Aus dem Leben eines Durchschnittsmenschen
Thomas Ripple - der Protagonist in Charles Chadwicks Debütroman - ist "Ein unauffälliger Mann". Doch mit Leidenschaft und Akribie notiert er seine Beobachtungen zu scheinbar belanglosen Begebenheiten, zum Verhalten seiner Mitmenschen und zu seinen eigenen Befindlichkeiten. Chadwick zeichnet so die Chronik einer ganzen Epoche, des Großbritanniens der Ära Thatcher.
Am Ende eines jeden Jahres, so heißt es, soll man sich die Muße nehmen und die vergangenen 365 Tage Revue passieren lassen, damit man nicht das Gefühl hat, wieder einmal seien zwölf Monate wie im Flug vergangen.
Thomas Ripple, Protagonist (als einen Helden mag man ihn kaum bezeichnen) und Erzähler in der ersten Person in "Ein unauffälliger Mann", dem fulminanten Debütroman des Briten Charles Chadwick, rafft sich zu dieser Maßnahme zur Entzerrung der Zeit in der Mitte seines Lebens auf und beschließt fortan Buch zu führen über sein Dasein, über Höhen und Tiefen, Glück und Unglück, vor allem aber über die scheinbar marginalen, unwesentlichen Ereignisse im Leben eines Durchschnittsmenschen.
Wir lernen ihn kennen als mittleren Angestellten im Import/Export-Geschäft, Bewohner eines bescheidenen Eigenheims in einem Londoner Stadtrandviertel, Vater zweier, wie er meint, "völlig zufriedenstellender" Kinder, verheiratet mit einer Sozialarbeiterin, die ihm nach eigener Ansicht intellektuell weit überlegen ist. Ein Jedermann, der sich gelegentlich gebremsten erotischen Phantasien hingibt – was wohl die angelsächsische Kritik dazu bewegte, ihn als britische Antwort auf John Updikes Rabbit Angstrom zu bezeichnen. Und doch verfügt dieser vermeintlich eigenschaftslose Mensch über eine ganz besondere Gabe, vielleicht geschärft durch seine Vorliebe, sich abends Fernsehkrimis anzusehen oder Thriller zu schmökern: Er ist ein scharfer Beobachter mit einem tiefen Interesse für die Menschen in seiner Umgebung, das mitunter durchaus voyeuristische Züge annimmt. Weshalb er sich denn eines Tages vornimmt, ein wenig "Selbsterkundung zu betreiben".
Erst sind es nur Notizen, die Ripple kritzelt, doch im Lauf der Zeit, spätestens als er nach der Trennung von seiner Frau und dem Verlust seines Jobs, als Vorruheständler ein beschauliches Landleben genießt, fügen sich die Episoden, die Beschreibungen der eigenen Befindlichkeit und des Verhaltens Anderer zu einem komplexen Lebensbild und zur Chronik einer ganzen Epoche – des Großbritanniens der Ära Thatcher, als Gemeinsinn, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Solidarität einer außer Rand und Band geratenen Reform- und Privatisierungswelle zum Opfer fielen.
Die Politik indes interessiert diesen Beobachter der kleinen Dinge ebenso wenig wie die Religion und alle anderen angeblich so wichtigen Themen des Daseins. Der mittlerweile seiner Sache immer sicherer werdende Schriftsteller konzentriert sich weiter auf Alltägliches, scheinbar Belangloses, und reift durch dessen Darstellung, ohne über dieses Reifen an sich auch nur ein Wort zu verlieren. Immerhin vermag der alternde Witzbold jetzt Momente herzzerreißender Trauer zu vermitteln, ohne dabei jedoch in Schwermut zu verfallen. Eher genießt er eine bescheidene Zufriedenheit, mit der er am Ende feststellen kann: Alles ist jetzt gut.
"It’s All Right Now", wie denn auch der englische Originaltitel dieses Romans lautet, ist in mehr als dreißigjähriger Arbeit geschrieben worden, und man merkt ihm die Sorgfalt an, mit der verfasst wurde. Dieses Werk, das trotz seines Umfangs nicht einen überflüssigen Satz enthält, ist eine literarische Kostbarkeit, die man nicht missen möchte. Dass der Autor bei der Veröffentlichung des Werkes mit 72 Lebensjahren der älteste Debütant der britischen Literaturszene war, bekommt seinem Buch ganz wunderbar. In Deutschland allerdings hätte ihn wohl kein Verlag mehr genommen.
Rezensiert von Georg Schmidt
Charles Chadwick: Ein unauffälliger Mann
Übersetzt von Klaus Berr
Luchterhand Literaturverlag 2007
926 Seiten, 24,95 Euro
Thomas Ripple, Protagonist (als einen Helden mag man ihn kaum bezeichnen) und Erzähler in der ersten Person in "Ein unauffälliger Mann", dem fulminanten Debütroman des Briten Charles Chadwick, rafft sich zu dieser Maßnahme zur Entzerrung der Zeit in der Mitte seines Lebens auf und beschließt fortan Buch zu führen über sein Dasein, über Höhen und Tiefen, Glück und Unglück, vor allem aber über die scheinbar marginalen, unwesentlichen Ereignisse im Leben eines Durchschnittsmenschen.
Wir lernen ihn kennen als mittleren Angestellten im Import/Export-Geschäft, Bewohner eines bescheidenen Eigenheims in einem Londoner Stadtrandviertel, Vater zweier, wie er meint, "völlig zufriedenstellender" Kinder, verheiratet mit einer Sozialarbeiterin, die ihm nach eigener Ansicht intellektuell weit überlegen ist. Ein Jedermann, der sich gelegentlich gebremsten erotischen Phantasien hingibt – was wohl die angelsächsische Kritik dazu bewegte, ihn als britische Antwort auf John Updikes Rabbit Angstrom zu bezeichnen. Und doch verfügt dieser vermeintlich eigenschaftslose Mensch über eine ganz besondere Gabe, vielleicht geschärft durch seine Vorliebe, sich abends Fernsehkrimis anzusehen oder Thriller zu schmökern: Er ist ein scharfer Beobachter mit einem tiefen Interesse für die Menschen in seiner Umgebung, das mitunter durchaus voyeuristische Züge annimmt. Weshalb er sich denn eines Tages vornimmt, ein wenig "Selbsterkundung zu betreiben".
Erst sind es nur Notizen, die Ripple kritzelt, doch im Lauf der Zeit, spätestens als er nach der Trennung von seiner Frau und dem Verlust seines Jobs, als Vorruheständler ein beschauliches Landleben genießt, fügen sich die Episoden, die Beschreibungen der eigenen Befindlichkeit und des Verhaltens Anderer zu einem komplexen Lebensbild und zur Chronik einer ganzen Epoche – des Großbritanniens der Ära Thatcher, als Gemeinsinn, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Solidarität einer außer Rand und Band geratenen Reform- und Privatisierungswelle zum Opfer fielen.
Die Politik indes interessiert diesen Beobachter der kleinen Dinge ebenso wenig wie die Religion und alle anderen angeblich so wichtigen Themen des Daseins. Der mittlerweile seiner Sache immer sicherer werdende Schriftsteller konzentriert sich weiter auf Alltägliches, scheinbar Belangloses, und reift durch dessen Darstellung, ohne über dieses Reifen an sich auch nur ein Wort zu verlieren. Immerhin vermag der alternde Witzbold jetzt Momente herzzerreißender Trauer zu vermitteln, ohne dabei jedoch in Schwermut zu verfallen. Eher genießt er eine bescheidene Zufriedenheit, mit der er am Ende feststellen kann: Alles ist jetzt gut.
"It’s All Right Now", wie denn auch der englische Originaltitel dieses Romans lautet, ist in mehr als dreißigjähriger Arbeit geschrieben worden, und man merkt ihm die Sorgfalt an, mit der verfasst wurde. Dieses Werk, das trotz seines Umfangs nicht einen überflüssigen Satz enthält, ist eine literarische Kostbarkeit, die man nicht missen möchte. Dass der Autor bei der Veröffentlichung des Werkes mit 72 Lebensjahren der älteste Debütant der britischen Literaturszene war, bekommt seinem Buch ganz wunderbar. In Deutschland allerdings hätte ihn wohl kein Verlag mehr genommen.
Rezensiert von Georg Schmidt
Charles Chadwick: Ein unauffälliger Mann
Übersetzt von Klaus Berr
Luchterhand Literaturverlag 2007
926 Seiten, 24,95 Euro
