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Interview | Beitrag vom 06.01.2021

Auf der Suche nach dem Wir"Eine Welt ohne Vorurteile würde uns hilflos machen"

Ulrich Wagner im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Mann sitzt mit einem Bier und großer Tasche auf der Bank, ein anderer im Anzug schaut ihn spektisch an. (Getty Images / The Image Bank / Judith Wagner)
Vorurteile sind schnell gefällt, ohne andere Menschen wirklich zu kennen. (Getty Images / The Image Bank / Judith Wagner)

Gruppen konstituieren sich in Abgrenzung zu anderen. Diese basiert oft auf Vorurteilen. Die lassen sich zwar reduzieren, etwa durch Kontakt, meint der Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Aber ganz könnten wir ihnen wohl nicht entkommen.

Vorurteile sind ungerecht, manchmal bösartig - und sie können Auslöser für Ausgrenzung, Diskriminierung und sogar Gewalt sein. Und doch wäre eine Welt ohne Vorurteile nicht unbedingt die bessere. 

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem

"Es wäre eine Welt, die uns relativ hilflos machen würde", sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner. 

"Ein Teil des Vorurteils besteht ja darin, dass wir Menschen bestimmten Gruppen zuordnen, zusammenfassen und dann Erwartungen an diese Menschen herantragen. Und manchmal ist das sehr hilfreich."

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Denn mittels solcher Erwartungen regelten wir unseren Alltag und unsere Kommunikation. Hinzu kommt, dass unser Selbstkonzept auf Gruppenzugehörigkeit basiert: "Wir rechnen uns selber Gruppen zu, und diese Gruppen wiederum sind definiert durch die Abgrenzung von anderen."

Andere abwerten, um sich selbst aufzuwerten

Problematisch daran ist Wagner zufolge, dass die damit verbundenen Zuschreibungen oft der Abwertung der anderen Gruppe und der Aufwertung der eigenen Gruppe dienen. 

"Auf der einen Seite brauchen wir die Einteilung der Welt in unterschiedliche Gruppen, um uns darin orientieren zu können. Und die andere Frage ist, wie gelingt es uns, die damit einhergehende Abwertung der Fremden und die Aufwertung des Wirs zu vermeiden?"

Da könne Kontakt helfen. Denn Vorurteile zum Beispiel gegenüber Ausländern oder Juden seien vor allem dort virulent, wo es wenig Vertreter dieser Gruppen gebe.

Mehr Vorurteile bei Rechten als bei Liberalen

Tendenziell verbreiteter seien Vorurteile im politisch rechten Spektrum, vor allem bei der extremen Rechten, sagt Wagner und warnt gleichzeitig:  

"Zu glauben, man könne die Menschen einteilen in solche mit Vorurteilen und solche ohne Vorurteile, ist auch ein Teil eines Vorurteils. Wir alle stehen in der Gefahr, Vorurteilen aufzusitzen und damit wiederum diesen Prozessen dieser Selbstaufwertung, der Schaffung des Wirs."

(uko)

Hören Sie hier einen Beitrag über das Projekt "Hallo" für Alt und Jung in München:


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