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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.08.2011

Auf Kunst gebaut

Der österreichische Mäzen Karlheinz Essl und sein Museum

Von Stefan May

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Das Essl Museum in Klosterneuburg bei Wien. (picture alliance / dpa / Thorsten Lang)
Das Essl Museum in Klosterneuburg bei Wien. (picture alliance / dpa / Thorsten Lang)

Der Österreicher Karlheinz Essl, Chef einer Baumarktgruppe, gilt als einer der wichtigsten Kunstförderer des Landes. Vor zwölf Jahren eröffnete er mit seiner Frau das Essl Museum an der Stadtgrenze zu Wien. 7000 Werke aus der Gegenwartskunst hat er inzwischen gesammelt.

Mittag in der Wiener Innenstadt: Es ist schwül, Touristengruppen schlurfen hinter ihren Führern her, werden von Reisebussen eingesammelt. Um zwölf Uhr biegt hinter der Staatsoper ein violett lackierter Autobus um die Ecke. Er fährt zum Essl Museum vor den Toren Wiens. Viermal am Tag als Gratisshuttle. Die Handvoll Fahrgäste sind allesamt keine Zufallsbesucher. Mitunter kommen sie von weither.

"Es ist irgendwie außergewöhnliche moderne Kunst. Es sind so besondere Zuckerln, die der Herr Essl da aussucht."

"Ich bin regelmäßiger Besucher Wiens, und das Essl Museum ist eine der äußerst spannenden privaten Institutionen, die sich hier zu entdecken lohnt. Ich finde das in dieser Lage, mit der Architektur, auch mit der Persönlichkeit dahinter schon außergewöhnlich. Ich finde Vergleiche immer schwierig, weil dann das eine mehr, das andere weniger … aber mir fällt jetzt spontan nichts ein, wo ich sagen würde, das ist wie Boros oder das ist wie Falckenberg, sondern das ist eine ganz eigene Geschichte, die hier auch stark mit der Region, mit der Kultur, mit der Persönlichkeit zusammenhängt."

Mit der Persönlichkeit ist der Gründer des Museums, der 72-jährige Karlheinz Essl, gemeint. Vor zwölf Jahren baute einer seiner engsten Freunde, der renommierte Architekt Heinz Tesar, ein Museum für ihn. Ein wenig versteckt liegt das schneeweiße Gebäude in Klosterneuburg hinter der Stadtgrenze Wiens, zwischen Donau und Wiens Hausberg, dem Kahlenberg. 8000 Quadratmeter ist es groß, die Hälfte davon sind Ausstellungsräume, 2500 Quadratmeter umfasst das umfangreiche Depot.

Im Besprechungsraum für die 55 Mitarbeiter des Museums, der eigentlich ein großzügiger Saal ist, hängt eine Neuerwerbung, ein großformatiges Bild des deutschen Malers Günther Förg.

"Das Bild ist aus 2007, wird ein Format haben von fünf mal drei Meter, ungefähr."

Hausherr Karlheinz Essl ist ein eleganter schlanker Herr mit schmalem Schnurrbart.

"Neben der Farblichkeit, der vielschichtigen Struktur sind es immer wieder Räume auch, Tiefen, die Sie im Bild sehen können, wo Sie von einem Raum, von einem Bereich, von einer Gruppe in die andere wandern können, nicht wahr, und sich irgendwo im Bild verlieren und plötzlich dann die Ratio, wenn Sie so wollen, auslässt und Sie dann traumhaft eine Reise in das Innere des Bildes antreten können."

Essl wäre als junger Mann gern selber Künstler geworden. Doch er geht in die USA, studiert dort die bis dahin in Europa unbekannten Supermärkte für den väterlichen Lebensmittelhandel, lernt in New York seine spätere Frau kennen, die aus einer großen Klosterneuburger Baustofffirma stammt. Sie heiraten, später übernimmt er das Unternehmen vom Schwiegervater. Parallel dazu pflegt das Ehepaar Essl seine gemeinsame Liebe zur Kunst. Fast 40 Jahre ist es her, dass die beiden mit dem Sammeln moderner Kunstwerke begonnen haben. Inzwischen ist die Sammlung auf etwa 7000 Werke angewachsen.

"Wenn man so einen riesigen Kunstschatz besitzt, dann hat man damit ja auch gleichzeitig eine Verantwortung übernommen. Kunstwerke kann man nicht besitzen wie ein Auto oder einen Fernsehapparat, sondern Kunst ist etwas, was der Allgemeinheit gehört, meine ich einmal. Vor allem in den Qualitäten und in den Dimensionen, wie wir sie hier gesammelt haben. Und Kunst muss ausgestellt werden. Und wir als Protestanten, möchte ich einmal sagen, auch als gläubige Christen, sehen auch hier eine Aufgabe, die wir von Gott, wenn Sie so wollen, bekommen haben, um mit dem, was man bekommen hat, etwas zu tun."

Karlheinz Essl will etwas an die Gesellschaft weitergeben, und das nicht nur durch Kunst. So hat jeder seiner 150 Baumärkte eine Patenschaft mit einem Behindertenheim; Behinderte arbeiten in jedem Markt und auch im Museum, und es gibt eine Kooperation mit den Frauenhäusern der Caritas. Alleinerziehende Mütter, die dort leben, haben etwa einen Teil der noch drei Wochen laufenden Ausstellung "Festival der Tiere" kuratiert. Werke von Georg Baselitz und Daniel Richter sind da zu sehen, von Maria Lassnig und Deborah Sigl. Und auch Paul McCarthys Mechanical Pig bewegt seine dicken Plastikfüße. Alles ist kindgerecht aufbereitet, vor den Kunstwerken baumeln von einem niedrigen Zaun kleine Hefte mit erklärenden Geschichten zum Dargestellten. Am Ende der Schau können die kleinen Besucher auf langen Packpapierbahnen ihre eigenen Tierbilder malen.

So etwas dürfen aber nicht nur die Jüngsten im Essl Museum. Team-Painting heißt dasselbe dann für Top-Manager. Wie viele Menschen das Essl-Museum besuchen, will sein Namensgeber nicht verraten, weil er die Qualität eines Hauses nicht über die Besucherzahlen definieren möchte. Doch sie steigen kontinuierlich. Ständig werden drei Ausstellungen gleichzeitig gezeigt. Neben dem "Festival der Tiere" sind es derzeit Skulpturen und Malereien von Tobias Rehberger unter dem Titel "Junge Mütter und andere heikle Fragen", sowie eine Schau zum 70. Geburtstag des Österreichers Wolfgang Herzig.

"Wir zeigen hier keine Blockbuster-Ausstellung mit der klassischen Moderne von Picasso, Monet oder weiß ich was, sondern eben Kunst, die heute entsteht."

… und die in einer fast ländlichen Umgebung präsentiert wird: Vögel zwitschern, ein Bach plätschert, ein Pferd wird zum nahen Reitstall geführt, ein Zug rauscht vorbei. Wenige hundert Meter vom Museum entfernt liegt die Unternehmenszentrale. Für die Wände der zentralen Halle über mehrere Stockwerke wählt Agnes Essl die Bilder aus. Ein Jahr lang hängen sie dann da. Derzeit sind es junge Positionen der figurativen Malerei - für jedermann frei zugänglich. Hinter den Bürotüren hängen weitere Werke aus der Sammlung Essl, denn jeder Mitarbeiter darf sich ein Bild für seinen Arbeitsplatz aussuchen. Ein weiteres Symbol sozialen und kulturellen Engagements, wie es Agnes und Karlheinz Essl verstehen.

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