Auf der Suche nach dem Vergessen
Arjeta aus Sarajevo ist auf der Suche nach ihrer inneren Mitte. In Berlin lebend erinnert sie sich an das Zerbrechen ihrer Familie, an den Tod der Brüder bei einem Bombenangriff, an eine gescheiterte Liebe. Am Ende macht sie ihren Frieden.
Vor zwei Jahren erschien "Das Gedächtnis der Libellen", der erste Teil einer Romantrilogie. Nun liegt der zweite vor: "Kirschholz und alte Gefühle". Während im "Gedächtnis der Libellen" die aus Dalmatien stammende Physikerin Nadeshda als Ich-Erzählerin im Mittelpunkt steht, ist es nun ihre Freundin Arjeta aus Sarajevo. Die beiden hatten sich als junge Frauen in Paris kennengelernt. Nadeshda zog nach Berlin, Arjeta ist ihr gefolgt. Sie arbeitet als Kostümbildnerin und richtet sich zum wiederholten Mal in einer neuen Wohnung ein.
Die Protagonistin und fast alle ihre Freunde leben in einem geografischen und metaphysischen Transitraum. Sie verbindet die südosteuropäische Herkunft, die Zerstörung ihrer Heimat durch Krieg und die Herausforderung, sich in der Fremde immer wieder neu entwerfen zu müssen. Es sind keine glatten Existenzen, sondern Suchende und Fragende.
Die äußere Handlung des Romans beschreibt einen Zeitraum von sieben Tagen, in denen Arjeta ihre Möbel in den frisch bezogenen Räumen arrangiert, Kartons auspackt, die am Himmel vorüber ziehenden Schwalben zählt und - angeregt von Plastiktüten voller Fotos - ihrer Kindheit im ehemaligen Jugoslawien nachsinnt. Damals fiel ihr das Leben leicht, sie war geborgen - in der Landschaft Istriens, im Kreis der Familie.
Von diesem Glück ist die Erinnerung geblieben und der Kirschholztisch der Großmutter. Marica Bodrozic lässt ihre Protagonistin nun eintauchen in einen Bewusstseinsstrom, der sie in die Vergangenheit trägt. Arjeta wird noch einmal mit der traumatischen Erfahrung eines Zivilisationsbruchs konfrontiert, mit dem Zerbrechen ihrer Familie, dem Tod der beiden kleinen Brüder bei einem Bombenangriff auf ihre Heimatstadt. Auch mit dem Scheitern einer kräfteraubenden Liebe zu dem Fotografen Arik in Paris und ihrer selbst verschuldeten Kinderlosigkeit.
Sie taucht in ihre Erinnerungen ab - um das Vergessen zu lernen. Nach sieben Tagen erscheint ihr die Leere, die sie umgibt, nicht mehr bedrohlich, sondern wie ein Versprechen: als Freiraum, sich neu zusammenzusetzen. Die Autorin spielt mit der Einteilung ihres Romans in sieben Kapitel auf die biblische Schöpfungsgeschichte an. Ihrer Hauptfigur gelingt die Erschaffung einer neuen Welt(sicht). Arjeta hält schließlich dem Verlust von Sprache, Zivilisation, Heimat und metaphysischer Bodenlosigkeit stand. Sie ist in der Lage, das Leben ohne Verzweiflung anzunehmen.
Marica Bodrozic erzählt vom Wagnis einer Reise ins eigene Innere. Davon, dass jeder Mensch Zeit braucht, um zum eigenen Kern vorzustoßen, seine Verletzlichkeit nicht zu verleugnen und seine eigene Sprache zu finden. Sie erzählt von der Bedeutung der Freundschaft, von Reibungen, von Menschen, die fähig sind, mit allen Schwierigkeiten, die die Existenz mit sich bringt, einander zu begegnen und ins Neue aufzubrechen.
Die Spannung aus Sprache und Stille, die Reibung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Atem des Lebens, durchzieht den Roman von Marica Bodrozic. Ein ganz eigener Ton entsteht durch die Berührung von Konkretem mit Metaphysischem. Schwebend, magisch und dennoch von leuchtender Präsenz sind ihre Sätze. Sie zielen auf Wesentliches. Die Autorin will mit ihren Figuren der Wahrheit menschlicher Existenz auf die Spur kommen.
Besprochen von Carsten Hueck
Marica Bodrozic, "Kirschholz und alte Gefühle"
Luchterhand Verlag, München 2012
219 Seiten, 19,99 Euro
Die Protagonistin und fast alle ihre Freunde leben in einem geografischen und metaphysischen Transitraum. Sie verbindet die südosteuropäische Herkunft, die Zerstörung ihrer Heimat durch Krieg und die Herausforderung, sich in der Fremde immer wieder neu entwerfen zu müssen. Es sind keine glatten Existenzen, sondern Suchende und Fragende.
Die äußere Handlung des Romans beschreibt einen Zeitraum von sieben Tagen, in denen Arjeta ihre Möbel in den frisch bezogenen Räumen arrangiert, Kartons auspackt, die am Himmel vorüber ziehenden Schwalben zählt und - angeregt von Plastiktüten voller Fotos - ihrer Kindheit im ehemaligen Jugoslawien nachsinnt. Damals fiel ihr das Leben leicht, sie war geborgen - in der Landschaft Istriens, im Kreis der Familie.
Von diesem Glück ist die Erinnerung geblieben und der Kirschholztisch der Großmutter. Marica Bodrozic lässt ihre Protagonistin nun eintauchen in einen Bewusstseinsstrom, der sie in die Vergangenheit trägt. Arjeta wird noch einmal mit der traumatischen Erfahrung eines Zivilisationsbruchs konfrontiert, mit dem Zerbrechen ihrer Familie, dem Tod der beiden kleinen Brüder bei einem Bombenangriff auf ihre Heimatstadt. Auch mit dem Scheitern einer kräfteraubenden Liebe zu dem Fotografen Arik in Paris und ihrer selbst verschuldeten Kinderlosigkeit.
Sie taucht in ihre Erinnerungen ab - um das Vergessen zu lernen. Nach sieben Tagen erscheint ihr die Leere, die sie umgibt, nicht mehr bedrohlich, sondern wie ein Versprechen: als Freiraum, sich neu zusammenzusetzen. Die Autorin spielt mit der Einteilung ihres Romans in sieben Kapitel auf die biblische Schöpfungsgeschichte an. Ihrer Hauptfigur gelingt die Erschaffung einer neuen Welt(sicht). Arjeta hält schließlich dem Verlust von Sprache, Zivilisation, Heimat und metaphysischer Bodenlosigkeit stand. Sie ist in der Lage, das Leben ohne Verzweiflung anzunehmen.
Marica Bodrozic erzählt vom Wagnis einer Reise ins eigene Innere. Davon, dass jeder Mensch Zeit braucht, um zum eigenen Kern vorzustoßen, seine Verletzlichkeit nicht zu verleugnen und seine eigene Sprache zu finden. Sie erzählt von der Bedeutung der Freundschaft, von Reibungen, von Menschen, die fähig sind, mit allen Schwierigkeiten, die die Existenz mit sich bringt, einander zu begegnen und ins Neue aufzubrechen.
Die Spannung aus Sprache und Stille, die Reibung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Atem des Lebens, durchzieht den Roman von Marica Bodrozic. Ein ganz eigener Ton entsteht durch die Berührung von Konkretem mit Metaphysischem. Schwebend, magisch und dennoch von leuchtender Präsenz sind ihre Sätze. Sie zielen auf Wesentliches. Die Autorin will mit ihren Figuren der Wahrheit menschlicher Existenz auf die Spur kommen.
Besprochen von Carsten Hueck
Marica Bodrozic, "Kirschholz und alte Gefühle"
Luchterhand Verlag, München 2012
219 Seiten, 19,99 Euro
