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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 12.07.2014

Aus den FeuilletonsÄngste, Visionen und Theorien über das große Finale

von Arno Orzessek

Der offizielle WM-Spielball "Brazuca" (picture alliance /dpa / Nadine Rupp / Adidas)
Auch im Feuilleton fliegen so kurz vor dem Finale die Bälle. (picture alliance /dpa / Nadine Rupp / Adidas)

Weil die deutsche Mannschaft am Sonntag um DEN Titel spielt, fliegen auch in den Feuilletons die Bälle. So liefert die "Welt" ein Orakel, die "FAZ" rechnet mit niederländischen Neu-Heiligen ab und in der "NZZ" erklärt ein Schriftsteller, was eine Weltmacht vom Fußball lernen kann.

Liebe Fußballhasser, wir bitten Sie, einige Minuten lang wegzuhören ... Es folgt eine WM-Sondernummer der Kulturpresseschau.

"Ihrem Wesen nach ist die deutsche Mannschaft schon Weltmeister. Nun muss sie die in ihr angelegten Möglichkeiten nur noch Wirklichkeit werden lassen",

orakelte - in Anlehnung an die aristotelische Unterscheidung von Potenz und Akt - Richard Kämmerlings in der Tageszeitung DIE WELT.

Das geschah am Montag der vergangenen Woche ...

als die Sportgeschichte noch keinen Schimmer davon hatte, dass sie schnurstracks auf das sieben zu eins von Deutschland gegen Brasilien in Belo Horizonte zulief, auf jenen Kick also, in dem alles Mögliche Wirklichkeit wurde - und man sich umso hartnäckiger fragte, ob das nicht ein Ding der Unmöglichkeit ist, das man da miterlebt.

Geht man indessen nach dem Selbstbewusstsein des Trainers, hätte die Niederlande für die Fußball-Epiphanie sorgen müssen.

Das bestätigte auch eine theologische Studie von Dirk Schümer in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG:

"'Ich bin wie Gott. Ich werde nie krank, und ich habe immer recht.' An dieses Van-Gaal-Zitat darf sich die Fußballwelt nach dem strategischen Psychotrick im Elfmeterschießen gegen Costa Rica getrost erinnern. Wenn alle Spielzüge versagt haben, wenn alle Spieler verzweifeln - hier schwebt immer noch ein Trainerwesen über dem Spielfeld, das Rat und Rettung - zur Not einen neuen Torwart - aus dem Hut zieht. Für Aloysius Paulus Maria van Gaal aus einer großen, erzkatholischen [ ... ] Familie ist diese gewollt blasphemische Fußballweisheit bezeichnend. Viele Kollegen [ ... ] werfen ihm vor, dass er sich tatsächlich für Gott halte. Sollte er diese Woche wirklich Weltmeister werden, muss die Fußballtheologie neu geschrieben werden."

So Dirk Schümer.

Allerdings scheiterte die Niederlande im Halbfinale recht phantasielos an Argentinien - und was die Coaching-Leistung Van Gaals angeht: Schwamm drüber!

Größe in der Niederlage und Hoffnung auf Heilung

Dabei lehrt der Fußball sogar die selbstherrlichen USA, dass sich in der Niederlage Größe entfalten kann ...

Umso mehr, wenn heroische Zutaten nicht fehlen, wie die tolle Leistung von US-Torhüter Tim Howard beim null zu eins im Achtelfinale gegen Belgien.

In der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG bejubelte der amerikanische Schriftsteller Jonathan Wilson, dass die Fans der US-Kicker in Brasilien nach dem K.O. keineswegs zur Randale übergingen.

"Gewiss, wir haben gegen Belgien - das flächenmässig kleinste Land unter den WM-Teilnehmern - verloren [ ... ]. Vielleicht haben viele Amerikaner - absurderweise?, liebenswerterweise? - tatsächlich gedacht, dass ihr Team gewinnen würde, aber als das nicht geschah, waren sie es auch zufrieden, sich in die große Schar unter dem Schild 'ferner liefen' einzureihen. Das ist eine eigentliche Frohbotschaft, auf psychologischer, philosophischer, vielleicht sogar außenpolitischer Ebene. [ ... ] Wenn die USA sich wirklich der Tatsache gewachsen zeigen, dass sie nicht überall die Nummer eins sein müssen, wer weiß, wie weit uns diese neu gefundene Demut bringt",

phantasierte Wilson davon, dass ausgerechnet am Fußballwesen die Großmannssucht der USA genesen könnte.

Was uns, bei aller Liebe, dann doch ballaballa erscheint. -

Aber egal. Ballaballa sein, das gehört in diesen Tagen zum Selbstbild vieler Feuilletonisten.

Unter ihnen Peter Kümmel, der in der Wochenzeitung DIE ZEIT einen Gedankenbogen schlug, der sich nach Höhe und Weite an Manuels Neuers Abwürfen orientierte:

"Fußball ist jene Tragödie, von der man sich erholt, indem man sich zurück in die schlimmere, wirklich bös endende Tragödie des eigenen Lebens begibt. Es ist der kollektive Aufschub allen persönlichen Unglücks. Immer mehr Menschen verständigen sich darauf, dieses Spiel für das eigentliche Weltgeschehen zu halten. Und falls es so etwas wie ein Weltgedächtnis gibt, sammeln sich darin offenbar vor allem zwei Arten von Handlungen: einerseits die Kriege und Verbrechen, in die ein Land verwickelt ist, andererseits die Art und Weise, wie sich notorische Nationen [Kümmel schrieb wirklich 'notorische Nationen'] im Fußball schlagen."

Dass sich Jogis Jungs erneut prima schlagen, unterstrich der existenzialistisch angehauchte ZEIT-Autor Kümmel mit einem metaphysisch angehauchten Zitat aus der brasilianischen Zeitung O Globo:

"'Es ist, als wäre es in den Schriften der Weltmeisterschaft festgelegt, als wäre es dem Geist des Fußballs eintätowiert, seit der Ball ein Ball ist: Wenn der Moment [in einem Turnier] kommt, in dem es nur wenige Überlebende gibt, ist Deutschland einer von ihnen.'"

Unterdessen wollte der FAZ-Autor Jürgen Kaube weder ganz noch gar nicht ballaballa sein.

Er veröffentlichte darum eine kleine "Soziologie für Kinder", die der Beantwortung der Frage diente: "Warum drehen die Großen beim Fußball durch?"

"Warum die Erwachsenen beim Fußball ausflippen, ist ein großes Rätsel. Denn zum einen hört man von ihnen das ganze Jahr über Sätze wie 'Schrei nicht so rum', 'Man muss auch verlieren können', 'Sei nicht kindisch' und 'Lies doch mal ein Buch'. Außerdem sagen sie manchmal allen Ernstes, Fußball sei die schönste Nebensache der Welt, aber wenn sie den Schiedsrichter eine dumme Sau nennen, klingt das echt nicht nach Nebensache",

lautete Kaubes Befund. Für die kindgerechte Erklärung des Befunds griff der FAZ-Autor auf Niklas Luhmann zurück ...

Der Liebe auf der Spur

Der einst bemerkt hatte, dass die Leute in unserer schnelllebigen Zeit zwar einerseits das Schnelle, Leichte, Mobile dufte finden, aber andererseits auch etwas Festes wollen, Heimat, Deutschland, diese Dinge.

"Sie möchten sich [fasste Kaube zusammen] leicht und schwer fühlen. Darum, so Professor Luhmann aus Bielefeld, lieben sie den Fußball so. Weil der beides ist: leicht und schwer, Abstieg und Aufstieg, Flug und Sturz, Kopfball und Bodenkampf. Und weil das für die Erwachsenen eigentlich unfassbar ist, dass ein und dieselbe Sache, so wie sie selbst, zugleich leicht und schwer sein kann, dass im Spiel dauernd alles möglich ist und sich alles ändert und die Deutschen am Ende trotzdem gewinnen, darum flippen die Erwachsenen beim Fußball so aus." -

Übrigens hat Dirk Schümer in der FAZ eine konkrete Vision vom WM-Finale entwickelt. Welche, verraten wir nicht. Wir erwähnen aber, wie die Vision endete. Nämlich so:

"Wie schön und wie verdient das doch alles wäre!"

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