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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 13.04.2019

Aus den FeuilletonsAusflug in die Ontologie

Von Tobias Wenzel

Der erste direkte visuelle Nachweis eines Schwarzen Lochs  (Event Horizon Telescope (EHT) / dpa)
Erstes Bild eines Schwarzen Lochs (Event Horizon Telescope (EHT) / dpa)

Die "FAZ" nimmt das erste Bild eines Schwarzen Lochs zum Anlass für eine Einführung in die Philosophie. Und stellt fest, dass die Wissenschaft "die Grenze des Bereichs des Beobachtbaren in eindrucksvoller Weise ein weiteres Mal verschoben" hat.

Manchmal ist Zeitunglesen wie fröhliches Studieren: Die Feuilletons dieser Woche waren eine Einführung in die Philosophie, in die praktische und theoretische. "Durch unsere Welt verläuft seit jeher eine Grenze. Durch sie wird das Beobachtbare vom Unbeobachtbaren getrennt", schrieb Sibylle Anderl in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG anlässlich des ersten Bildes von einem Schwarzen Loch und führte in die Erkenntnistheorie ein.

Bisher habe man angenommen, Schwarze Löcher gehörten zu den Phänomenen, die man nur indirekt nachweisen, aber eben nicht direkt beobachten könne. Doch nun das Bild vom Schwarzen Loch, dem der neue SPIEGEL sogar seine Titelgeschichte gewidmet hat: "Das erste Bild eines schwarzen Lochs erlaubt tiefe Einblicke in das Wesen des Universums", heißt es da. Und da sind wir schon in der Ontologie, der philosophischen Disziplin, die sich mit dem Sein und mit der Struktur von Wirklichkeit beschäftigt.

An der Grenze des Beobachtbaren 

Was ist denn überhaupt ein Schwarzes Loch? "Nach Einstein krümmen Massen die Raumzeit", erklärte Sibylle Anderl in der FAZ. "Bei extrem kompakten Massen kann die Krümmung so groß werden, dass eine Region entsteht, aus der nichts, nicht einmal Licht, entkommen kann." Dann verließ die Autorin die Ontologie, um zur Erkenntnistheorie zurückzukehren: Wenn man vom Bild eines Schwarzen Lochs spreche, dann liege da ein innerer Widerspruch vor:

"Wie will man etwas abbilden, das alles Licht unwiederbringlich schluckt?", fragte sie und antwortete: "Wenn von einem Bild eines Schwarzen Lochs die Rede ist, kann es tatsächlich nur darum gehen, das Schwarze Loch im Kontrast zu seiner sichtbaren Umgebung abzubilden, dem Gas also, das sich in einem scheibenförmigen Strudel in das Loch hinein bewegt und teilweise in zwei strahlenförmigen Ausflüssen senkrecht zur Scheibe abgestoßen wird." Trotzdem: Das Bild ist eine Sensation. Oder in Anderls Worten: "Die Grenze des Bereichs des Beobachtbaren ist mit diesem so lange erwarteten wissenschaftlichen Ergebnis in eindrucksvoller Weise ein weiteres Mal verschoben worden."

Malerei von Antisemiten im Kanzleramt

Vom schwarzen Loch zur weißen Wand, von einem Bild aus dem Weltall zu Bildern von Emil Nolde, von der theoretischen zur praktischen, nämlich zur Moralphilosophie: Was ist gutes, was ist schlechtes Handeln? Erst ließ Angela Merkel das von ihr geliebte Bild "Blumengarten" und ein weiteres von Emil Nolde im Kanzleramt abhängen, nachdem im Rahmen der Ausstellung im Hamburger Bahnhof klar geworden war, dass der Maler doch noch etwas mehr Nazi und Antisemit war, als bisher bekannt war oder als man es bisher wahrhaben wollte.

Nun distanzierte sich Merkel von ihrer Idee, stattdessen einen Schmidt-Rottluff aufzuhängen: Auch dieser Maler war Antisemit. Der Verleger, Kunsthistoriker und Autor Florian Illies zeigte sich von der Kanzlerin enttäuscht. Ihr Verhalten habe viel zu tun mit der "Sehnsucht unserer prüden, verängstigten Zeit nach einer besenreinen Kunstgeschichte", schrieb er in der ZEIT. Er plädierte dafür, die Widersprüchlichkeit von Geschichte und Mensch (Noldes Bilder wurden als "entartet" aus den Museen entfernt und trotzdem war er ein Rassist und Antisemit) herauszustellen. "Und der Wahrheit Raum zu geben, dass leider auch niederträchtige Menschen höchste Kunst schaffen können. Das ist natürlich unbequem. Aber viel mutiger, als wieder damit anzufangen, Bilder abzuhängen."

"Der Vergleich" - also der zwischen weißer Wand im Kanzleramt und dem 'Bildersturm der Nazis' – "wirkt selbst geschmacklos", reagiert Ulrike Knöfel im neuen SPIEGEL auf Florian Illies, "und doch bleibt diese Frage: Muss man sich dem Forschungsstand beugen, der Entlarvung Noldes als Antisemit?" Ihre Antwort: "Muss man nicht, aber vielleicht erscheint dem Publikum der Ausstellung das Blond mancher von Nolde gemalten Figuren noch eine Spur blonder, wenn sie im Katalog lesen, wie sich der Künstler um das Aussterben der 'hellblonden Völker' sorgte."

Ein Zwangssystem zur Ermöglichung von Freiheit

Und weiter ging‘s im Feuilleton mit Sitten und Moral: Die "Händewaschmoral lässt zunehmend zu wünschen übrig", schrieb Johan Schloemann in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, um auszuführen, dass es gar nicht so absurd wäre, wenn bei einer immensen Verbreitung lebensgefährlicher Keime der Staat eine Händewaschpflicht einführte. "Der Staat greift sehr oft in die Autonomie der Bürger ein. Und das ist gut so", urteilte der Autor und nannte Beispiele aus der jüngsten Zeit:

Die "Organspende ist einfach keine Privatsache, und noch weniger ist es die Impfung gegen Masern. Es ist sehr verstörend, wenn Mitbürger behaupten, diese Dinge gingen den Staat nichts an, erst recht natürlich, wenn ungeimpfte Kinder staatliche Kindergärten besuchen, denn wir leben nicht für uns allein." Dann gab der Autor mit nur einem Satz Einblick in das Feld der politischen Philosophie, der Staats- und Rechtsphilosophie: "Der demokratische Staat, in dem formell alle die gleichen Rechte haben, ist ein Zwangssystem zur Ermöglichung von Freiheit."

Jetzt denken Sie, liebe Hörer, vielleicht: Das mit der praktischen, der Moralphilosophie, das sehe ich ein, das hat mit mir selbst zu tun. Aber was schert mich die theoretische Philosophie? Was betrifft mich die Beschaffenheit des Universums und ein Schwarzes Loch? Ganz einfach: Wir selbst leben auf einem Planeten, der ein potenzielles Schwarzes Loch ist. Das erklärte uns Sibylle Anderl in ihrem Artikel für die FAZ: "Unsere Erde würde zu einem Schwarzen Loch, wenn man sie auf eine Kugel zusammenpresste, deren Radius dem einer Zwei-Cent-Münze entspricht."

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