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Kulturpresseschau | Beitrag vom 31.08.2018

Aus den FeuilletonsAndroiden fragt man nicht

Von Arno Orzessek

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Weiblicher Roboter mit dem Spiegelbild einer Frau. (imago stock&people)
Weiblicher Roboter mit dem Spiegelbild einer Frau. (imago stock&people)

Die Süddeutsche Zeitung schreibt Geschichten aus der Zukunft. Eine vorab gedruckte Geschichte des britischen Autors Ian McEwan erzählt poetisch und verstörend von der Beziehung zwischen Menschen und Androiden.

Verabreichen wir uns zuerst "Die tödliche Kevin-Dosis". So heißt ein Artikel in der Tageszeitung DIE WELT, in dem der Autor mit dem musikalischen Pseudonym Don Alphonso den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert porträtiert, kritisiert, abserviert. Dabei bebildert Don Alphonso - wir bitten, folgende Fremdwort-Kaskade entweder zu würdigen oder zu entschuldigen - sein Bashing mit den Srceen-Shots diverser Kühnertscher Facebook-Posts.

"Kühnert: Ein Parteifunktionär mit Karrierewünschen"

Ein Post von diesem Donnerstag lautete zum Beispiel:

"Die Vorstellung des #Sarrazin-Buches übernimmt heute Heinz #Buschkowsky. Das sagt mehr über Buschkowsky, als über den Autor. Gut, dass er jetzt endlich mal entschieden hat, in welchem Team er spielt. Keine weiteren Fragen."

Und nun Don Alphonsos Meinung über Kevin Kühnert:

"Wir sehen hier einen jungen, bei den Medien gefragten Mann, der seine Position auch den guten Startbedingungen verdankt, andere, abweichende Meinungen verachtet und sie auch gar nicht erst im vollen Umfang zur Kenntnis nehmen möchte. Er hat keine weiteren Fragen, aber 68.000 Follower, und wer das kritisiert, den will er als Wähler auch gar nicht haben. Kühnert steht nicht für eine Volkspartei, sondern für sich, er ist darin, wenn man so will, ein Destillat dessen, was Heiko Maas, Andrea Nahles, Ralf Stegner und Manuela Schwesig repräsentieren: Parteifunktionäre, die ihren fragmentierten Interessen und Karrierewünschen nachgehen."

Dresche für die Sozen von dem Ex-Sozen und WELT-Autor Don Alphonso, sonst bekannt als Hohepriester des spöttisch-ironischen Snobismus, hier aber bierernst.  

Journalisten sollten keine Politiker bekämpfen

Wir bleiben bei vielspaltigen Artikeln, den sogenannten langen Riemen. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG schreibt der US-amerikanische Journalist und Journalismus-Forscher Jay Rosen einen "Brief an die deutschen Journalisten". Und hält einige Tipps parat, darunter diesen:

"Aufgrund meiner Erfahrungen im Zusammenhang mit der Kampagne von Donald Trump, die amerikanische Presse zu diskreditieren, sage ich: Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, eine Partei oder einen charismatischen Politiker zu bekämpfen. Sie sollten einen politischen Stil bekämpfen, der die Demokratie untergräbt und ihre Institutionen aushöhlt. Diese Unterscheidung sollten Sie beherzigen. Der Grundsatz ‚Behandle die AfD wie eine normale Partei, solange das irgend möglich ist‘ ist vernünftig."

Okay, vielleicht ist es Ihnen egal, was ein amerikanischer Journalist in der FAZ deutschen Kollegen rät. Vielleicht möchten Sie lieber etwas lesen, was sich ans große Publikum wendet. In diesem Fall bietet sich die in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erstveröffentlichte Erzählung "Düssel..." des britischen Autors Ian McEwan an.

In der Unterzeile heißt es:

"Es wird einmal eine Zeit geben, in der wir nicht mehr erkennen können, ob wir einen Menschen vor uns haben oder einen Androiden. Und es wird unanständig sein zu fragen."

"Nur wer den Ruf der Trommeln hört, wird richtig tanzen."

Hier ein Auszug:

"Ich lag da, sie über mir in all ihrer Pracht, nackt bis auf ein Nietenhalsband aus Gold und Lapislazuli. Selbst im Bernsteinlicht der Nachttischlampe schimmerte die Haut noch weiß. Ihre Augen waren geschlossen, während sie sich auf mir wiegte; zwischen den Lippen, leicht geöffnet, blitzten ihre schönen Zähne. Ihre rechte Hand ruhte liebevoll auf meiner linken Schulter, und sie duftete leicht – nein, nicht nach Parfüm – nach Sandelholzseife."

Mitten in actu: Der Ich-Erzähler in Ian McEwans "Düssel…" – der seinem Gegenüber irgendwann in der Zukunft im Rückblick auf die Frühzeit der Androiden erklärt:

"Glaube mir, wenn du dich nie bei einer Maschine dafür entschuldigen musstest, dass du ihr die schamlose Frage gestellt hast, hast du auch keine Vorstellung von der historischen Distanz, die ich und meine Generation überbrückt haben."

Ein grandioser Satz! Nachzulesen in der SZ.

Tja! Und was könnte jetzt noch folgen, nachdem wir womöglich… es sei nicht verraten… dem Liebesakt mit einer Androidin beigewohnt haben? Allensfalls eine Überschrift, die bei uns eine seltsam-schöne Gemütsregung auslöst. Sie steht in der FAZ und lautet: "Nur wer den Ruf der Trommeln hört, wird richtig tanzen."

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