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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.03.2013

"Auf vier leeren Kartons sieben Flügel des Genter Altars"

Die Rettung von Kunstwerken nach dem Zweiten Weltkrieg

Von Barbara Wiegand

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In einem alten Stollen fanden die "Monuments Men" viele der geraubten Kunstgüter. (AP)
In einem alten Stollen fanden die "Monuments Men" viele der geraubten Kunstgüter. (AP)

Es war der größte Kunstdiebstahl der Geschichte: Mehr als fünf Millionen teils hochkarätige Werke hatten die Nazis geraubt und ins Deutsche Reich geschafft. Eine Sondereinheit der Alliierten spürte diese Schätze auf. Robert M. Edsel hat die Geschichte der "Monuments Men" aufgeschrieben.

"Robert Posey kroch als Erster hindurch, ihm folgte Lincoln Kirstein. Hinter der Mauer erwartete sie eine andere Welt: Es war staubig, dunkel und es herrschte eine unheimliche Stille. Hinter der ersten Tür befand sich ein Dynamitlager. Hinter der zweiten tauchte van Eycks 'Jungfrau Maria' auf, die still in einem Buch las. Neben ihr lagen auf vier leeren Kartons sieben Flügel des Genter Altars."

Es liest sich wie der Showdown eines Abenteuerromans, erinnert ein wenig an Howard Carters verzückten Ausruf "Ich sehe wundervolle Dinge", als er das Grab Tutanchamuns entdeckte. Diese Schilderung vom 16. Mai 1945 aus dem Buch "The Monuments Men", die beschreibt wie die Sondereinheit in das Salzbergwerk Altaussee vordringt. Die Männer wissen nicht, was sie erwartet, als sie sich ihren Weg in die Mine bahnen, die von den Nazis als Raubkunstversteck genutzt wird, als sie in den vom Geröll mühsam freigeschaufelten Eingängen einen Kunstschatz nach dem anderen erblicken.

"Ja, die Ausgräber in Ägypten müssen ein ähnliches Gefühl gehabt haben - nach so langer Suche auf ein Grab zu stoßen, dass noch nicht geplündert war – voller Schätze. Und die Monuments Offiziere haben ja auch viel durchgemacht, bevor sie diesen großen Fund machten im Salzbergwerk Altaussee. Zwei von ihnen waren gefallen. Und sie alle riskierten ihr Leben für diese Kulturgüter, um sie zu bewahren. Anders als andere Soldaten waren sie nicht gekommen, um zu zerstören, sondern um zu bewahren. Ja, und wie der Zufall der Geschichte es wollte, das letzte Versteck, das sie fanden, war dann auch das Wichtigste."

Über 8000 Gemälde, Grafiken, Skulpturen befanden sich in den Stollen, konnten mit Hilfe einheimischer Bergleute gesichert werden. 8000 von mehr als fünf Millionen Kunstwerken, deren Geschichte als Naziraubkunst Robert Edsel seit den neunziger Jahren recherchiert. Seit er sein florierendes Ölförderunternehmen verkaufte, für einige Jahre nach Italien zog und dort in die europäische Kunstgeschichte eintauchte. Und in die Geschichte der Monuments Men. Jener Gruppe um den Oberleutnant George Stout, der als Experte für die Restaurierung von Kunstgütern die Gründung der Sondereinheit angestoßen hatte. Edsel sprach mit überlebenden Monuments Men, mit Angehörigen, reiste vor Ort, erwarb private Dokumente - studierte Briefe aus dem Feld:

"Wissen Sie, auch wenn einige der Monuments Men mittlerweile verstorben sind – ihre Briefe aus dem Krieg haben ihre Kinder immer aufbewahrt. Und die Briefe dieser Monuments Men, die ja meist Museumsleute und nicht einfache Soldaten waren, die waren sehr eindrücklich. Wie sie ihre Gefühle schilderten als sie in das Salzbergwerk eindrangen. Es war kalt, es gab übelste Dämpfe, es war eng, sie trafen auf Menschen, von denen sie nicht genau wussten: Freund oder Feind? All das haben die Monuments Men in ihren Briefen geschildert - und als ich sie gelesen hatte, da wusste ich: Diese Geschichte kann ich erzählen. In ihren Worten."

Dieser persönliche Stil beeindruckt ein ums andere Mal. Etwa bei der Beschreibung der Brügger Madonna von Michelangelo – wie sie traurig von Sockel herab zu blicken scheint, als die Nazis sie rauben, oder der 400 Jahre alten Kapelle am Utah Beach, an der tausende von Soldaten nach der alliierten Invasion in der Normandie vorbeikamen, sich sammelten, versammelten zum Gebet – das erste Gebäude im Übrigen, das die Monuments Men sicherten.

So ist "The Monuments Men" eine erzählerische Dokumentation, die auf vielen Zahlen, Daten, Fakten beruht, reichlich recherchierten Details, in denen sich Robert Edsel bisweilen verliert – was das Lesen dann recht mühsam macht. Dennoch: Das Buch ist spannend. Ja, die Story, die Edsel über 500 Seiten niedergeschrieben hat, ist absolut filmreif, weshalb es auch kein Wunder ist, dass George Clooney die Geschichte ins Kino bringt. Es ist eine Geschichte, die einem die immensen Dimensionen dieses Kunstraubes bewusst macht. Und das Glück, dass durch die Monuments Men viele der von den Nazis verschleppten Kunstschätze – die Vermeers, Rembrandts, Michelangelos – für die Nachwelt erhalten blieben, meint Robert Edsel.

"Anfangs konnte ich das gar nicht glauben, dass so eine wichtige Geschichte, eine Geschichte, die uns bis heute noch betrifft, bisher so wenig thematisiert wurde. Vor allem auch nach der US amerikanischen Invasion 2003 und der furchtbaren Konsequenzen, die Plünderung der Museen – also ich wusste soviel über das, was die Monuments Men im Zweiten Weltkrieg getan haben und es war erschreckend für mich als Amerikaner zu wissen, dass wir so einen guten Job gemacht haben im Zweiten Weltkrieg. Eine Art Vermächtnis, das wir scheinbar vergessen haben."

So wirkt der Einsatz der Monuments Men bis heute nach. Auch als Mahnung, in künftigen Konflikten das Kulturelle Erbe zu bewahren.

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