Aus den Feuilletons

Angst vor dem Ende des Liberalismus

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Die Journalistin Bari Weiss.
Die ehemalige "New York Times"-Journalistin Bari Weiss hat eine neue Ideologie ausgemacht, die den Liberalismus bekämpft und ablösen will. © Brian Cahn / ZUMA Press / imago images
Von Arno Orzessek · 18.10.2020
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Die Journalistin Bari Weiss verließ vor ein paar Monaten die "New York Times", weil ihr der dortige Meinungskorridor zu eng war. Nun schreibt sie in der „Welt“ über die "Gefahr", die von links ausgeht. Immerhin: Gegen Trump ist sie auch.
"Unglaublich!", überschreibt die Tageszeitung DIE WELT einen doppelseitigen Essay von Bari Weiss, jener Journalistin, laut WELT sogar "Starjournalistin", die im Juli die NEW YORK TIMES verlassen hat. Weiss‘ Kritik: Der Meinungskorridor in der Redaktion sei allzu eng, es herrsche ein "illiberales Klima". Und nun erklärt Weiss in der WELT:
"Ich teile die Abscheu der Mehrheit der amerikanischen Juden vor Trump und seiner Politik, die Bigotterie und Grausamkeit auf eine Weise normalisiert, die die amerikanische Gesellschaft nachhaltig verformt und gespalten hat. Diese Tatsache sollte aber nicht von etwas anderem ablenken: Es gibt noch eine weitere Gefahr – und zwar durch die Linke. Und im Gegensatz zu Trump dominiert diese Gefahr die Kultur, sie hat Amerikas Eliten und mächtigste Institutionen erfasst."
Fragen Sie sich, auf welche Gefahr Bari Weiss eigentlich konkret anspielt? Eben das ist offenbar nicht leicht auf den Punkt zu bringen. Weiss konstatiert:
"Der amerikanische Liberalismus wird bedroht. Es gibt eine neue Ideologie, die darum kämpft, ihn zu ersetzen. Bisher hat niemand einen richtigen Namen für diese Kraft. Manche nennen sie 'soziale Gerechtigkeit'. Der konservative Autor Rod Dreher hat sie als 'therapeutischen Totalitarismus' bezeichnet. Der Essayist Wesley Yang nennt sie 'die Nachfolge-Ideologie' – als Nachfolge des Liberalismus. Irgendwann wird diese Ideologie einen offiziellen Namen haben; einen, der diese Mischung aus Postmodernismus, Postkolonialismus, Identitätspolitik, Neomarxismus, kritischer Rassentheorie, Intersektionalität und Therapiementalität hinlänglich beschreibt."
Bari Weiss, ehemals NEW YORK TIMES, in der WELT.

Sprache drückt Bewusstsein aus

Falls sich bekennende Linke nun provoziert fühlen, schlagen wir zum Ausgleich die TAGESZEITUNG auf, in der Postkolonialismus, Intersektionalität und diese Dinge bekanntlich in hohem Ansehen stehen. In der Interview-Kolumne "Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?" erwähnt die TAZ, dass das Justizministerium unter Christine Lambrecht (SPD) einen Gesetzentwurf komplett im generischen Femininum formuliert hat – und auf deftigen Widerstand gestoßen ist. Frage der TAZ an Küppersbusch: "Wovor fürchten sich die Verteidiger:innen des generischen Maskulinum eigentlich?"
"Das Gendersternchen, das Unterstrich_Innen, im Gesprochenen der manierierte Innenhopser, nun auch noch dies – es nervt. Und das soll es auch. Die Sprache drückt das Bewusstsein aus, und viele gut gemeinte Neuerungen werden alltags flach gemümmelt werden wie Flusskiesel. Heute ist die grundsätzlich weibliche Form eine Neuerung; morgen schon findet jemandIn heraus: Die weibliche Form – als Blinddarm hinten an die männliche angeklebt – ist ja total frauenverachtend! Wir werden mit der Sprache unzufrieden bleiben, bis die gesellschaftlichen Umstände sich bessern."

Wer Frauen nicht die Hand gibt, wird nicht eingebürgert

Tja, was wohl der junge Arzt libanesischer Herkunft, der allen Frauen außer seiner eigenen den Handschlag verweigert, von der hiesigen Gender-Debatte hält? Sicher ist: Jürgen Kaube hält es in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG für richtig, dass jenem Arzt von der zuständigen Frau beim Landratsamt die Einbürgerung verwehrt wurde – und das Oberste Verwaltungsgericht in Mannheim ihre Entscheidung stützt:
"In der Hand einer beliebigen Frau als solcher eine sexuelle Versuchung zu sehen, wird für das Gericht auch nicht dadurch besser, dass der Kläger nachschiebt, künftig um der Gleichheit willen auch allen Männern keine Hand mehr zu geben. So leicht und schlau ist Zustimmung zur Gleichheit der Geschlechter nicht glaubwürdig zu machen."

Aus Flauberts Gefühl wird Männlichkeit

Unterdessen ist eine Neuübersetzung von Gustave Flauberts Jahrhundertroman "Éducation sentimentale", deutsch: "Lehrjahre des Gefühls", erschienen, heißt aber nun nach dem Willen der Übersetzerin Elisabeth Edl: "Lehrjahre der Männlichkeit". "Auswuchs der Genderdebatte oder philologischer Scoop?" fragt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Jürgen Ritte argumentiert unpolemisch und überaus gelehrsam – und kommt zu dem Ergebnis: "Dieser Flaubert", von Edl übersetzt, "wird auf Jahrzehnte der unsere sein".
Das war’s. Und was haben wir heute gelernt? Eines auf jeden Fall: Es ist und bleibt wichtig zu wissen - wir zitieren eine Überschrift der SZ: "Wo die Worte hingehören".
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