Auf der Suche nach Ruhe

Nach einem Zusammenbruch stellen sich viele Fragen des Lebens neu. © AP-Archiv
16.03.2010
Miriam Meckel war erfolgreiche Karrierefrau, bis sie im Sommer 2008 entkräftet zusammenbrach und fünf Wochen in einer Spezialklinik verbrachte. In "Brief an mein Leben" dokumentiert sie ihre Gefühle nach dem Zusammenbruch und ihren langsamen Prozess der Selbstfindung.
Der Mensch ist das Tier, das Unterscheidungen trifft. So entstehen Informationen. Nur werden manchmal so viele Informationen produziert, dass alle Unterscheidungen wieder im Nichts zerfasern. Mit dieser Nebelwand beginnt Miriam Meckels neues Buch "Brief an mein Leben", das auf sehr persönliche Weise von ihrem Burnout erzählt.

Der Zusammenbruch kommt schleichend: Erschöpfungszustände, ein Hörsturz, eine Mageninfektion, begleitet von immer krasser werdenden Konzentrationsstörungen. Irgendwann geht es nicht mehr weiter, und die Autorin zieht sich für einige Wochen in eine Spezialklinik zurück. Dort blickt sie nun auf eine weiße Landschaft, aus der sich nach und nach erste Details zu schälen beginnen. Zugleich schaut sie in sich hinein: Warum sitzt sie hier? Wie konnte das passieren?

Das Setting dieser wahren Geschichte ist ein sogenanntes Intensivwochenende: zwei Tage allein auf dem Zimmer, kein Radio, kein Fernsehen, kein Telefon, nur Stille. Nur die eigenen Gedanken, die Miriam Meckel in präzise und poetische Sprache kleidet. Themenfelder tauchen auf und vermischen sich miteinander: der frühe Erfolg, ein Leben als Reisende, die Sehnsucht nach Verwurzelung und die Liebe zur Freundin, die nicht namentlich genannt wird. Die verdrängte Trauer, die vielen Todesfälle in ihrer Vergangenheit, darunter auch das Sterben ihrer Mutter. Der Klinikalltag und seine seltsamen Rituale, von denen Meckel mit spöttischer Ehrfurcht berichtet: Meditation, Gruppentherapie, Spurensuche im Wald. Ab und zu geistern andere Patienten durch die Erinnerung.

Burnout kann jeden treffen, Angestellte, Chefs, Sozialarbeiter. Aber eigentlich ist man hier gemeinsam alleine. Über allem liegt ein Hauch von "Zauberberg". Nur das Essen ist schlechter.

Das Buch changiert zwischen Erzählung, Analyse und Reflexion. Es ist durchsetzt mit Zitaten und Verweisen auf andere Bücher. In dem Kapitel "Texturen" beschreibt die Autorin ihr Leben denn auch als unablässige Auseinandersetzung mit Texten. Identität ist hier immer auch Intertextualität. Und so wird der Leser zum Zeugen eines Denkens, das sich selbst zu denken versucht, einer Beobachtung der Beobachtung.

Zugleich ist das ein Tanz um den blinden Fleck: um die Gefühle und Bedürfnisse der Schreiberin. Die sind allerdings so banal, wie die Gedanken schillern; sie drehen sich um den Wunsch nach Zweisamkeit, privater Zeit und ganzheitlicher Lebenserfahrung. Das letzte der 17 Kapitel ist, wie der Buchtitel, ein "Brief an mein Leben": ein Versprechen, sich selbst fortan zuzuhören, ernst zu nehmen und die eigene Existenz bewusst zu bewohnen.

Miriam Meckels Buch ist eine berührende Reise in das Gehirn eines denkenden Menschen, der vor sich selbst kapitulieren musste und sich dadurch am Ende wiedergewonnen hat. Darin liegt auch die Paradoxie dieses Textes: Er versucht mit vielen Worten, ein Stillwerden zu beschreiben. Das macht den Leser zum unfreiwilligen Voyeur einer intellektuellen Selbstvergewisserung. Doch zugleich ist das Buch ein mutiges Plädoyer für das Kostbarste: das in die eigene Hand genommene Leben.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Miriam Meckel: Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout
Rowohlt Verlag, Reinbek 2010
224 Seiten, Hardcover, 18,95 Euro