Dienstag, 15.10.2019
 

Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 08.01.2019

Aus den FeuilletonsAufmontierte Katzenohren bei Instagram

Von Gregor Sander

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Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse am 12.03.2018 in Köln auf der Lit.Cologne, dem internationalen Literaturfest in Köln. (dpa/Horst Galuschka)
Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse hat in der SZ die Debatte um ihren Bruder Robert kommentiert. (dpa/Horst Galuschka)

Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse erklärt sich in ihrem SZ-Kommentar zur Debatte um ihren Bruder zwar befangen, kritisiert aber, dass ein FAZ-Kommentar mit dem Begriff "erfundene Auschwitz-Rede" auf die Pauke schlage.

"Als Schwester bin ich natürlich befangen", schreibt Eva Menasse in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und damit hat sie zweifellos Recht. Trotzdem wirft sie sich in die Debatte um ihren Bruder Robert Menasse. Der hat sich wie es die SZ zusammenfasst: "Innerhalb und außerhalb fiktionaler Texte mehrmals auf eine Rede des Europa-Politikers Walter Hallstein in Auschwitz bezogen, die dieser nie gehalten hat."

Die schwesterliche Verteidigungsschrift

Eva Menasse eröffnet ihre Verteidigungsschrift mit dem schwesterlichen Eingeständnis: "dass mein Bruder bisweilen ein schlampiger Zitierer, ein manchmal in seine Thesen verliebter Luftikus und alles andere als ein kühler Stratege in eigener Sache ist." Trotzdem geht ihr die Kritik längst zu weit:

"Wirklich schwer zu verkraften wurde die Affäre, seit die FAZ mit der 'erfundenen Auschwitz-Rede' auf die Pauke schlägt. Patrick Bahners schrieb vom 'Inbegriff der Tatsache, mit der man nicht spielt'. Die Nähe zur 'Auschwitz-Lüge' kann ihm nicht verborgen geblieben sein, auf einigen rechtsradikalen Seiten nennen sie es bereits genau so. Weiß Bahners denn nicht, dass er selbst, so argumentierend, 'mit Auschwitz spielt'?

So wird es vermutlich noch ein paar Tage hin- und hergehen in den Feuilletons, auch wenn der Suhrkamp Verlag die Diskussion um seinen Autor eigentlich gern per Presseerklärung beendet hätte oder Harald Schmidt in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG in bester Dirty-Harry-Manier ledert:

"Wenn ich hier draußen jedem, der den Namen Robert Menasse kennt, hundert Euro gebe, komme ich mit Gewinn zurück. Sehen Sie sich doch Umfragen an, was die Leute interessiert. Die sind vollauf damit beschäftigt, sich Katzenohren aufzumontieren bei Instagram."

Der große, unbekannte Schlagerkomponist

Gut, vermutlich trifft das auf viele Themen der Feuilletons zu. Trotzdem kümmern wir uns hier lieber um das Kino als um digitale Katzenohren und blättern in die Tageszeitung DIE WELT. Dort hat Michael Pilz den "Soundtrack des Westens" gehört. Im Kinofilm "Meine Welt ist die Musik" über Christian Bruhn. "Christian wer?", kalauert DIE WELT in der Überschrift pflichtschuldig, um den Schlagerkomponisten dann so vorzustellen:

"Wer die alte Bundesrepublik im Fernsehen erlebt hat, kennt sein Werk, von 'Marmor, Stein und Eisen bricht' über 'Ein bisschen Spaß muss sein' bis 'Heidi'". Der vielleicht interessanteste Satz in dieser Filmkritik lautet dann allerdings: "Das Kino zeigt nun, was es war: die alte Bundesrepublik, damals das neue Deutschland."

Robert Habecks Ansichten über Thüringen

Hätte Robert Habeck diesen Satz getwittert, müsste er ihn wohl wieder löschen, weil was bitteschön war dann die DDR zu dieser Zeit, wo selbst das Zentralorgan der SED "Neues Deutschland" hieß? Aber der Grünen-Chef zwitschert ja nun nicht mehr und Anja Meier meint dazu in der TAZ:

"Ich hatte mich gar nicht aufgeregt über das, was Habeck über Thüringen gesagt hatte. Kein bisschen. Denn dass der Osten unfrei, undemokratisch und unökologisch sein soll - denkt das nicht irgendwie die Mehrheit in diesem Land? Selbst mir, die ich von hier komme und hier lebe, war zuerst nichts aufgefallen. 'Hey Ossis, wir machen was aus euch' – so in etwa ist doch seit dreißig Jahren der Schnack."

Auf derselben Seite der TAZ freut sich Baha Kirlidokme: "Menschen aus der Mitte solidarisieren sich auf Twitter mit einer ZDF-Journalistin, die von Rechten bedroht wird, und twittern den Antifa-Slogan "Nazis raus". Das ist neu - und schön."

"Maximale Bereitschaft zum Missverständnis"

Allerdings fragt sich der Autor auch: "Dabei bleibt offen, wer mit 'Nazis' gemeint ist und ob sie wirklich 'raus' sollen. Jeder muss die Frage für sich selbst beantworten: Zähle ich nur vom Verfassungsschutz beobachtete Rechtsextreme dazu oder sind für mich alle AfD-Abgeordneten, vielleicht sogar schon AfD-Wähler Nazis? Wo und wohin sollen sie raus?"

Die griffigen Parolen der sozialen Medien ins analoge Leben zu überführen ist dann eben doch nicht ganz so einfach, und für Jürgen Kaube von der FAZ steht außerdem fest: "In den sozialen Medien überwiegt, wie in Massenmedien generell, zumeist nicht das Wohlwollen. Moralische und politische Falschparkeraufschreiber agieren dort vielmehr nach dem Imperativ maximaler Bereitschaft zum Missverständnis oder zur hämischen Freude über Fehlleistungen."

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