Seit 14:30 Uhr Vollbild

Samstag, 22.02.2020
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild

Fazit | Beitrag vom 13.02.2020

Aufregung um neuen Handke-RomanViel mehr als ein bisschen Futter für Schlagzeilen

Helmut Böttiger im Gespräch mit Andrea Gerk

Beitrag hören Podcast abonnieren
Untersicht Peter Handkes, der mit ernster Mine vor Bäumen sitzt. (imago/Mehdi Chebil)
Peter Handkes proserbische Haltung im Jugoslawienkrieg führte nach Bekanntgabe, dass er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, zu einer Kontroverse. (imago/Mehdi Chebil)

Noch bevor Peter Handkes neues Buch in den Handel kommt, wird gemutmaßt, dass sich der Autor mit dem Werk an seinen Kritikern rächen will. Das findet Helmut Böttiger problematisch: Literatur werde zunehmend auf ihren Diskussionswert reduziert.

Wegen Peter Handkes proserbischer Haltung im Jugoslawienkrieg gab es wochenlang erbitterte Debatten, als ihm 2019 der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Viele Kritiker sahen darin einen Skandal.

Nun legt Handke ein neues Werk vor: "Das zweite Schwert". Dass der Schriftsteller sich mit dem Buch an seinen Kritikern rächen wolle, wie es die Überschrift eines "Zeit"-Artikels andeute, sei falsch, sagt der Literaturredakteur und Handke-Kenner Helmut Böttiger.

Handke bürgt inzwischen für Skandalisierung

Böttiger vermutet, dass es bei der Schlagzeile "Rache als schöne Kunst" um den Aufmerksamkeitswert geht, die eine solche Kritik vor dem eigentlichen Verkauf des Buches verursacht: "Handke scheint für ein bestimmtes Skandalisierungspotenzial zu bürgen. Das Buch liegt erst am nächsten Montag in den Buchläden. Man geht wohl davon aus, dass Handke immer zieht."

Im Buch gehe es zwar um einen Ich-Erzähler, der sich an einer Journalistin rächen wolle, weil sie seine Mutter beleidigt hat. Das spiele aber zum Schluss des Romans gar keine Rolle mehr.

Nach Böttiger wird Literatur zunehmend vor allem auf ihren Diskussionswert und ihre politische Aussage reduziert:

"Es gerät aus dem Blickfeld, dass Literatur per se etwas ganz anderes ist als ein bloßer Debattenbeitrag. Literatur spricht eine Sprache, die über die journalistische Sprache, über den Aktualitätswert, über den Debattendiskurs hinausgreift. Und dafür steht der Autor Peter Handke natürlich mit an erster Stelle, dass Literatur und Journalismus nichts miteinander zu tun haben."

Romantisierung von Alltagserfahrungen

Betrachte man das Lebenswerk des 70-jährigen, könne man sehen, dass das neue Buch in einer langen Reihe von epischen Versuchen des Schriftstellers stehe. Es schließe an dessen letztes großes Epos "Die Obstdiebin" an.

Die Romantisierung von Alltagserfahrungen spielten bei Handke eine große Rolle, betont Böttiger. "Das ist ein Spiel mit verschiedenen Formen, und wichtig ist, dass der Name Homer mindestens fünfmal in diesem Buch auftaucht. Handke beruft sich auch auf Homer, als den großen Epiker, und ihm will er nacheifern in mythischen Figurenkonstellationen."

Mit diesem Wissen um das Werk des Autors sei es falsch, Handke in den Tagesdiskurs einzuklinken. "Dieses Schielen auf Skandalisierung: Das ist schon eine Tendenz, die mit Literaturkritik überhaupt nichts mehr zu tun hat."

Mehr zum Thema

Literaturnobelpreis für Peter Handke - Die Verantwortung des Schriftstellers
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 10.12.2019)

Peter Handke: "Wer sagt denn, dass die Welt..." - Unerhörte Bilder
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 07.12.2019)

Diskussion um Nobelpreisträger Peter Handke - "Ein Leugnen und Verdrehen dessen, was passiert ist"
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 25.10.2019)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAuch Schlager kann politisch sein
Der Sänger Roland Kaiser tritt während der Aufzeichnung der Helene-Fischer-Show im Dezember 2019 auf. (Rolf Vennenbernd/dpa)

Obwohl der Schlagersänger Roland Kaiser 2017 nicht zum Solidaritätskonzert gegen Rechts eingeladen wurde, zeigt er sich im "TAZ"-Interview versöhnlich. Von den Toten Hosen bis zu Helene Fischer müssten sich alle für Demokratie und Freiheit einsetzen, meint er.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur