Seit 00:05 Uhr Freispiel

Montag, 17.06.2019
 
Seit 00:05 Uhr Freispiel

Länderreport | Beitrag vom 20.03.2019

Augsburg in der DauerkriseFirmenpleiten sind hier leider Routine

Von Regina Steffens

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mitarbeiter in einem Übergang zwischen zwei Gebäuden des Weltbild-Verlags. Der katholische Verlag musste  2014 Insolvenz beantragen. (dpa)
Ein Mitarbeiter in einem Übergang zwischen zwei Gebäuden des Weltbild-Verlags (dpa)

Augsburg erlebte zuletzt mehrere große Insolvenzen und Firmenverkäufe. Qualifizierte Arbeitsplätze verschwanden. Verbunden mit diesen Pleiten ist die Sorge um bleibende Schäden für die Substanz der Stadt, die ein Hightech-Standort werden möchte.

Sonntagnachmittag, eine vollbesetzte Tram in Augsburg. Weißes Packpapier verhängt die Fenster.

"Immer noch in unseren Städten trotz aller Mühen und aller Erfindungen gibt es haufenweise Unrat - immer noch in unseren Städten, trotz aller Mühen …"

Das Kollektiv Bluespots Productions performt das "Lesebuch der Städtebewohner" von Bertold Brecht. 1926 schrieb der berühmte Augsburger zehn Gedichte, die heute an zehn Orten beim Brecht-Festival zu hören sind - mal im Gefängnis, mal, wie jetzt, in der Trambahn. Shitty City nennen sie ihr Projekt. Ohne Hoffnung, düster beschreibt Brecht die Stadt. - Ziemlich shitty, also beschissen, dieses Augsburg?

Sorge um den Roboterhersteller

Schauspieler und Zuschauer reißen das Papier von den Fenstern. Der Blick geht auf eine gepflegte, bunte Innenstadt voller Leben und Trubel. Ausgelassene Sonntagsstimmung. Eher so gar nicht shitty. Dieses Bild lässt einen zweifeln. Denn Augsburger Traditionsfirmen machen negative Schlagzeilen. Was passiert mit dem Roboterhersteller KUKA? Chinesische Investoren haben den Konzern aufgekauft. Die deutsche Industrie sorgt sich, Know-How für Roboter und künstliche Intelligenz könnte abwandern, Stellen weiterhin gestrichen werden.

Und der IT-Konzern Fujitsu? Er will Ende nächstes Jahr Augsburg aufgeben. 1800 Mitarbeiter würden ihre Arbeit verlieren. Gerade ausgeräumt ist das Werk vom Lampenhersteller Ledvance, ehemals Osram. Die alten Geschäftsgebäude des Weltbild-Verlags stehen leer.

Es ist nicht die erste Krise für die schwäbische Stadt, wie Richard Goerlich, Sprecher im Rathaus erzählt. Er denkt an die 70er- und 80er-Jahre: "Da hat Augsburg schon fast ein Trauma hinter sich, da Augsburg mal eine große Textilstadt war, ein großer Textilproduktionsstandort. Viele ältere Leute erzählen noch, wie früher in den Stadtteilen Oberhausen jede Menge Leute in Blaumännern an den Straßenbahnhaltestellen standen und in ihre Fabriken gefahren sind. Das gibt’s natürlich nicht mehr."

Nach dem Job bei Weltbild hinter die Theke

Übrig geblieben ist ein Textilmuseum. Sorgen und Ängste sind seit fünf Jahren wieder präsent. Der Verlag Weltbild meldet 2014 Insolvenz an. Von heute auf morgen können 2000 Mitarbeiter nach Hause gehen. 300 Angestellte sind heute noch da. Weltbild - ein Schlag für Augsburg. Andrea Karl und Kurt Sauerlacher erinnern sich an die Krisenstimmung. Sie 27, er 20 Jahre haben sie bei Weltbild gearbeitet. Heute führen sie ihren eigenen Laden, unweit des Rathauses. Das Ehepaar verkauft Feinkost aus Italien oder aus ihrer Lieblingsstadt Lissabon, Kochbücher, Porzellan, Postkarten mit bayerischen Sprüchen. Ein buntes Sammelsurium. Bei Weltbild leiteten sie die Mitarbeiter-Buchhandlung.

"Mit einer Insolvenz hat wahrscheinlich keiner gerechnet, als es dann klar war, waren alle erst mal platt."

"Es ging niemandem mehr gut, jeder hatte Sorge. Da war niemand mehr lässig und entspannt. Die Situation ist ganz, ganz eigenartig und weitgehend nicht mehr kollegial." So berichten es die gelernten Buchhändler. Bis zur tatsächlichen Entlassung vergehen damals gut drei Monate.

Chef an der Tankstelle? Indiskutabel!

"Wenn der Insolvenz-Verwalter verkündet, wer gekündigt wird, das ist der schlimme Tag. Wir wurden von unserem Vorgesetzten ins Büro zitiert. Waren etwa 20, 25 Leute aus der Abteilung. Und der hat dann gesagt: Sie wissen ja wahrscheinlich, warum Sie hier sitzen: Sie dürfen ihre Sachen zusammenpacken, Sie dürfen ihre persönlichen E-Mails löschen und dann dürfen Sie, wenn Sie möchten, nach Hause gehen. Und das war es." Drei Tage lang räumen sie noch auf. Anfang April melden sie sich arbeitslos und wissen schon: Wir wollen selbstständig sein. Beide sind da Mitte 50. Wie soll man da noch gute Aussichten auf einen neuen Job haben?

"Der erste Termin im Arbeitsamt, der sehr freundlich war und einigermaßen kompetent, da musste man dann die Personalien angeben und alles. Und dann hab ich zu dem Sachbearbeiter gesagt, wo ich jetzt schon alles angegeben hab, meine Qualifikation und alles, dann zeigen Sie mir doch jetzt, was Sie für mich hätten. Da hat er gegrinst. Da hat er den Bildschirm umgedreht und mir einen leeren Bildschirm gezeigt."

"Mir hat er eine Tankstelle angeboten. Ich hätte ja mal leitend gearbeitet, und es gab eine Tankstellenleitung. Aber Tankstelle wollte ich jetzt auch nicht. Von daher war das indiskutabel. Das war völlig indiskutabel."

Niedrige Arbeitslosenquote

Heute sei das alles anders.

"Die Stimmung ist besser, als man es erwarten könnte", meint Elsa Koller-Knedlik, Chefin der Agentur für Arbeit. Auch der Arbeitsmarkt sei besser als vor fünf Jahren. Tatsächlich lag die Arbeitslosenquote letztes Jahr bei 3,4 Prozent, was niedriger als der Bundesdurchschnitt war. Der Markt sei robust, so Koller-Knedlik, Mittelstandsunternehmen fingen die Entlassungen auf.

"Die Dramatik ist aber für jeden einzelnen, der betroffen ist, die gleiche. Da ist erst mal ein Lebensplan für viele bei so einer Traditionsfirma konterkariert."

Aus Weltbild wollte Augsburg lernen. Stadt, Arbeitsamt, Gewerkschaften und Handelskammern engagieren sich in einer Allianz. Man bemüht sich um neue Firmen, organisiert Jobbörsen, wie zuletzt für die Gekündigten von Ledvance, dem Glühbirnenhersteller.

"Natürlich steigt da erst mal der Adrenalinspiegel, wenn man so eine Meldung bekommen, dann haben wir in Augsburg leider, leider Routine. Da haben wir schon einige von diesen großen Aktionen geplant und durchgeführt."

2020 soll bei Fujitsu Schluss sein

Für Fujitsu bereiten sie sich schon vor, diesmal habe man ja mehr Zeit. Ende 2020 will der japanische IT-Konzern das Augsburger Werk schließen. "Den Leuten bei Fujitsu geht es nicht so gut. Es ist eine Mischung aus Hoffen und Bangen. Das eine Hoffen, das es weiter geht, das andere Bangen um die Zukunft", sagt Michael Leppek von der IG Metall Augsburg. Sein Ziel in den Verhandlungen: Der Konzern soll bleiben. Um das zu erreichen, hat die IG Metall über 1000 Postkarten an den Fujitsu-Chef nach Tokio geschickt. Darauf zu sehen: Das zerbrochene Fujitsu-Logo, geflickt mit einem Pflaster.

"Das Ganze ist natürlich eine symbolische Aktion, aber es soll auch in Japan zeigen, wo man mal nicht einfach mit dem Bus rüberfahren kann, um dort für die Arbeitsplätze, für den Erhalt zu demonstrieren, dass man sehr wohl in Augsburg und in der Region nicht einverstanden ist mit dieser Entscheidung des Arbeitgebers."

Angst vor dem Domino-Effekt

Fährt man raus aus der Innenstadt, an der Uni vorbei ins Industriegebiet, hat Fujitsu sogar eine eigene Haltestelle. Das Gelände ist groß, die anliegende Straße vielbefahren. Öffentlich von seinem Schicksal erzählen will hier keiner. Zu wage ist die Lage. Futjisu teilt mit, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien auf das Ergebnis der Verhandlungen gespannt, wünschten sich schnellstmöglich Klarheit. KUKA, der Maschinen- und Roboterbauer, meldet sich wortkarg: Die Stimmung sei "abwartend".

Derweil macht sich die IG Metall schon Sorgen um die nächste Firma. Premium Aerotec zum Beispiel, ein Tochterunternehmen von Airbus. Weil das Flugzeug A380 nicht mehr gebaut werden soll, könnte es Entlassungen geben, vermutet Leppek.

"Die Sorge, die auch uns umtreibt: Ob das einen Domino-Effekt hat? Denn wenn der eine oder andere eine Schließung ankündigt, kann der nächste auch mit irgendwelchen Personalabbaumaßnahmen um die Ecke kommen, nach dem Motto: Naja gut, uns geht’s eh nicht so gut und die anderen haben das auch gemacht, dann fällt das schon nicht so weiter auf."

Was an Konferenztischen im Ausland entschieden wird, darauf haben weder die Stadt noch Gewerkschaften Einfluss. Wenn es heißt "Augsburg ist erledigt", sind sie dem ausgeliefert. Dann gilt: die Menschen bei Laune halten. Krisenmanagement.

Ringen um den Titel "Hightech-Stadt"

"Man kann und darf die Augen vor den Fakten nicht verschließen. Es geht immer darum, an der Zukunft zu arbeiten und nicht in der Vergangenheit zu lamentieren", sagt Richard Goerlich von der Stadt. Und es gibt sogar eine Rettung: Seit Anfang des Jahres hat Augsburg eine Universitätsklinik. 6000 neue Arbeitsplätze soll sie schaffen, Medizinstudenten und Professoren in die Stadt holen.

"Die Hightech-und-Fachkräftestadt ist, glaube ich, ein guter Begriff für das, wo man als Stadt hin muss. Städte sind immer angetrieben, viel Daseinsvorsorge zu bieten." Und das heißt: Weg von der klassischen Arbeiterstadt, hin zu innovativen Start-Ups, denen die Stadt in einem Kreativareal günstige Büros anbieten will.

Die Entwicklung läuft: Augsburg wächst. Dieses Jahr rechnet die Stadt damit, die Einwohnerzahl von 300.000 zu knacken. Schon tun sich nächste Probleme auf: Der Wohnraum wird weniger, die Mietpreise steigen. Und was mit KUKA und Fujitsu passiert, das ist ja auch noch offen. Michael Leppek von der IG Metall: "Wir haben schon einiges erlebt, einiges erleben müssen. Es zeigt vielleicht auch, dass die Augsburger leidensfähig sind. Wir sind krisenerprobt, würden uns aber freuen, wenn wir mal durchschnaufen könnten."

Mehr zum Thema

Brechtfestival Augsburg - Bertolt Brecht und der Feminismus
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 12.3.2017)

Roboter-Hersteller Kuka in Augsburg - Chinesischer Konzern investiert in Deutschland
(Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 31.7.2017)

Kuka aus Augsburg - Roboterhersteller will in China Nummer eins werden
(Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 15.2.2018)

Länderreport

Steit an der OstseeHungrige Robben verärgern Fischer
Mehrere Robben liegen im flachen Wasser der Ostsee in der Wismarbucht. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Seit einigen Jahren sind in der Wismarbucht wieder Kegelrobben heimisch. Doch was Tierschützer freut, bringt auch auch Probleme mit sich. So kommen Touristen den Tieren viel zu nah. Und einige Fischer sind wütend, weil ihre Netze von den Tieren beschädigt werden.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur