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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 06.01.2021

Aus den FeuilletonsAlleine Beten macht verschwörungsgläubig

Von Tobias Wenzel

Detail von betenden Händen auf einer Bibel, auf die ein Lichtstahl fällt. (Eyeem / Iordache Laurențiu)
Laut einer Studie sind Menschen, die alleine beten, anfälliger für Verschwörungstheorien. (Eyeem / Iordache Laurențiu)

Die "FAZ" stellt eine Studie vor, die religiöse Einstellung und die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien untersucht. Ein Ergebnis: Wer alleine betet, glaubt häufiger an geheime Machenschaft als Gottesdienstgänger.

Haben Sie, liebe Hörer, eigentlich schon mal einen "Tec Rider" erstellt? Sind Sie Teil eines "Polyküls"? Und was verstehen Sie unter einer "Herzlinie"? Die Feuilletons vom Donnerstag werfen fröhlich mit Fachbegriffen um sich, sind aber so fair, sie danach zu erklären.

In ihren "Tec Ridern", erläutert die Dichterin Nora Gomringer in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, halten Künstler fest, welche Anforderung die Bühne für ihren Auftritt haben muss, wie hoch zum Beispiel ein Podest und wie beschaffen das Licht sein soll.

"Künstlerinnen und Künstler, die ihr Geschäft verstehen, wissen, wie sie am besten wirken, und erbitten in der Regel einen Mindeststandard einer Idealvorstellung, um wenigstens einen Hauch dessen übertragen zu können, was sie erdacht und geplant haben", schreibt Gomringer. "Hauch! Das ist schlecht in Corona-Zeiten. Ich sage besser ein Jota, und ich sage es fränkisch, damit der harte T-Laut nicht für noch mehr Aerosole sorgt: Joda."

Böse Mächte oder göttliche Strafe?

Oder man zieht sich gleich ganz zurück in die Solowelt, um nach Lust und Laune hauchen oder auch beten zu können. Wer dazu neigt, für sich allein zu beten, glaubt mit höherer Wahrscheinlichkeit "privatistisch-apokalyptisch", schreiben Carolin Hillenbrand und Detlef Pollack in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

Die beiden Wissenschaftler der Universität Münster stellen Forschungsergebnisse einer Online-Studie vor, die sie von Juli bis Dezember 2020 durchgeführt haben. Den Befragten wurden die drei folgenden Aussagen vorgelegt, denen sie zustimmen konnten oder nicht: "Hinter der Corona-Pandemie stecken böse, verborgene Mächte", "Diese Pandemie ist vor allem eine göttliche Strafe angesichts der menschlichen Sündhaftigkeit" und "Ich vertraue vor allem auf Wissenschaft und Technologie, um die Coronavirus-Pandemie zu überwinden".

Eines der Studienergebnisse: "Glaube schützt nicht vor dem Glauben an Verschwörungstheorien". Wenn man ins Detail der Studie geht, wird es noch spannender: Menschen, die privat beten, glauben häufiger an Verschwörungstheorien als Gottesdienstgänger. Das erklären die Wissenschaftler in der FAZ so:

"Offenbar stellt die Einbindung in religiöse Gemeinschaften, die dort geübte Kommunikation und der durch die Zusammenkunft ermöglichte Austausch untereinander einen Schutz vor Verschwörungstheorien dar. Für die privat geübte Gebetspraxis gilt das nicht."

Die wilden Orgien nach der Pandemie

Da möchte man ja fast schon das Alleinsein verbieten. "Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn körperliche Nähe irgendwann nicht mehr gefährlich ist. Feiern wir dann alle wilde Orgien und Sexpartys?", fragt Andrea Newerla im Gespräch mit der TAZ. Die Soziologin, die unter anderem zur Intimität forscht, weiß aus ihren wissenschaftlichen Interviews, dass Menschen, die nicht monogam leben, besonders unter den Beschränkungen in der Pandemie leiden. Es könne in ihren "Polykülen" zu Brüchen kommen.

Die TAZ liefert dankenswerterweise einen eigenen Erklärtext zum Wort "Polykül": "Der Begriff stammt aus der Polyamorie-Bewegung. Er bezeichnet das Geflecht aus allen Personen, mit denen jemand intime Beziehungen pflegt, sowie wiederum deren intime Partner:innen und so weiter."

Bei rasendem Tempo um das eigene Herz gedreht

Das hat wiederum nichts mit der "Herzlinie" zu tun. Man solle bei dem Begriff bloß nicht an etwas Schönes denken, rät Paul Jandl in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Die Herzlinie ist jener Weg, den das menschliche Herz bei Achterbahnfahrten zurücklegt", erklärt Jandl. "Krönung dieses Prinzips ist im Achterbahnbau die 'Heartline Roll'. Dabei wird der Passagier bei rasendem Tempo einmal um sein eigenes Herz gedreht."

Wenn Sie, liebe Hörer, nun sagen "Dann steige ich halt in keine Achterbahn ein!", dann ruft Ihnen Paul Jandl zu: Sie sitzen schon mittendrin! Denn, schreibt er, die Pandemie ist eine "Heartline Roll".

Mehr zum Thema

Großveranstaltungen im Test - Wie Aerosole überlistet werden sollen
(Deutschlandfunk Kultur, Die Reportage, 15.11.2020)

Kommentar zu Verschwörungstheorien - Ist die Philosophie zu zweiflerisch?
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Rückkehr der Prüderie - Auch kein Körperkontakt im Kinofilm
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