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Nachspiel | Beitrag vom 05.05.2019

Aufsteiger aus dem Oldenburger Münsterland Rasta Vechta mischt die Basketball-Bundesliga auf

Von Heinz Schindler

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Das Team von Rasta Vechta konnte sich in dieser Saison über viele Siege freuen  (v.l.n.r. Michael Kessens - 6, Philipp Herkenhoff - 14, Seth Hinrichs - 21, Thomas Bray - 5, Maximilian DiLeo - 3) (Hans-Martin Issler / imago sportfotodienst )
Das Team von Rasta Vechta konnte sich in dieser Saison über viele Siege freuen. (Hans-Martin Issler / imago sportfotodienst )

Rasta Vechta ist die Überraschungsmannschaft in der Basketball Bundesliga. Entstanden aus einer Schulmannschaft vor rund vierzig Jahren, erzählt sich die Geschichte des Clubs wie ein kitschiger Sportfilm.

Da war einmal in den 70er Jahren in Vechta, einer Kreisstadt mitten im Dreieck zwischen Osnabrück, Oldenburg und Bremen, ein polnischer Sportlehrer. Der brachte den Basketball in den Unterricht des Gymnasiums Antonianum und sorgte dafür, dass sich Jupp Nieberding und ein paar Mitschüler über ihr Abitur vor vierzig Jahren gar nicht richtig freuen konnten: 

"Im Grunde genommen war es ja so, dass wir eine Schul-AG hatten, im Basketball, und wir wollten natürlich jetzt weiter Basketball spielen. Und wenn man dann sein Abitur macht, dann ist auf einmal die Schul-AG nicht mehr da. Und dann haben wir uns gedacht: 'Ja, was machen wir?' - Einem Verein anhängen, das war dann schwierig. Also haben wir dann gesagt: 'Können wir auch selber, machen wir selber, wir gründen einen eigenen Verein.'"

Feinripp-Unterhemden statt Trikots

Wenige Wochen nach dem Schulabschluss gründete sich Rasta Vechta. In der Kreisliga ging es los, mit Feinripp-Unterhemden statt Trikots, mit Talent, mit Freunden und vor allem mit Freude am Spiel. 

"Bis in den Oberliga- Aufstieg haben wir immer unseren Spaß gehabt und das stand im Vordergrund. Natürlich wollten wir Erfolg. Wir waren ehrgeizig, wir wollten nicht verlieren! Aber wir haben für diesen Erfolg nicht zu viel geopfert. Also unsere Freundschaft nicht und das gemeinsame Zusammensein nicht. Und auch das Zusammensein in der Kneipe nicht."

Wo Spieler und Trainer die Spiele nach- und auch vorbereiteten. Diese Form der Sportler-Romantik blieb im Profibereich natürlich auf der Strecke. Doch der Grundgedanke des Vereins, ein funktionierendes Miteinander, macht sich bei Vechtas drittem Anlauf in der Bundesliga, deutlich bemerkbar, sieht auch Vorsitzender Stefan Niemeyer.

"Wir haben aus unseren vorhergehenden Saisons gelernt. Das scheint Früchte zu tragen. Natürlich spielt die Spielerauswahl eine Rolle, was immer für so kleinere Standorte 'ne Lotterie vorher ist bei dem Budget. Etatmäßig sind wir sicher im unteren Drittel der Liga. Wenn wir uns dann jetzt in der Mitte oder vielleicht sogar ein bisschen im oberen Drittel platzieren, ist das schon was Außergewöhnliches. Das darf man allerdings für die Zukunft auch nicht jedes Mal erwarten."

Familiäres Umfeld, guter Teamspirit

Die Euphorie der Gegenwart hat Rasta Vechta in die Playoffs getragen und Philipp Herkenhoff in die Nationalmannschaft. Er hofft auf einen Wechsel in die NBA nach vier Jahren im Verein. Den Erfolg zu erklären, kann auch der 19-Jährige nur versuchen: 

"Team ist gut zusammengestellt, wir verstehen uns sehr sehr gut. Trainer macht einen unglaublichen Job. Stellt uns immer gut drauf ein, kriegt das Beste aus uns heraus. Das Umfeld ist einfach, finde ich, sehr familiär. Wir können auch abseits vom Feld was zusammen machen, das passt einfach sehr sehr gut."

Auch zwischen dem Verein und der Stadt selbst. Vechta wird nach den Erfolgen von Rasta längst nicht mehr nur über den Reitsport definiert, betont Oberbürgermeister Helmut Gels: 

"Und ich habe letztes Jahr im Bereich der Rasta-Halle ein großes Ortsschild aufstellen lassen: Vechta Basketballstadt. Und das ist nicht nur eine Aussage, die wir einmal so als Dank für den Aufstieg da hingestellt haben. Sondern das bedeutet für uns schon, dass mit der Entwicklung des Basketballs ein Wechsel stattgefunden hat. Sie können hingehen, wo Sie wollen: das Thema Basketball ist ständig präsent."

Kreisstadt schlägt Bundeshauptstadt

Die Basketballer geben der 32.000- Einwohner-Stadt ein nie gekanntes Wir-Gefühl. Gegen jede andere Mannschaft der Bundesliga hat Vechta mindestens einmal gewonnen. Auch gegen Größen wie Berlin: 

"Kreisstadt schlägt Bundeshauptstadt – solche Schlagzeilen führen dazu, dass es ein Interesse gibt, dass plötzlich Menschen mit einer solchen Sportart unter einem anderen Gesichtspunkt konfrontiert werden, den sie so noch nie gesehen haben. Und dieses Klein-Groß macht doch letztlich dann auch den Reiz und den Charme aus. Davon profitiert glaube ich eine BBL langfristig gesehen mehr, als die Rahmenbedingungen so hoch zu setzen, dass nur noch einige wenige Große es sich erlauben können."

Wehmut kommt lediglich auf bei dem Gedanken, dass die Saison spätestens im Juni endet. Vielen ist deren Einmaligkeit bewusst. Rasta-Mitbegründer Nieberding genießt die Begeisterung um ihn herum still: 

"Dann betrachtet man vieles auch von außen, lehnt sich zurück und sagt: 'Boah, supergut, auch jetzt, diese Saison. Alles tippi-toppi.' Auch so mit dem Alter, denke ich mir, kann man sich denn auch mal zurücklehnen und sagen: 'Jetzt ist alles schön, gut organisiert und eigentlich, dass wir da einen eigenen Verein gegründet haben, das war damals eine glückliche Entscheidung.'"

Heute ist Jupp Nieberding Lehrer am Gymnasium Antonianum in Vechta. Dort, wo er vor vierzig Jahren Abitur machte. Und er leitet eine Basketball-AG.

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