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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.08.2009

Aufbauarbeit in der Sowjetunion

Herta Müller: "Atemschaukel", Hanser Verlag, München 2009, 299 Seiten

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Nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachte Oskar Pastior fünf Jahre in einem sowjetischen Lager. (AP Archiv)
Nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachte Oskar Pastior fünf Jahre in einem sowjetischen Lager. (AP Archiv)

Herta Müller, geboren 1953 als Angehörige der deutschen Minderheit in Rumänien, siedelte 1987 nach Westberlin über. Sie wurde berühmt durch ihren ersten Erzählungsband "Niederungen", der 1982 in Bukarest erschien.

Mit ihren schonungslosen, literarisch zugespitzten Romanen beschrieb sie in ihrem Werk immer wieder die Diktatur Ceausescus und die trotzig-reaktionäre Welt der Deutschen in Rumänien. Im letzten Jahr wurde sie als heiße Kandidatin für den Nobelpreis gehandelt.

Man wusste, dass Herta Müller und der experimentelle Lyriker Oskar Pastior, der ebenfalls aus Rumänien stammt, an einem gemeinsamen Buch schrieben. Nach dem Tod Oskar Pastiors 2006 hat Herta Müller das Projekt allein wieder aufgenommen. Es geht um die fünfjährige Lagerzeit, die Pastior im Alter von 17 bis 22 Jahren – von Januar 1945 bis Januar 1950 – in der Sowjetunion verbracht hat. Die Figur, die in diesem Roman in Ich-Form spricht und sich Leopold Auberg nennt, ist unverkennbar seinen Erfahrungen nachgebildet – auch wenn es sich parallel dazu vor allem auch um eine Sprach-Kunst-Figur handelt.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs forderte die Sowjetunion Rumänien, das ursprünglich unter dem faschistischen Diktator Antonescu an der Seite Nazideutschlands Krieg geführt hatte, dazu auf, die Rumäniendeutschen als Wiedergutmachung zur Aufbauarbeit in die Sowjetunion zu schicken. Herta Müllers Roman rückt dieses verdrängte Kapitel der rumänischen Geschichte ins Blickfeld. Doch es handelt sich nicht nur um ein konkret politisches, historisch exaktes Buch – es ist auch ein Buch darüber, wie Literatur entstehen kann und einen existenziellen Kern umkreist.

Das Lagerleben wird hier zum einen hyperrealistisch, zum anderen aber in einer eindringlich poetischen Sprache beschrieben. Der Alltag im Steinbruch, im Kokswerk, in den Abraumhalden und am Hochofen erscheint minutiös und genau in seiner menschenverachtenden Brutalität. Am Anfang des vierten Jahres wird der 330. Tote notiert. Die Sträflingskleidung, die Holzschuhe, die Wanzen- und Laus-Baracken entfalten genauso ihr Eigenleben wie der Hunger, der sämtliche Erfahrungen grundiert. Herta Müller beschreibt das Lager nicht chronologisch, nicht nach inhaltlichen Themenkomplexen geordnet, sondern in ungeheuren, sich entziehenden und atemberaubenden Bildern. Der "Hungerengel" ist der Ausgangspunkt und der immer wiederkehrende Begleiter, die "Herzschaufel" und die "Atemschaukel" gehen aus den konkreten Arbeitsbedingungen hervor und führen zu einer literarischen Verdichtung, die die ursprünglichen Erfahrungen, die psychischen Belastungen, weitaus transparenter macht als es eine sachliche Schilderung könnte.

Vereinzelte Rückblenden in das Vor-Lager-Leben im rumänischen Hermannstadt, in den "normalen Alltag" steigern den Schmerz, erhöhen die Intensität dieses Alptraums, dieses Lebens jenseits einer erfahrbaren Realität. Dieser Roman ist von daher auch eine Quelle dafür, woher das Sprachbewusstsein von Autoren wie Oskar Pastior und Herta Müller herrührt. Nach fünf Jahren Lager ist einem die Welt "so abhandengekommen", dass sie "einem gar nicht fehlt": Nach der Lektüre dieses eindrucksvollen, bewegenden Romans ist das Bewusstsein dafür geschärft, dass die Normalität keineswegs die Normalität ist.

Besprochen von Helmut Böttiger

Herta Müller: Atemschaukel
Hanser Verlag, München 2009
299 Seiten, 19,90 Euro

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