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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.08.2013

Auf Wahrheitssuche in Mailand

Giorgio Fontana: "Im Namen der Gerechtigkeit", München 2013, 254 Seiten

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Die 1865 erbaute Einkaufspassage Galleria Vittorio Emanuele: Mailand gibt eine eher sperrige Kulisse in Fontanas Roman ab.  (dpa / picture alliance / Krause_Manfred)
Die 1865 erbaute Einkaufspassage Galleria Vittorio Emanuele: Mailand gibt eine eher sperrige Kulisse in Fontanas Roman ab. (dpa / picture alliance / Krause_Manfred)

Natürlich ist der Tunesier schuldig, glaubt der Mailänder Staatsanwalt. Doch eine junge Journalistin lässt ihn zweifeln. Der italienische Autor Giorgio Fontana hat ein spannendes Buch über Schuld und Gerechtigkeit geschrieben, bei dem auch die kulturelle Atmosphäre nicht zu kurz kommt.

Roberto Doni, leitender Staatsanwalt im Mailänder Justizpalast, steht kurz vor der Vollendung seiner Karriere. Da stellt ein Berufungsfall alle Überzeugungen in Frage, die ihn stets geleitet haben. Ein Tunesier soll an einer Schießerei beteiligt gewesen sein. Der Angeklagte hat kein Alibi und verweigert die Aussage. Der Fall scheint klar, bis eine junge Journalistin auftaucht, die einen Entlastungszeugen aufbietet. Die junge Frau bringt den alternden Staatsanwalt dazu, die vorgesehenen Bahnen zu verlassen, sich im Milieu des Verdächtigen umzusehen und selbst nach der Wahrheit zu suchen. Doni erkennt, dass er womöglich einen Unschuldigen verurteilt. Andererseits setzt er alles aufs Spiel, wenn er sich nicht an die Regeln des Systems hält.

Atmosphärische Anleihen aus Musik, Malerie und Literatur

Der Italiener Giorgio Fontana verweigert in seinem deutschen Debüt das spannungsgeladene Justizdrama ebenso wie die erotische Verwirrung, die sein Plot bereitgehalten hätten. Was ihn interessiert, ist das Aufeinanderprallen von Ideen, Werten, Positionen. Und so wird viel gesprochen, gedacht, beobachtet und reflektiert in diesem Roman, unterlegt von atmosphärischen Anleihen bei der Musik (Gustav Mahler), der Malerei (Doni verehrt den Barockmaler Georges de la Tour, der besonders effektvoll Licht im Dunkel inszeniert hat) und der Literatur (Georges Simenon). Zudem spiegeln sich Stimmungen, Brüche und Fragen immer auch in der Stadt - wobei Mailand da bisweilen eine eher sperrige Kulisse abgibt ("Mailand war ohne Aroma, geruchlos – ein Ort, der aus Verweigerungen bestand").

Fontana hat also keinen Thriller geschrieben, er führt vielmehr mit literarischen Mitteln einen um Ausgewogenheit und analytische Tiefe bemühten Prozess um Wahrheit, Schuld, Gerechtigkeit, Heldentum – also um einige der ganz große Themen der Literatur. Und als sei das nicht genug, fragt er auch noch nach dem Sinn des Lebens und der Möglichkeit eines Alterns in Würde.

Spannende Wahl am Ende

Es gehört Mut dazu, dies in aller Ernsthaftigkeit zu tun. Und es ist wohlfeil festzustellen, dass sich ein 30-Jähriger da auch schnell verheben kann, zumal wenn er so ostentativ sparsam mit Spannungselementen umgeht. Man kann Fontanas erzählerisches Vorgehen aber auch als einen Akt schöpferischer Neugier den elementaren Fragen gegenüber betrachten. Dann erscheint die Reduktion des Plots weniger als dramaturgische Schwäche denn als Maßnahme im Dienst der Pointierung einer Versuchsanordnung, in der die Journalistin und der Jurist jeweils auf ihre Weise nach der Wahrheit suchen.

Für Fontana liegt die Spannung am Ende im Ausbleiben von Antworten auf die gestellten Fragen. Das ist durchaus gewagt im Rahmen eines Romans. Und auf dem Weg vom fließenden Italienisch ins parataktische Deutsch geht bisweilen wohl auch einiges Verbindende verloren. Dennoch - ein ambitionierter Versuch im Wortsinn, ein Essay im Gewand eines Stadtromans, an dessen Ende eine spannende Alternative steht: "Nicht handeln. Glücklich Leben" oder aber eingreifen und die eigene Existenz gefährden. Wie wird Roberto Doni sich entscheiden?

Besprochen von Hans von Trotha

Giorgio Fontana: Im Rahmen der Gerechtigkeit. Roman
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Nagel & Kimche, München 2013
254 Seiten, 18,90 Euro

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