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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 06.09.2020

Aus den FeuilletonsAlbtraum einer falsch verstandenen Männlichkeit

Von Klaus Pokatzky

Zwei bärtige Männer sind in eine Schlägerei verwickelt. Einer kniet über dem anderen, der wiederum auf dem Rücken liegt und versucht ,sich zu verteidigen. (imago images / Westend61)
Seine Männlichkeit vor anderen beweisen - für junge Männer kann das unglücklich enden. (imago images / Westend61)

Die "SZ" hat den Londoner Sozialarbeiter JJ Bola interviewt. Er hat ein Buch über falsche Männerbilder geschrieben. Männer schadeten sich mit diesen oft selbst, heißt es darin - besonders problematisch sei der Glaube, keine Schwäche zeigen zu dürfen.

"Die Kommunikation unserer Zeiten ist laut", lesen wir im Berliner TAGESSPIEGEL. "Das Ausrufezeichen macht Krach", warnt uns Klaus Brinkbäumer. "Das Ausrufezeichen ist das liebste Satzzeichen der 'Bild'-Zeitung, vieler Twitterer, der Trumps, es ist ein wütendes Aufstampfen mit dem Fuß, und warum sollten wir jeden Ausbruch mit Aufmerksamkeit ehren?"

Das tun wir hier selbstverständlich nicht. Wir machen hier ja keinen reißerischen Boulevard.

"Bild"-Zeitung und Pressekodex passen nicht zusammen

"Mit über 200 Rügen seit 1986 (Stand Ende 2019) stand 'Bild' bei der Anzahl der Rügen unangefochten auf dem ersten Platz der Statistik", erfahren wir aus einem anderen Artikel im TAGESSPIEGELdarüber, wie der Presserat Missachtungen seiner journalistisch-ethischen Grundregeln ahndet. "Verstöße gegen den Presskodex" nennt das Kurt Sagatz; worüber der Pressebeschauer sich aus drei Gründen freut.

Erstens kann er besserwisserisch darauf hinweisen, dass es nicht "Presskodex", sondern "Pressekodex" heißt; zweitens kann er mit seinem vermeintlichen historischen Wissen brillieren und darauf hinweisen, dass Otto von Bismarck Journalisten gern als "Pressbengel" bezeichnet hat; drittens kann er in diesem Satz gleich mehrfach das Semikolon verwenden.

"Sollte ich eine persönliche Rangliste der Satzzeichen aufstellen, stünden Semikolon und Komma auf Platz eins", schreibt Klaus Brinkbäumer ja noch in seinen Ratschlägen zu deutschen Satzzeichen. "Gedankenstriche mag ich allerdings nicht - die finde ich selten nur passend, meistens angeberisch."

Ich nicht; ich finde sie hilfreich. "Die penible deutsche Art, Anführungszeichen zu setzen, gefällt mir hingegen sehr." Mir auch; ohne die gäbe es gar keine Kulturpresseschau.

Männer als Opfer ihrer Selbstbilder

"Ich muss meine Männlichkeit nicht mehr vor anderen Männern beweisen", steht in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Aber es gehört gerade als Jugendlicher ein enormes Selbstbewusstsein dazu", sagt der britische Autor JJ Bola. "Mein Ideal war der coole Macker."

Jetzt aber arbeitet der gebürtige Kongolese in London als Sozialarbeiter und hat das Buch "Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist" geschrieben.

"Wir müssen aber einmal darüber sprechen, dass Männer nicht nur Täter, sondern selbst auch Opfer ihrer Selbstbilder sind. Wenn man ihnen die alten Rollen nimmt und keine neuen anbietet, dann bleibt vor allem Verunsicherung, Wut, Leiden", meint er im Interview.

"Männer werden mit größerer Wahrscheinlichkeit als Frauen obdachlos, drogenabhängig, gewalttätig oder bringen sich um. Das alles, weil sie es nicht schaffen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Weil sie glauben, keine Schwäche zeigen zu dürfen."

Das ewige Orgelstück von John Cage

Klingen wir harmonisch aus. "Neuer Klang in Halberstadt", titelt die SÜDDEUTSCHE - und dann kommt ein Satz mit einer Klammer, die bei Klaus Brinkbäumer auf Platz Fünf seiner Satzzeichenliste steht, und einem Querstrich, den er gar nicht auf der Liste hat.

"Nach sieben Jahren hat es beim Orgelstück "ORGAN2/ASLSP" (As Slow as Possible) von John Cage in Halberstadt einen Klangwechsel geben." Das meldet der Evangelische Pressedienst epd.

"Das auf 639 Jahre Spieldauer angelegte Stück wird seit September 2001 ohne Unterbrechung in der Burchardikirche gespielt. Mit dem 14. Klangwechsel endete der längste ununterbrochene Klang des ersten, auf 71 Jahre angelegten Teils." Und: "Der nächste Klangwechsel findet am 5. Februar 2022 statt."

Da bekommen wir noch einen guten Rat - vom Autor JJ Bola: "Warum sich nicht einfach entspannen? Dabei kommt erst die wirkliche Stärke eines Mannes zum Tragen."

Punkt.

Mehr zum Thema

Selbstfindung in der Männergruppe - Lernen über die eigenen Gefühle zu sprechen
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 20.11.2017)


(Deutschlandfunk Kultur, Klangkunst, 19.06.2020)

Debatte um Umformulierung des Pressekodex - "Ich verstehe die Aufregung nicht"
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 24.03.2017)

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