven Erfahrungen sichtbar werden, die die Individuen damals gemacht haben.

Die Würde der Zuversicht

Zu ihnen zählt auch der England-Korrespondent der WELT, Thomas Kielinger, der das Kriegsende als kleiner Junge in Danzig erlebte. Er vergleicht kühn die Bedrohung von damals mit der Gefahr des Coronavirus von heute und resümiert:

"In der Erinnerung, was man alles übersteht und überstanden hat, mag Vergewisserung liegen, dass wir auch die Zukunft meistern, die Angst besiegen könnten. Das gehört zur Würde der Zuversicht."

Kielinger schließt mit einem entschlossenen: "Wir werden nicht kapitulieren.", ein Satz, grimmig geknurrt wie von Winston Churchill selbst.

Der Film "Berlin 1945" wird am Dienstag um 20.15 Uhr bei Arte, am 8. Mai um 20.30 Uhr im rbb-Fernsehen ausgestrahlt.

Fernsehkarrieren im Alter

Ja, könnte man sagen, lernen wir von den Alten, Erfahrung macht eben doch zäh. So bricht die FAZ eine Lanze für die Alten im Filmgeschäft. Auslöser ist ein Hinweis der Schauspielerin Renan Demirkan.

"Da Menschen von sechzig Jahren an zur Risikogruppe von Covid-19 zählten, würden deren Rollen aus den Drehbüchern herausgeschrieben."

Die FAZ erinnert an Helen Mirren und Hannelore Hoger. Und kann als schlagendes Argument ins Feld führen: Die "meistgesehene Serie hierzulande heißt 'Um Himmels Willen' und wird seit 2002 wöchentlich ausgestrahlt. Sie erzählt von einer streitlustigen Nonne und einem zänkischen Bürgermeister irgendwo im Niederbayerischen – sie wird von Jutta Speidel gespielt, 66 Jahre alt, er von Fritz Wepper, 78 Jahre."

Nach diesem Hinweis ist ja wohl Schluss mit dem covid-induzierten Jugendwahn.

Kritik an Kabarettistin Lisa Eckhart

Das FAZ-Feuilleton wendet sich den Jungen im Fernsehen zu: Kultiviert erregt porträtiert sie die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart, deren Witze sie als oft "menschenfeindlich" verortet.

"Lisa Eckhart lacht auf uns Nichtswürdige herab, was ihr den Ruf eingetragen hat, bitterböse und intelligent zu sein".

Die Zeitung zitiert einige Gags der stets extravagant gekleideten Kabarettistin, die wir hier wirklich nicht wiederholen möchten, und urteilt:

"Eckhart überschreitet Grenzen, hört man, diese Grenzen sind die, die man von Herrenstammtischen kennt, die sich lautstark darüber mokieren, was heute alles verboten sein soll und dass die doch alle spinnen – kurz, die Ressentiments von Menschen mit wenig Begabung zu Weitblick und Einfühlung."

Dann führt die FAZ noch einen Hieb zum Abschluss:

"Falls sie irgendwo positiv auffällt, dann höchstens neben Dieter Nuhr, dessen Sendung sie regelmäßig als Gast beehrt."

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