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Tonart | Beitrag vom 07.01.2021

Auf der Suche nach dem WirWie inkludierend sind Deutschpop und Schlager?

Marina Schwarz im Gespräch mit Vivian Perkovic

Sänger Andreas Bourani auf der Bühne, umringt von Fans,  beim Empfang der deutschen Fussball Nationalmannschaft am Brandenburger Tor in Berlin.  (picture alliance / Robert Schlesinger)
Andreas Bouranis WM-Song "Auf uns" von 2014 war ein Hit - und er benannte ein Wir, ohne jemanden auszugrenzen. (picture alliance / Robert Schlesinger)

Das Lied "Auf uns" von Andreas Bourani erzeugte ein starkes Wir-Gefühl. Dennoch schloss der Song niemanden aus. Das sogenannte "Othering" sei in Schlager und Deutschpop ohnehin wenig verbreitet, sagt die Musikwissenschaftlerin Marina Schwarz.

Vivian Perkovic: In der Entwicklung von Menschen ist es ein wichtiger Schritt, dass Babys erkennen, dass sie nicht eins mit der Welt sind, sondern dass es ein Ich und Du gibt. Und ein Wir und die Anderen. Zum Erwachsensein gehört der politische Umgang mit Wir und die Anderen. Dazu gehört auch, gleichberechtigt und rechtmäßig miteinander umzugehen. Der Begriff "Othering" bezeichnet das Gegenteil: Wenn Gruppen als anders definiert werden, um sie damit abzuwerten.

In einem Musikmagazin haben wir es mit Identität, Wir,  Ich und den Anderen zu tun. Lieder sind ja identitätsstiftend, brauchen das Ich oder das Wir dringend. Wie sieht es da mit dem Othering aus? Songs haben in der Regel ein Du, das angesprochen wird. Manche Songs haben auch ein Wir. Gucken wir mal auf den Deutschpop und Schlager - zwei Sparten, die schon allein der Sprache wegen auf ein deutschsprachiges Publikum abzielen. Ist dieses Othering dem Pop, dem Schlager gemein?

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Marina Schwarz: Grundsätzlich erst einmal nicht. Wenn man wirklich diesen Begriff "Othering" verwendet, der ist ja schon negativ geprägt. Da geht es ja darum, dass man Gruppen bildet, um sich von anderen abzugrenzen und dadurch auch schnell Feindbilder entwickeln kann. Aber ein Wir kann auch sehr inkludierend sein. Zum Beispiel, wenn wir von einem Song sprechen, bei dem man mit Wir angesprochen wird, und es wird keine andere Gruppe benannt, dann sind erst mal alle damit gemeint, die sagen: "Ja, zu diesem Wir gehöre ich."

Zugehörigkeit ist ein menschliches Bedürfnis

Perkovic: Wie wird denn dieses Wir und das Ich im Schlager-Pop verwendet?

Schwarz: Das Wir ist eine Sache, die man häufig im Deutschpop findet, aber auch teilweise in Schlagersongs, wo dann über tolle Erlebnisse gesprochen wird oder über Erlebnisse, die eher in die hedonistische Richtung gehen. Das Ich ist im Schlager fast noch die wichtigere Person, weil es im aktuellen deutschen Schlager sehr viel um die Beziehungsebene geht. Das Ich wird dann oft sehr klar benannt und abgegrenzt gegen die andere Frau.

Perkovic: Jetzt sind wir schon bei den Funktionen von Ich und Du, Wir und den Anderen. Was haben Sie herausgefunden, welche Funktion hat dieses Wir? Welches Bedürfnis wird da gestillt?

Schwarz: Also erst mal ist es ja ganz normal für Menschen - nicht nur in der Musik, sondern auch im normalen Leben - zu einer Gruppe zu gehören, sich mit anderen zu identifizieren und auch Gemeinsamkeiten zu finden. Das macht sie ja erst mal sympathisch. Und so etwas greift die Musik natürlich auf. Deswegen ist es ein ganz normales menschliches Bedürfnis, sich irgendwo zugehörig zu fühlen. Und das machen Schlager und Deutschpop eigentlich ganz gut.

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Perkovic: Ist es nicht vielleicht sogar so, dass dieses menschliche Bedürfnis darauf hinausläuft, das in Liedern auszudrücken? Das ist ja eines der wichtigsten Instrumente, wenn man mal ein bisschen weiterguckt, vom Schlager zum Fußball-Fanlied. Das kann man von dieser Kultur ja gar nicht wegdenken.

Schwarz: Dafür ist natürlich Musik die geeignetste Kunstform, weil Musik die emotionalste Kunstform ist - zumindest meiner Meinung nach. Es gibt sicher auch Leute, die sagen, dass es die bildende Kunst ist. Aber ich glaube, mehr Leute weinen bei einem Song oder einer Sinfonie, als bei einer Statue. Mehr Leute können mitmachen und sich auch zugehörig fühlen.

Gerade Fußballsongs oder WM-Songs wie zum Beispiel "Auf uns" von Andreas Bourani: Da wird ganz klar ein Wir benannt und es wird niemand ausgeschlossen. Das heißt: Jeder, der möchte, kann sich zu dem Wir zählen, und das schafft natürlich auf der musikalischen Ebene und durch dieses kollektive sportliche Ereignis ein ganz großes Identifikationspotential.

Ein gemeinsames Identifikationspotenzial

Perkovic: Wie genau wird dieses Identifikationspotenzial im Song denn hergestellt? Reicht es da, einfach von Ich und Wir zu sprechen?

Schwarz: Das ist erstmal der Anfang. Natürlich ist es auch wichtig, eine Atmosphäre herzustellen mit musikalischen Stilmitteln, und natürlich auch die Latte nicht zu hoch zu legen.

Bei "Auf uns" ist das Identifikationspotenzial sehr leicht zu erreichen, weil es um Freude geht, weil es ums Feiern geht. Das ist etwas, womit jeder etwas anfangen kann. Das heißt, wenn man Berührungspunkte hat, wo jeder sagt, damit kann ich mich identifizieren oder das würde ich selbst gerne erleben, dann funktioniert das schon sehr gut.

Perkovic: Wenn man das dann weiterdenkt, im Schlagerpop, wo das Ich im Vordergrund steht, muss dieser Herzschmerz so allgemein gehalten werden, dass andere da noch mitkommen? Und je individueller das eigene Problem oder die Situation auserzählt wird, desto ausgrenzender ist es dann?

Schwarz: Im Schlager wird selten die komplizierte Dreiecksbeziehung mit polyamoren Zügen besungen, sondern, um es mal mit Helene Fischer zu sagen: "Der Tisch ist gedeckt, der Wein ist schon kalt, aber Du bist noch nicht da." Das ist dann eine sehr einfache Szene, die man sich leicht vorstellen kann.

Einfache Wahrheiten begünstigen Othering

Perkovic: Wo verläuft denn die Grenze zwischen dem Wir-Gefühl, das im positiven Sinn identitätsstiftend ist und dem, wo es dann in Richtung Ausgrenzung, Abwertung und allen schlimmen "-ismen" geht?

Schwarz: Die Grenze kann man in den Texten schon ganz gut ziehen. Wenn ein Wir inkludierend ist, das heißt, es wird keine andere Gruppe benannt, dann sind erst mal alle gemeint.

Aber wenn da so starke Absetzungen folgen, wie "wir gegen die anderen", "wir gegen das Establishment", einfache Wahrheiten, was ja oft rechtspopulistische Bands und Gruppen singen, dann ist da schon von einem "Othering" zu sprechen und von einem negativen Wir.

Perkovic: Der Begriff "Othering" hat unter Kulturschaffenden eine weite Verbreitung gefunden. Gibt es dafür auch im Pop-Schlager ein Bewusstsein?

Schwarz: Der normale Deutschpop von Vertretern wie Mark Forster, Andreas Bourani oder auch Vertreterinnen wie Kerstin Ott ist erstmal nicht politisch. Und auch der aktuelle Pop-Schlager mit Vertreterinnen wie Helene Fischer, Vanessa May ist nicht politisch zu sehen. Aber in dem ganzen Spektrum deutscher Musik gibt es durchaus Gruppen, die eine politische Tradition haben und in Richtung Populismus tendieren und dadurch versuchen, Identifitkation zu schaffen oder Hörer zu finden.

Alternative Lebensmodelle im Pop-Schlager

Perkovic: Und in die andere Richtung, also Leute, die besonders Othering-sensibel agieren, weil dieses Phänomen solche Aufmerksamkeit gefunden hat?

Schwarz: Es gibt da ganz positive Beispiele. Mir fällt da zum Beispiel der Song "Regenbogenfarben" von Kerstin Ott und Helene Fischer ein, wo es auch um alternative Lebensmodelle geht. Da geht es darum, dass auch Mann und Mann oder Frau und Frau eine Familie gründen können.

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