Auf Umwegen: von Brasilien über die USA nach Deutschland
Die 47-jährige Marineusa hat einen brasilianischen Pass aus ihrer Heimat und einen US-amerikanischen aus dem Geburtsland ihrer beiden Kinder. In Oregon hat sie sich in den deutschen Wanderarbeiter Bernd verliebt. Jetzt leben sie als Familie in Berlin. Den Anfängerkurs Deutsch macht sie zum zweiten Mal, weil ihr hier alles etwas schnell geht.
"Oh... Guten Morgen! Nein: Guten Morgen"
Freitagmorgen, ein schmuckloses Klassenzimmer. Vorne wischt Rainer Baier die Tafel sauber, draußen fließt der Berufsverkehr. Manche der 14, 15 Schüler zwischen 20 und Ende 40, die ihm gegenübersitzen, verstehen kaum ein Wort Deutsch. Die Tür geht noch mal auf. Marineusa kommt herein, deutsche Pünktlichkeit muss sie noch lernen, sie lächelt verlegen. Schwarze Baggypants trägt sie, leichte Afrokrause, viel Schmuck. Sie drückt sich an der hinteren Stuhlreihe vorbei, setzt sich an den freien Tisch am Fenster.
"So meine Damen und Herren! Wir beginnen. Schauen Sie mal: Papier, Papier, Papier..."
Rainer Baier verteilt Zettel mit deutscher Grammatik: Präpositionen, Modalverben, Temporalformen. An Alma aus Bosnien, Tia aus Israel, Niall aus Irland und Loy aus Vietnam. Und an Marineusa. Sie liegt irgendwie dazwischen: einen brasilianischen Pass hat sie, dort ist sie geboren und einen US-amerikanischen, aus dem Geburtsland ihrer beiden Kinder.
"Marineusa hat schon ein paar Materialien aus der anderen Gruppe, nich?" – "Ja" - "Links rum, rechts rum, keine Systematik – da sind sie... Das ist ja Chaos bei Ihnen, wir müssen das ordnen, ja? Richtig was, wo...!"
Marineusa kramt in ihrem Ordner, sie kennt das schon. Den Anfängerkurs macht sie zum zweiten Mal, zu schnell geht ihr das alles, sie kommt kaum mit. Hausaufgabenkontrolle:
"Bryson bitte!" "Äh, Eva will mit Klaus ins Kino gehen."
"Marineusa bitte!""Soll ich dir auch ein Karte besorgen?"
"Phonetik: Eine Karte"
"Soll ich dir auch eine Karte besorgen?" "Jetzt war es gutes Deutsch, danke!"
Zehn Uhr: Pause. Außerhalb des Klassenzimmers spricht Marineusa so gut wie gar kein Deutsch:
"Cause I was in America and then we moved straight here, so it´s my first time ever here in Germany, everybody comes from other countries!"
("Aus Amerika sind wir direkt hier her gezogen – das ist mein erstes Mal hier – und jeder, den ich treffe, kommt woanders her.") "
Obwohl der Grund, warum sie seit Februar in Berlin lebt, ein deutscher ist. Ihren Mann Bernd, ein Wanderarbeiter, hat sie in Oregon kennengelernt. Er wollte zurück, sie ging mit.
Marineusa geht vor die Tür. Mit ihren 47 Jahren ist sie in der Klasse eine der Ältesten. Sie quatscht mit Aminata aus Guinea-Bissau in West-Afrika, noch keine 20 Jahre alt. Was die beiden Frauen verbindet ist allein ihre Muttersprache, Portugiesisch. Perfekt Deutsch sprechen, dieses Ziel hat in ihrem Kurs erstmal niemand, aber Grundkenntnisse für den ganz normalen Alltag, die lernen sie hier.
" "Was essen Sie gern?" – "Ich esse gerne ganz typisch Deutsch..." – "Kartoffeln!" – "Bratwurst!" "Ich esse gerne Kohlrouladen."
Letzte Stunde für heute: ein Crashkurs in deutscher Küche. Für Marineusa fast kostenlos. Einen Euro bezahlt sie pro Stunde, weil zwar nicht sie, aber ihr Mann was auf dem Bau verdient, den Rest bezahlt der Staat.
Marineusa hat keinen festen Job, ohne ein Minimum an Deutschkenntnissen hat sie keine Chance. Ein bisschen hinzuverdienen, das geht. "In Brasilien hab ich als Hausmädchen, in Oregon in einem Buchladen gearbeitet," sagt sie. In Berlin geht Marineusa putzen.
"I wanna work fulltime! I´m not used to be dependent on somebody taking care of me financially and for me that´s very uncomfortable even Bernd – you know – gives me everything, for the kids, too, but I just wanna help cause I know how much expenses are at home!"
("Ich möchte einen richtigen Job! Ich bin es nicht gewohnt, von jemandem finanziell abhängig zu sein, auch wenn Bernd uns alles gibt. Aber ich möchte helfen, ich weiß ja, was das alles kostet!") "
Von der Schule braucht sie zu Fuß keine zehn Minuten in ihr neues Zuhause, in ihre Drei-Zimmer-Altbauwohnung in Friedrichshain. Ihr Mann Bernd arbeitet gleich auf der Baustelle nebenan. Die beiden reden fast nur Englisch miteinander. "Aus Gewohnheit", sagt Bernd und lässt sich im Wohnzimmer in den Sessel fallen:
" "Bei ihr müsste man doch noch mal hinterher haken, Englisch sprechen wir beide ziemlich perfekt, das ist unsere Kommunikationssprache, dann fällt man immer wieder in die Faulheit zurück."
Deutsch ist hier nur die Einrichtung. An der Wand hängt ein Lebkuchenherz: "Ich liebe Dich!" steht darauf.
"Hallo Papa!" – "Hallo!"
"How was school?" – "Good!" – "Homework? Hausaufgaben?"
Brozy und Bemnia, Marineusas Kinder aus ihrer ersten Ehe mit einem Amerikaner, haben es viel leichter. Brozy ist zehn, geht in die 5. Klasse, Deutsch lernt er einfach so, nebenbei:
"...ich habe Freunde gemacht mit Fußball spielen."
Bemnia, zwei Jahre älter, ist noch in der Schule, trifft sich mit ihren Freundinnen. Und genau das fehlt ihrer Mutter: Deutsche Freunde, mit denen sie Deutsch sprechen muss. Nach dem Integrationskurs ist sie meist allein zu Hause, räumt auf, liest ein bisschen. Außer den Freunden ihres Mannes kennt sie niemanden und lernt auch niemanden kennen. Ihre Aufgabe heute: Schulbücher ihrer Kinder umtauschen.
"This is the place – I like it, because they have English books: Hello!"
("Ich mag diesen Laden, die haben englische Bücher!") "
Aber auch hier kapituliert sie, will noch mal mit ihrem Mann zurückkommen, als Dolmetscher.
" "Can you hold it here and I let my husband come here..."
Und wieder tut sie das, womit sie alle unangenehmen Situationen überspielt: sie lacht.
"Sorry about that..."
Aber sicher, dass sie es schafft, ist Marineusa trotzdem – das mit den deutschen Wörtern und dass sie einen richtigen Job findet… Irgendwann.
Freitagmorgen, ein schmuckloses Klassenzimmer. Vorne wischt Rainer Baier die Tafel sauber, draußen fließt der Berufsverkehr. Manche der 14, 15 Schüler zwischen 20 und Ende 40, die ihm gegenübersitzen, verstehen kaum ein Wort Deutsch. Die Tür geht noch mal auf. Marineusa kommt herein, deutsche Pünktlichkeit muss sie noch lernen, sie lächelt verlegen. Schwarze Baggypants trägt sie, leichte Afrokrause, viel Schmuck. Sie drückt sich an der hinteren Stuhlreihe vorbei, setzt sich an den freien Tisch am Fenster.
"So meine Damen und Herren! Wir beginnen. Schauen Sie mal: Papier, Papier, Papier..."
Rainer Baier verteilt Zettel mit deutscher Grammatik: Präpositionen, Modalverben, Temporalformen. An Alma aus Bosnien, Tia aus Israel, Niall aus Irland und Loy aus Vietnam. Und an Marineusa. Sie liegt irgendwie dazwischen: einen brasilianischen Pass hat sie, dort ist sie geboren und einen US-amerikanischen, aus dem Geburtsland ihrer beiden Kinder.
"Marineusa hat schon ein paar Materialien aus der anderen Gruppe, nich?" – "Ja" - "Links rum, rechts rum, keine Systematik – da sind sie... Das ist ja Chaos bei Ihnen, wir müssen das ordnen, ja? Richtig was, wo...!"
Marineusa kramt in ihrem Ordner, sie kennt das schon. Den Anfängerkurs macht sie zum zweiten Mal, zu schnell geht ihr das alles, sie kommt kaum mit. Hausaufgabenkontrolle:
"Bryson bitte!" "Äh, Eva will mit Klaus ins Kino gehen."
"Marineusa bitte!""Soll ich dir auch ein Karte besorgen?"
"Phonetik: Eine Karte"
"Soll ich dir auch eine Karte besorgen?" "Jetzt war es gutes Deutsch, danke!"
Zehn Uhr: Pause. Außerhalb des Klassenzimmers spricht Marineusa so gut wie gar kein Deutsch:
"Cause I was in America and then we moved straight here, so it´s my first time ever here in Germany, everybody comes from other countries!"
("Aus Amerika sind wir direkt hier her gezogen – das ist mein erstes Mal hier – und jeder, den ich treffe, kommt woanders her.") "
Obwohl der Grund, warum sie seit Februar in Berlin lebt, ein deutscher ist. Ihren Mann Bernd, ein Wanderarbeiter, hat sie in Oregon kennengelernt. Er wollte zurück, sie ging mit.
Marineusa geht vor die Tür. Mit ihren 47 Jahren ist sie in der Klasse eine der Ältesten. Sie quatscht mit Aminata aus Guinea-Bissau in West-Afrika, noch keine 20 Jahre alt. Was die beiden Frauen verbindet ist allein ihre Muttersprache, Portugiesisch. Perfekt Deutsch sprechen, dieses Ziel hat in ihrem Kurs erstmal niemand, aber Grundkenntnisse für den ganz normalen Alltag, die lernen sie hier.
" "Was essen Sie gern?" – "Ich esse gerne ganz typisch Deutsch..." – "Kartoffeln!" – "Bratwurst!" "Ich esse gerne Kohlrouladen."
Letzte Stunde für heute: ein Crashkurs in deutscher Küche. Für Marineusa fast kostenlos. Einen Euro bezahlt sie pro Stunde, weil zwar nicht sie, aber ihr Mann was auf dem Bau verdient, den Rest bezahlt der Staat.
Marineusa hat keinen festen Job, ohne ein Minimum an Deutschkenntnissen hat sie keine Chance. Ein bisschen hinzuverdienen, das geht. "In Brasilien hab ich als Hausmädchen, in Oregon in einem Buchladen gearbeitet," sagt sie. In Berlin geht Marineusa putzen.
"I wanna work fulltime! I´m not used to be dependent on somebody taking care of me financially and for me that´s very uncomfortable even Bernd – you know – gives me everything, for the kids, too, but I just wanna help cause I know how much expenses are at home!"
("Ich möchte einen richtigen Job! Ich bin es nicht gewohnt, von jemandem finanziell abhängig zu sein, auch wenn Bernd uns alles gibt. Aber ich möchte helfen, ich weiß ja, was das alles kostet!") "
Von der Schule braucht sie zu Fuß keine zehn Minuten in ihr neues Zuhause, in ihre Drei-Zimmer-Altbauwohnung in Friedrichshain. Ihr Mann Bernd arbeitet gleich auf der Baustelle nebenan. Die beiden reden fast nur Englisch miteinander. "Aus Gewohnheit", sagt Bernd und lässt sich im Wohnzimmer in den Sessel fallen:
" "Bei ihr müsste man doch noch mal hinterher haken, Englisch sprechen wir beide ziemlich perfekt, das ist unsere Kommunikationssprache, dann fällt man immer wieder in die Faulheit zurück."
Deutsch ist hier nur die Einrichtung. An der Wand hängt ein Lebkuchenherz: "Ich liebe Dich!" steht darauf.
"Hallo Papa!" – "Hallo!"
"How was school?" – "Good!" – "Homework? Hausaufgaben?"
Brozy und Bemnia, Marineusas Kinder aus ihrer ersten Ehe mit einem Amerikaner, haben es viel leichter. Brozy ist zehn, geht in die 5. Klasse, Deutsch lernt er einfach so, nebenbei:
"...ich habe Freunde gemacht mit Fußball spielen."
Bemnia, zwei Jahre älter, ist noch in der Schule, trifft sich mit ihren Freundinnen. Und genau das fehlt ihrer Mutter: Deutsche Freunde, mit denen sie Deutsch sprechen muss. Nach dem Integrationskurs ist sie meist allein zu Hause, räumt auf, liest ein bisschen. Außer den Freunden ihres Mannes kennt sie niemanden und lernt auch niemanden kennen. Ihre Aufgabe heute: Schulbücher ihrer Kinder umtauschen.
"This is the place – I like it, because they have English books: Hello!"
("Ich mag diesen Laden, die haben englische Bücher!") "
Aber auch hier kapituliert sie, will noch mal mit ihrem Mann zurückkommen, als Dolmetscher.
" "Can you hold it here and I let my husband come here..."
Und wieder tut sie das, womit sie alle unangenehmen Situationen überspielt: sie lacht.
"Sorry about that..."
Aber sicher, dass sie es schafft, ist Marineusa trotzdem – das mit den deutschen Wörtern und dass sie einen richtigen Job findet… Irgendwann.