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Kulturpresseschau | Beitrag vom 21.04.2021

Aus den Feuilletons"Alle Grünen trugen Bart, auch die Frauen"

Von Arno Orzessek

Abgeordnete der Grünen im Deutschen Bundestag in Bonn im Jahr 1983.  (AP / picture alliance)
Das Markenzeichen in der Anfangsphase der Grünen seien auch ihre Bärte gewesen- sogar bei den Frauen, schreibt die SZ. (AP / picture alliance)

Die Wandlung der Grünen erkenne man nicht nur an den Äußerlichkeiten der Abgeordneten, schreibt die "SZ". Früher sei die Partei "so zerstritten wie eine Studenten-WG vorm Badezimmer-Putzplan" gewesen, nun punkte Baerbock mit Slogans der Konservativen.

Keine Frage: Am deutlichsten unterscheidet sich das Feuilleton von anderen Ressorts durch die freizügige Sprache. Und das ist auch gut so, wie man an den Formulierungen ablesen kann, mit denen Alexander Gorkow und Gerhard Matzig in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG die Frühzeit der Grünen charakterisieren:

"Als sich die Grünen damals gründeten vor rund 40 Jahren, bekam man, wenn man sie in den TV-Nachrichten sah, Lust auf eine Rasur auch dann, wenn man sich gerade erst rasiert hatte. Alle Grünen trugen Bart, auch die Frauen. Na und? Hauptsache ehrlich!

Dramaturgisches Kalkül war ihnen vollkommen fremd. Jede keifte jeden an. Kraut und Rüben. Sie waren das Wimmelbild einer Antipartei, sogar mit einer Prise frühem Trumpismus: Hauptsache dagegen.

Basisdemokratisch, linksradikal, dabei mitfühlend, rot, lila, nihilistisch, katholisch, protestantisch, hysterisch, buddhistisch, atomfrei, waffenfrei und so zerstritten wie eine Studenten-WG vorm Badezimmer-Putzplan in Bonn-Beuel. Man musste sie einfach gernhaben, die kleinen haarigen Nervensägen."

Die liebevolle Reminiszenz soll natürlich unterstreichen, dass die heutigen Grünen eine völlig andere Partei geworden sind.

Wilderei im Gehege des liberalen Konservatismus

Zugleich bemerken die SZ-Autoren Matzig und Gorkow gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Union und den Kraut-und-Rüben-Grünen von damals:

"Wenn Baerbock von 'Freiheit, Sicherheit und Wohlstand' spricht, ist das eine tolldreiste Wilderei im Gehege des liberalen Konservatismus. Die nur möglich ist, weil CDU und CSU im Gegenzug retardieren und im Sandkasten heulend und angepinkelt aufeinander eindreschen wie einst die Grünen auf ihrem wirklich entsetzlichen ‚Farbbeutel-Parteitag‘ im Jahr 1999 (die Jüngeren: bitte googeln). Mitten in der Vollkrise schreien die beiden Typen von CDU und CSU heraus, was zählt: das Ego. Oder, wie es früher auf der anderen Seite hieß: Wo bleibe eigentlich ich dabei?"

Streit um die richtige Kolonialismus-Debatte

Ob etwas gewonnen wäre, wenn sich derart locker auch über den Problemkomplex 'Kolonialismus-Postkolonialismus' schreiben ließe?

Sicher ist: In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG antwortet der Historiker Matthew Vollgraff maximal ernst auf einen älteren, höchst umstrittenen FAZ-Artikel von Horst Bredekamp, einen der Gründungsintendanten des Berliner Humboldt-Forums. 

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Bredekamp hatte für das Forum eine "antikoloniale Tradition" beansprucht und die Sammlungen als Ergebnis einer "liberalen" Ethnologie gedeutet.

"Wir sollten nicht vergessen", entrüstet sich Vollgraff, "dass sich das von Bredekamp zitierte Motto  – 'Rettet, rettet, rettet' – immer nur auf Objekte bezog, nie auf Menschen. Statt einer Heilsgeschichte des deutschen Universalismus wird ein gemeinsames Projekt der Rehumanisierung immer dringender. Um dies zu erreichen, muss in der Öffentlichkeit mehr Raum für neue Stimmen, vor allem aus den Herkunftsgemeinschaften, geschaffen werden.

Anstatt aber seinen Kritikern zuzuhören und den komplizierten kolonialen Hintergrund großer Teile der Berliner Sammlungen anzuerkennen, spielt Bredekamp den Kolonial-Apologeten von rechts in die Hände. Dass er den 'Postkolonialismus' zu einer größeren Bedrohung erklärt als die AfD, ist der letzte Beleg dafür, wie grotesk ihm seine Maßstäbe verrutscht sind."

Hart und unverblümt: der FAZ-Autor Matthew Vollgraff.

Die Namensfrage als Mittel zur Deeskalation

Weitaus milder gestimmt erklärt der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad in der Tageszeitung DIE WELT, "wie ich lernte, echten Rassismus von Unsicherheit und Unwissen zu unterscheiden".

Abdel-Samad, der als 23-Jähriger aus Ägypten nach Deutschland kam und oft rassistisch angegriffen wurde, hat keine Zauberformel parat. Als ihm indessen einmal ein Mann "Scheiß Ausländer" ins Gesicht schrie, erinnerte er sich an eine Weisheit seiner Großmutter.

"Es gibt keine Fremden, sondern nur Menschen, mit denen wir uns noch nicht unterhalten haben. Wann immer du Angst vor jemandem hast, frag ihn, wie er heißt. Das ist ein guter Anfang für eine Unterhaltung!" 

Die ganze spannende Geschichte ist nachzulesen in der WELT.

Für heute sind wir am Ende. Nur eins noch: Bitte tun Sie auch in Zukunft, was eine FAZ-Überschrift empfiehlt – nämlich: "Zuhören."

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