Aufforderung zu kritischem Denken

Wirklich gesund oder wieder nur ein Komma verrutscht?
Wirklich gesund oder wieder nur ein Komma verrutscht? © Jan-Martin Altgeld
Ernst Fischer will die vielen kleinen und auch großen Fehler, die sich im öffentlichen Verständnis der Naturwissenschaften breitgemacht haben entlarven. Um die "Wunderwaffe Spinat" geht es dabei aber nur am Rande.
Jahrzehntelang wurde Spinat ein viel zu hoher Eisengehalt zugesprochen. Der Grund dafür war ein Komma, das an die falsche Stelle zwischen zwei Zahlen gerutscht war: aus 3,5 Milligramm wurden so 35 Milligramm. Spinat wurde zur Wunderwaffe. Ernst Fischer will die vielen kleinen und auch großen Fehler, die sich im öffentlichen Verständnis der Naturwissenschaften breitgemacht haben entlarven. Um die "Wunderwaffe Spinat" geht es dabei aber nur am Rande. Der Autor hat weit mehr als nur ein paar kuriose Falschmeldungen aus der Wissenschaft in seinem Buch "Warum Spinat nur Popeye stark macht" zu bieten.

Umfassend beschreibt er grundlegende Entwicklungen der Naturwissenschaft, darunter Galileo Galileis Entwurf eines neuen Planetensystems, Albert Einsteins Relativitätstheorie oder die Entdeckung der Doppelhelix durch Watson und Crick und erzählt von ihrer Rezeption. Herausgekommen ist so eine durchweg gelungene und zugleich erfrischend kurze Darstellung der wichtigsten Forscher und ihrer Arbeiten, die dadurch glänzt, dass sie viele interessante Details erwähnt und zu kritischem Denken auffordert. Denn viele Falschmeldungen aus der Wissenschaft halten sich über Jahrzehnte, obwohl sie sehr schnell korrigiert wurden. Etwa die, dass ein Hauptteil der menschlichen Körperwärme über den Kopf verloren gehe. Das ist allerdings falsch. Denn über den Speichel strömt 50 Prozent der Wärme ins Freie, mehr als aus irgendeinem anderen Teil unseres Körpers.

Bei der Suche nach den Ursachen für die hartnäckigen Fehlmeldungen musste Fischer schnell feststellen, meist sind es die Menschen selber, die von den falschen Annahmen nicht lassen können, weil sie zu schön und zu passend sind. Und das trifft nicht nur für Gerüchte vom Stammtisch zu, sondern auch für die Wissenschaft. Selbst Forscher halten meist länger als nötig an ihren Ideen und Konzepten fest, und verhindern damit zuweilen den Fortschritt, schreibt Fischer und mahnt, glaubt nicht alles, nur weil es angeblich wissenschaftlich erwiesen ist.

Denn Wissenschaft ist ein ständiger Prozess, was heute gilt, kann morgen schon wieder falsch sein. Etwa Einsteins Theorie. Die brauchte mehrere Jahre, bis sie anerkannt wurde, die Physikergemeinde vertraute dem jungen Einstein nicht sofort. Ebenso erging es Galileo mit seinem Planetensystem oder dem britischen Arzt Alexander Fleming, dessen Idee erst einmal verschwand, bevor sie Jahre später zu der großen Entdeckung des Penicillins führte.

Ernst Peter Fischer weiß all das mit viel Humor zu vermitteln und zitiert neben den seriösen Berichten auch gerne Kalauer. Übrigens: Zum Thema Spinat fand eine Studie aus Stockholm kürzlich heraus, dass er die Sauerstoffzufuhr in der Muskulatur fördert und dadurch die Leistungsfähigkeit steigert. Da war dieses Buch schon erschienen.

Besprochen von Susanne Nessler

Ernst Peter Fischer: Warum Spinat nur Popeye stark macht. Mythen und Legenden der modernen Wissenschaft
Pantheon Verlag, München 2011
272 Seiten, 14,95 Euro