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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 28.05.2013

Auf der Suche nach Normalität

Bagdad ist arabische Kulturhauptstadt 2013

Von Björn Blaschke

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Straßenszene in Bagdad (AP)
Straßenszene in Bagdad (AP)

Immer noch droht der Irak an seinen ethnischen und religiösen Konflikten zu zerbrechen. Fast täglich verüben Terroristen Attentate. Trotzdem ist die irakische Hauptstadt Bagdad seit März für ein Jahr "Kulturhauptstadt der arabischen Welt".

Der Griff in die irakische Geschichte ging tief: Die Schauspieler waren in Kostüme gewandet, die der Kleidung der Babylonier, Sumerer und Assyrer nachempfunden waren. Sie tanzten - bunt ausgeleuchtet - vor einer Leinwand, über die Bilder flackerten; Aufnahmen berühmter Altertümer und archäologischer Funde aus dem Land zwischen Euphrat und Tigris. Dazu eindringliche Stimmen, die die Größe des Zweistromlandes beschworen.

Eine Light-Show im März – zu Beginn der zwölf Monate, in denen Bagdad einen Zusatznamen trägt: "Kulturhauptstadt der arabischen Welt".

Das Hauptprojekt von "Bagdad – arabische Kulturhauptstadt" gilt dem Ferdouz, jenem Platz im Zentrum von Bagdad, auf den 2003, vor zehn Jahren, ungezählte Kameras gerichtet waren. Viele TV- und Fotojournalisten, die seinerzeit über den von den USA geführten Krieg gegen das Regime von Saddam Hussein berichteten, waren im Palestine- oder im Ischtar-Hotel untergebracht – gleich neben dem Ferdouz-Platz. So entstanden am 9. April 2003 berühmte Bilder, die noch heute um die Welt gehen, wenn vom Ende des alten Regimes die Rede ist…

Einige Dutzend Iraker reißen eine bronzene Saddam Hussein-Statue von ihrem Sockel – mit Hilfe von US-Soldaten.

"Saddam Husseins regime is clearly doomed."

Darum gilt der 9. April 2003 als der Tag, an dem das alte Regime gestürzt wurde; der Ferdouz-Platz als das Wahrzeichen für den Anbruch einer neuen Ära.

Heute wirkt der Ferdouz, was zu Deutsch "Paradies" heißt, weniger wie ein denkwürdiger Platz. Er gleicht vielmehr einer großen, ovalen Verkehrsinsel. In der Mitte einer halb-vertrockneten Grasfläche ist nach wie vor der Sockel eingelassen, auf dem einst die bronzene Saddam-Hussein-Statue stand. Nur mehr ein Fuß ist von dem Standbild des Diktators übrig. Eine kleine Einöde, auf die sich keine Iraker verirren. Und auch um den Ferdouz herum passiert nicht viel. Autos stauen sich. An einer Seite des Runds steht eine bekannte Moschee; an die andere Seite grenzen Sprengmauern; sie sollen das Palestine- und das Ischtar-Hotel vor Attentaten schützen.

Grausamkeiten und Krieg sind kein Thema

Im Foyer des Ischtar-Hotels sitzt Abbas Ghareeb. Er wurde auserkoren, dem Ferdouz zu neuem Glanz zu verhelfen: Mit einer Skulptur. Einer Skulptur, die den Namen "Denkmal des Irak" tragen – und acht Millionen Dollar kosten soll. Schnell wischt Abbas Ghareeb, der eine Sonnenbrille auf seine hohe Stirn geschoben hat, über den Bildschirm seines Tablet-Computers; zeigt die Bilder eines Models aus mehreren Perspektiven und führt dazu eine gute Stunde lang seine Pläne und Ideen aus:

"Kurz gesagt wird die Skulptur, die auf einer runden Insel in einem Teich stehen soll, dreiteilig sein: Symbolisieren soll die Konstruktion eine Blüte. Die achtzehn Provinzen des Irak wachsen aus der Geschichte eines alten Kulturlandes heraus; erstrahlen - im wahrsten Sinne des Wortes: An den Spitzen der achtzehn Stahlbögen – in gut zwanzig Metern Höhe - sollen Laser-Strahler installiert werden."

Dabei ist nichts in die Bronze-Banderole graviert, was schlecht war in der Geschichte des Landes: Nebukadnezzar fehlt ebenso wie Diktator Saddam Hussein – Grausamkeiten und Krieg sind bei Abbas kein Thema. Die gewalttätige Geschichte des Landes sei von anderen verarbeitet worden; er wollte die friedliche Seite zeigen. Das Gute.

"Mein Studium ist normal gelaufen… aber später, nach dem Studium, hatte ich keine Chance als Künstler; Chancen hatten nur die, die überall Saddam Hussein einbauten. Und das habe ich nicht gemacht. Sonst wäre ich reich geworden und berühmt."

Später begann Abbas zwischen Skandinavien und dem Irak zu pendeln. Den Krieg 2003 erlebte er in Bagdad; als die bronzene Saddam-Hussein-Statue auf dem Ferdouz von ihrem Sockel gerissen wurde, sagt Abbas - sah er zu; am Fernseher.

"Die Iraker hätten ihn gerne selbst gestürzt – anstelle der Amerikaner. Aber das Regime war stark, so dass die Iraker das nicht geschafft hätten."

Heute ist er stolz darauf, den Ferdouz neu gestalten zu dürfen:

"Ja, es ist das Herzstück von Bagdad – Kulturhauptstadt der arabischen Welt. Und der Ferdouz ist eine Herausforderung: Der Platz war das Wahrzeichen des alten Regimes. Und ich würde ihn gerne zum Wahrzeichen des neuen Irak umformen."

Bisher sind die Pläne kaum bekannt. Und die wenigen Iraker, die sie kennen, sind überwiegend entsetzt. Manche sehen in der Skulptur tatsächlich eine Blüte, halten die Konzeption aber für kitschig oder altbacken. Andere gehen weiter: Sie spotten, Abbas Ghareeb werde für acht Millionen Dollar einen gigantischen Schirmständer schaffen… Oder einen Übertopf; den Übertopf der irakischen Geschichte.

"Ich bin überzeugt davon – ich weiß -, dass wir gute Künstler haben – in Bagdad und in den anderen Provinzen."

Sebti ist nicht nur Künstler. Er betreibt auch eine bekannte Galerie; mit einem Garten, in dem moderne Skulpturen stehen. Eine kleine Oase, in die Sebti oft freitags zu Grillfisch, Wein und Bier einlädt. Hier hatte er ursprünglich – so Sebti – eine Ausstellung im Rahmen von "Bagdad – Kulturhauptstadt" organisieren sollen - im Auftrag des Kulturministeriums. Dann aber habe die Behörde einen Rückzieher gemacht. Wahrscheinlich weil er ihnen – mutmaßt Sebti – zu progressiv sei; nach neuen Künstlern suche.

Die zuständigen Beamten in Bagdad seien hingegen konservativ; sie bevorzugten die Art von Kunst, die vor dreißig Jahren im Irak "in" war: Irakisch-nationalistisch, politisch nicht aneckend, pompös und überdimensioniert, so wie es schon die Auftaktveranstaltung zu Bagdad-Kulturhauptstadt hatte ahnen lassen.

"Die Beamten haben sich ja nicht geändert"

Ladenbesitzer begutachten ihre bei einem Autobombenanschlag zerstörten Geschäfte in Kut im Irak. (AP/ Hadi Mizban)Alltag im Irak: Autobombenanschlag (AP/ Hadi Mizban)In dieses Horn stößt auch Furat al Jamil, eine deutsch-irakische Filmemacherin – mit Wohnsitzen in Bagdad und Berlin. Sie kennt den Entwurf, den Abbas Ghareeb für die Neugestaltung des Ferdouz-Platzes gemacht hat, nicht im Einzelnen. Ist aber wenig erstaunt, dass Abbas den Zuschlag bekommen hat. In einem Café sitzend sagt sie:

"Das ist die Schuld der Kommission – und die Kommission, die dieses Design annimmt und genehmigt, die ist ja von hier. "

Furat al Jamil wird im Rahmen von "Bagdad – Kulturhauptstadt" bisher nicht von den offiziellen irakischen Stellen unterstützt; ihr Antrag auf Förderung eines Animationsfilms, den unter anderem das Dubai-Filmfestival kofinanziert, befindet sich noch "in der Prüfung". Dabei ist die Mit-Vierzigerin eine renommierte Künstlerin, die mit ihren eher experimentellen Filmen international erfolgreich ist.

Worauf die Zurückhaltung basiert, weiß Furat al Jamil nicht. Es kann sein, dass sie einfach aus dem Rahmen fällt, in dem die Beamten des Kulturministeriums denken; Beamte, deren künstlerisches Verständnis in den 80er Jahren, in denen der Staat die Kultur stark gefördert hatte, geprägt wurde und stecken blieb; bevor also Saddam Husseins Soldaten Kuwait überfielen, was zwei Kriege nach sich zog und UN-Sanktionen… Isolation:

" "Das ist das Problem der Ausbildung der Beamten. Die Beamten haben sich ja nicht geändert. Die sitzen seit dreißig Jahren im gleichen Stuhl und die denken natürlich in den gleichen Kategorien. Wie sollen die sich auch ändern. Es gibt dann manchmal so Aktionen, wo sie ins Ausland geschickt wurden, um eine Ausbildung im Management oder wie auch immer zu bekommen. Aber das dauert dann vielleicht fünf Tage. Wie soll man in fünf Tagen 25 Jahre Bürokratismus aus dem Kopf kriegen? Und dann gehen sie dahin und sind meistens fünf Tage am shoppen, statt dem Unterricht zu folgen."

Und so sagen einige Künstler im Irak, das Kulturministerium hätte ein paar Berater aus dem Ausland einladen sollen, um Bagdad tatsächlich zu einer modernen Kulturhauptstadt zu machen.

"Aber das wollte ja keiner. Und der Minister konnte nicht gegen alle ankommen. Der hatte das vorgeschlagen – und das wurde abgelehnt. Und dann hat er gesagt: ‚Na, dann macht mal jetzt! Und wir werden sehen, was ihr daraus macht.‘ Und dann haben sie das gemacht. Und dann hat er gesagt: ‚Jetzt: Stopp!‘"

Künstler sollen Beamte bestochen haben, um gefördert zu werden.

"Es ist immer irgendwo Beteiligungen dabei. Irgendwo ist immer irgendeine Beteiligung dabei. Wie diese Beteiligungen ablaufen…das läuft zwischen denen ab."

Auch andere Künstler, wie der Maler, Bildhauer und Galerist Qasim Sebti, erheben diesen Vorwurf.

Der Nichtregierungsorganisation Transparency International gilt der Irak als eines der korruptesten Länder weltweit. Politiker, Beamte, Unternehmer – sie alle stehen im Irak unter Generalverdacht jedes Jahr Millionen in die eigene Tasche zu wirtschaften. Warum sollte das nicht auch im Kultur-Bereich gelten? – Und so ist denn bisweilen zu hören, dass auch Bestechungsgelder geflossen sein sollen, als Abbas Ghareeb den Zuschlag für die Neugestaltung des Ferdouz-Platzes bekam.

Acht Millionen Dollar sind schließlich selbst im Irak, wo so viel Öl gefördert wird, dass sich die Politiker um ihren Haushalt kaum Sorgen machen müssen, kein Trinkgeld.

Internationaler Austausch gegen Altbackenes

"Bagdad - Kulturhauptstadt der arabischen Welt"… Kritiker dieses Projektes sagen, dass dabei viel Altbackenes gefördert wird. Teilweise von korrupten Kultur-Apparatschiks. Hella Mewis ist die einzige deutsche Kulturmanagerin in Bagdad und organisiert in diesem Jahr einen Theater-Austausch – mit einem irakischen, einem französischen, einem ägyptischen und einem deutschen Regisseur. Hella Mewis ist eine der wenigen internationalen Beteiligten an Bagdad – Kulturhauptstadt. Und sie hält – bei allen Schwächen - das zwölf-monatige Projekt für gut. Denn: Es könne helfen, das Altbackene zu überwinden.

"Ich denke ja. Unbedingt. Weil die Iraker selbst lernen ja auch. Es kommen mehr Leute rein ins Land. Auch Kunst und Kultur lebt ja von Austausch. Das heißt, Du brauchst den Austausch. Aus verschiedenen Kultursphären…Kunst lebt davon. sich zu entwickeln."

Entwickeln aber könne sich die Kultur nur, wenn Kultur-Schaffende, auch internationale, wieder beginnen sich für den Irak zu interessieren. Trotz der Attentate, die immer noch im Irak verübt werden. Hella Mewis, die zum Interview selbst in ein Café gekommen ist, sagt, dass der Irak mit dem Projekt "Bagdad - Kulturhauptstadt der arabischen Welt" wieder in der Normalität ankommen will. Und:

"Man muss den Mut haben, anzufangen. Und kommen. Ja, klar gehen hier Bomben hoch. Man kann‘s nicht verleugnen. Es ist kein Spaziergang durch Paris. Natürlich nicht. Aber wenn man sich an bestimmte Regeln hält, dann kann man sich auch als Ausländerin hier bewegen. Und man kann auch Projekte entwickeln."

Zehn Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins macht der Irak erneut traurige Schlagzeilen. Tote, Entführungen, religiöser Hass. Al-Quaida Terror- Seit der grausamen Hochphase des Bürgerkrieges, der der von den USA geführten Invasion 2003 folgte, hat es im Irak selten so viele Gewaltopfer gegeben wie dieser Tage.

Die arabische Liga warnte unlängst vor einer absehbaren Katastrophe für den Irak und für die gesamte Region. Und: UN-Generalsekretär Ban Ki-moon rief wiederholt alle politischen Akteure dazu auf, den Dialog zu suchen, um die kritische Phase, die das Land durchlaufe, zu überwinden.

Ban Ki-moons Sondergesandter für den Irak ergänzt:

""In so einer Entwicklung ist es nötig, dass man sich auf bestimmte Prinzipien einigt. Das ist die Vermeidung von Gewalt, friedliche Konfliktlösung und möglichst Hetzsprache zu vermeiden. Es gibt hier ja in regelmäßigen Abständen Anschläge auf Moscheen, in der überwiegenden Anzahl schiitische Moscheen, begangen von Sunniten. Das ist natürlich verurteilenswert. Und jeder Anschlag ist einer zu viel"."

Seit gut anderthalb Jahren ist der deutsche Diplomat und Exbotschafter Martin Kobler, Sondergesandter des UN-Generalsekretärs in Bagdad und als solcher Chef der UNAMI, einer Organisation der Vereinten Nationen, die eigens für den Irak ins Leben gerufen wurde. Wie die meisten irakischen Ministerien oder die US-Botschaft hat auch Kobler seinen Sitz in der grünen Zone, einem weit auslandenden Hochsicherheitsareal im Zentrum von Bagdad, das von meterhohen Sprengschutzmauern umgeben und nur mit besonderen Passierscheinen zu betreten ist.

Wenn er nicht gerade durch die Region oder den Irak reist, um Gespräche zu führen, trifft Martin Kobler, ein 59-jähriger, drahtiger Mann allmorgendlich sein Kernteam, um die anstehenden Themen zu erörtern und die Aktivitäten seiner mehr als 1000 irakischen oder internationalen Mitarbeiter. Sie sind damit beschäftigt, die irakischen Institutionen zu unterstützen – in vielfältiger Weise.

Die UNAMI-Leute stehen mit Rat und Tat den irakischen Behörden bei der Vorbereitung von Wahlen zur Seite oder in humanitären Fragen. Und die UNAMI-Leute sind Ratgeber der Regierung in Fragen der nationalen Aussöhnung oder des Dialogs. Und gerade daran mangelt es derzeit, insbesondere zwischen den großen Bevölkerungsgruppen Kurden und Turkmenen, sunnitischen und schiitischen Arabern. Vielmehr steigen seit Monaten die Spannungen zwischen den arabischen Sunniten, zu denen auch Saddam Hussein gehörte, und den arabischen Schiiten, die den Regierungschef Nuri al-Maliki stellen.



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