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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 06.02.2020

Aus den FeuilletonsAuf der Suche nach der bürgerlichen Mitte

Von Klaus Pokatzky

Björn Höcke von der AfD gratuliert dem neuen Ministerpräsidenten von Thüringen, Thomas Kemmerich (FDP). (Bodo Schackow/dpa-Zentralbild/dpa)
"Die scheußliche Partei mit dem aus Hetze zusammengehäkelten Programm führt bei anderen Parteien zu Richtungsdebatten", meint Dietmar Dath in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". (Bodo Schackow/dpa-Zentralbild/dpa)

Dietmar Dath äußert sich in der "FAZ" anlässlich der Regierungskrise in Thüringen über die Strategie der AfD und schreibt: Links wildere die AfD mit Gesten der Sorge um die verarmte Oma und bei der Christdemokratie mit Angst um den Weihnachtsmarkt.

"Die Zeitung war Lebenshilfe", lesen wir in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Wenn ich sie entfaltete, knisterte sie und lag ausgebreitet vor mir, nüchtern und sinnlich zugleich." So stellt sich der Philosoph Wilhelm Schmid vor, wird er eines fernen Tages seinen heute "noch nicht geborenen Enkeln" erzählen, was einst die gedruckte Zeitung bedeutete:

"Gerne bekam ich Anregungen: Gute Autoren brachten Aspekte ins Spiel, an die ich nicht gedacht hatte. Sie unternahmen Deutungen, die mich überzeugten, und vertraten Meinungen, die meine Gegenmeinung herausforderten. Ich pickte heraus, was ich interessant fand." Also picken wir mal. Da gibt es einiges.

"Aus Hetze zusammengehäkeltes Programm"

"Die AfD greift ab, wo sie kann", steht in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. "Links wildert sie mit Gesten der Sorge um die verarmte Oma, bei der Christdemokratie mit Angst um den Weihnachtsmarkt", meint Dietmar Dath. "Die scheußliche Partei mit dem aus Hetze zusammengehäkelten Programm führt bei anderen Parteien zu Richtungsdebatten."

Oder eben zu Ministerpräsidentenwahlen und zu einem politischen Coup in Erfurt, der das Land ins Beben und die Feuilletons zu dem brachte, was Wilhelm Schmid so an der Zeitung schätzt: "Anders als ein kleiner Bildschirm vermittelte das Printformat einen Eindruck von der Größe der Welt. Ich fand es wichtig, dass das große Ganze präsent bleibt und nicht nur kleine Ausschnitte zu sehen sind."

Manchmal hilft auch noch ein Blick in den Fernseher dabei, wenn es darum geht, wie in Thüringen der FDP-Politiker Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt werden konnte: auch mit den Stimmen der AfD von Björn Höcke und der CDU – deren Erfurter Fraktionsvorsitzender Mike Mohring heißt, und der sprachlich offenbar noch etwas ungeübt ist.

Deutsche Sprache – schwere Sprache

"Mohring wollte in den ‚Tagesthemen‘ sagen, dass er und seine Parteikollegen keinerlei Verantwortung dafür tragen, dass Kemmerich nun von Höckes Gnaden ins Amt des Ministerpräsidenten aufgestiegen war", fasst die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ein Fernseherlebnis der besonderen Art zusammen.

"Mohring sagte aber stattdessen: ‚Wir sind völlig unverantwortlich für das Wahlverhalten anderer Fraktionen!‘" Deutsche Sprache – schwere Sprache. "Man kann nur sagen: Leider ja. Völlig unverantwortlich", findet in der SÜDDEUTSCHEN Alex Rühle und stellt "lauter offene Fragen: Wie kann man die Mitte wieder in die Mitte rücken? Was heißt noch bürgerlich, wenn die AfD mit dem Begriff wirbt? Was bedeutet konservativ, wenn man, statt die Demokratie zu bewahren, bereit ist, gemeinsame Sache mit einem Faschisten zu machen?"

"Kombination aus Dummheit und Fahrlässigkeit"

Für die FRANKFURTER ALLGEMEINE liegt das "Problem der Erfurter Kungelei von CDU und FDP mit der AfD" darin: "In der Kombination aus Dummheit und Fahrlässigkeit, mit der hier Politiker, die sich konservativ und liberal vorkommen, auf das Spiel hereingefallen sind, das die AfD mit ihnen treibt", wie Jürgen Kaube findet.

"Wenn Kemmerich und seine Mitstreiter in FDP wie CDU ernsthaft geglaubt haben sollten, sie könnten, nachdem er sich durch Höcke und dessen Leute hatte wählen lassen, irgendeine Unterstützung aus dem Rest des Parlaments bekommen, muss man an ihrem Verstand zweifeln."

Wir loben den Verstand von Wilhelm Schmid mit seiner Liebeserklärung an die gedruckte Zeitung in der NEUEN ZÜRCHER: "Die Printausgabe war für mich die Welt, in Falten gelegt. Täglich kehrte sie in identischem Format wieder, täglich zur gleichen Zeit." Wie die Kulturpresseschau.

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