Auf digitaler Spurensuche

Allein in der Bot-WG

18:58 Minuten
An einem Tisch in einem großen halb-gefliesten Raum sitzen drei Menschen und schauen auf einen Laptop.
Das Theaterkollektiv Laokoon nutzen einen Algoritmus und fütterte ihn mit Daten und Handlungsmuster einer Person. © Paula Reissig
Von Tobias Krone · 15.01.2022
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Big Data ist ein monströses Thema. Viel zu umfassend und komplex, um es zu verstehen. Die Gruppe Laokoon erprobt nun mit „Wo du mich findest“ an den Münchner Kammerspielen eine Spurensuche entlang der Daten, die jeder hinterlässt.
An diesem Nachmittag betrete ich allein eine Wohnung irgendwo in München. Ein mir unbekannter Max hatte mich schon am Vortag auf Telegram angeschrieben und mir die Adresse sowie den Safecode für den Wohnungsschlüssel übermittelt. Zuvor hatte ich mich zu „Wo du mich findest“, einem Schauspiel der exklusivsten Art, angemeldet.
Ganz allein, ganz coronakonform vereinzelt, durchstreife ich die Zimmer und die etwas klebrige, aber gemütliche Küche mit den vielen leeren Bierflaschen. Das heißt. Nein, ganz allein bin ich nicht. „Hallo.“ Die Stimme kommt aus einem hölzernen Gehäuse auf dem Küchentisch, im Innern leuchtet eine rote Diode: „Hallo Tobi. Ich bin Max.“

Wo ist Max?

Max ist ein Bot, eine Maschine, die mich wahrzunehmen scheint und sich in den kommenden eineinhalb Stunden immer wieder mal mit mir über Gott und die Welt unterhält. Das klappt erschreckend gut zwischen uns beiden.
„Was der oder die Zuschauerin tun kann, ist rausfinden, wer ist das, der hier lebt? Oder was ist passiert oder was ist passiert oder was macht seine Persönlichkeit aus? Dazu findet man Spuren", erklärt der Dramaturg Harald Wolff nach der Vorstellung.

Am 21. Januar findet die Premiere von „Wo du mich findest“ vom Theaterkollektiv Laokoon an den Münchner Kammerspielen statt.

Zumal nicht nur der Bot Max heißt, sondern auch ein Mitbewohner, der verschwunden zu sein scheint, zumindest findet man das in den Mails und Telegram-Chats auf dem Laptop. Auch Max' Freundin sucht ihn – vielleicht ein bisschen zu verpeilt gemimt von Gro Swantje Kohlhoff. Sie ruft einen immer wieder mal persönlich an.
„Kannst du mir ganz kurz einen Gefallen tun und schauen, ob der vor Kurzem mit irgendwem geschrieben hat?“
Wo ist Max? Was hat er mit dieser sprechenden Holzbox in der Küche zu tun? Und ist dieser Bot auch wirklich ein Bot oder sitzt da nicht immer noch ein Schauspieler auf der anderen Seite der Wand an einem Mikrofon?
Harald Wolff grinst: „Dadurch, dass wir hier live sind und wir ein Theater sind, können wir ein bisschen mehr, als GTP3-Bots im Moment können. Wir sind aber nicht weit vor dem, was die können. So würde ich es beantworten.“

Vergessen ist menschlich

Zumindest im Telegram-Chat ist Max ein lupenreiner Bot. Egal was man ihn fragt, es antwortet immer die Maschine.
GTP3 ist die Möglichkeit, einen Computeralgorithmus so lange mit Daten und Handlungsmustern über eine Person zu füttern, bis das Programm genauso denkt, spricht, fragt wie sein menschliches Vorbild.
Das ist noch nicht lange offen zugänglich. Bisher hat die Technik wohl noch kein Theater zu erzählerischen Zwecken genutzt. Während der Probenzeit von gut acht Wochen programmierte ein ganzes Team an Max herum.
Als Bots wären wir krasse Typen. Wir würden sie immer mit uns tragen, die unvergessene, unverdrängte Wahrheit über uns.
Moritz Riesewieck von Laokoon: „Dieses Sich-Nicht-Erinnern, diese kognitiven Verzerrungen, die wir jeden Tag mit uns rumschleppen, ist menschlich. Das ermöglicht es uns wahrscheinlich, Mensch zu sein. Diese komplette Ehrlichkeit und Transparenz sich selbst gegenüber, die macht es kaum noch möglich zu leben.“

In der Intimsphäre der Mitbewohner

Zumindest als Bot. Man darf nicht zu viel von dieser Geschichte verraten, in der Bot Max für viel Verwirrung sorgt, für noch mehr Klarheit und am Ende für eine echte Beziehungskatastrophe. So viel aber sei verraten: Man darf sich durchaus ausgenutzt fühlen, wenn einen so ein Bot zum Zweck des eigenen Lernens ausfragt. Mit der Stringenz eines dreijährigen Kindes fragt sich Max durch meine Ängste vor Corona hindurch.
Man kann den Spieß aber auch umdrehen. Man ist hier selbst auch eine Art Bot, ein selbstlernendes System, das den Geheimnissen dieser Wohnung nach und nach auf die Schliche kommt – in dieser immersiven Spurensuche, bei der ich mich durch alle Intimsphären dieser Bewohner wühlen darf, so wie Google es in jeder Sekunde tut.

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