Auf den Spuren von "In 80 Tagen um die Welt"

Jules Verne auf einem undatierten Porträtfoto. © AP-Archiv
Jörg Dünne im Gespräch mit André Hatting · 22.10.2012
Im Oktober 1872 brach Phileas Fogg in Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt" zu einer der berühmtesten Reisen der Literaturgeschichte auf. Nun macht sich eine Gruppe von Wissenschaftlern daran, die Stationen dieser Weltreise nachzuvollziehen - in Form von Beiträgen, die die Forscher im Internet veröffentlichen, wie Jörg Dünne, der Initiator des Weltnetzprojektes, erklärt.
André Hatting: Im Oktober 1872 brach Phileas Fogg zu einer der berühmtesten Reisen der Literaturgeschichte auf. Er wollte die Erde in genau 80 Tagen umrunden. Der Grund war eine Wette: Fogg wollte beweisen, das Verkehrsnetz gegen Ende des 19. Jahrhunderts reichte dafür aus. Erfunden hat das Ganze der französische Schriftsteller Jules Verne.

140 Jahre später macht sich jetzt eine Gruppe von Wissenschaftlern daran, die Stationen dieser Weltreise nachzuvollziehen - in Form von Beiträgen, die die Forscher alle zwei Tage im Internet veröffentlichen, synchronisiert mit den Stationen des Romans. Ausgedacht hat sich das Weltnetzwerkprojekt Jörg Dünne, er ist Professor für Romanistik an der Universität Erfurt. Guten Morgen, Herr Dünne.

Jörg Dünne: Guten Morgen!

Hatting: Wo sind denn die Reisenden gerade, heute am 22. Oktober?

Dünne: Die Reisenden befinden sich gerade mitten in Indien, und zwar auf einer Bahnreise durch die Etappe von Bombay nach Kalkutta. Es taucht jetzt aber gerade an diesem Tag - und deswegen ist das wirklich ein ganz spannender Tag auch in der Reisebewegung - ein Problem auf, nämlich eine Störung. Die Bahnlinie, die eigentlich durchgehen sollte bis Kalkutta, ist, wie sich am Morgen des 22. herausstellt, unterbrochen.

Hatting: Und was müssen die Reisenden jetzt tun, wie kommen sie weiter?

Dünne: Es geht dann so weiter, dass die Reisenden nun sich nach einem anderen Verkehrsmittel umsehen, und das wird dann schließlich ein Elefant, und dieser Wechsel des Verkehrsmittels ist hier sehr interessant. Zum ersten haben wir noch Passepartout, also den Diener von Phileas Fogg, der am Anfang des Tages auf seine Uhr sieht, diese Uhr, die auf dem Meridian von Greenwich geregelt ist und wo Passepartout sozusagen immer noch die Fahrplanmäßigkeit überprüfen kann, und kurze Zeit später ist das alles Makulatur: Die müssen sich mit dem Elefanten neu fortbewegen.

Es gibt noch ein sehr interessantes Detail, dass nämlich die Namen der Stationen nicht mehr wie die anderen Namen in dem Roman tatsächlich auf einer Karte lokalisierbare Namen sind. Das heißt, mit dem Moment, wo der Roman die Netzwerke des Weltverkehrs nicht mehr nutzen kann, verschwindet auch die kartographische Verortbarkeit.

Hatting: Das ist mir vorhin aufgefallen. Ich wollte das nämlich auch nachvollziehen, habe es auf der Karte gesucht und fand es plötzlich nicht in Indien. Es ist dann so, dass sie dann weiterreisen werden nach diesem Elefanten-Intermezzo mit dem Schiff. Wie exakt und wie genau war Jules Verne bei der Anschlussfähigkeit der Fahrpläne, wenn man das so sagen darf?

Dünne: Also, es ist auf jeden Fall nachvollziehbar, dass Jules Verne tatsächlich mit existierenden Kursbüchern gearbeitet hat. Der Bradshaw ist ein weltweites Kursbuch der Eisenbahnlinien, aber auch Dampfschifffahrten. Auch viele der Dampfschiffe, mit denen die Reisenden fahren, existieren tatsächlich in der Wirklichkeit. Das heißt, Jules Verne hat da tatsächlich einiges an real existierenden Verkehrsnetzwerken zusammengefügt.

Hatting: Aber Ihnen und Ihren Kollegen geht es ja jetzt nicht so sehr darum, die Glaubwürdigkeit des Romans zu überprüfen. Was ist der Grund für Sie, sich noch einmal diese fiktive Reise ganz genau anzuschauen?

Dünne: Man könnte tatsächlich sagen - auch deswegen interessiert uns diese Passage in Indien gerade so -, dass es uns eigentlich darum geht, was in den Lücken dieser Weltnetzwerke passiert. Das ist zum einen der Elefant, das sind aber auch solche fantastischen Gefährte wie ein Segelschlitten oder Dinge, die benötigt werden, um die Netzwerke wieder zu schließen.

Und es gibt eine Aussage von Peter Sloterdijk, der meint, dass Jules Verne die Verspätung in das Erzählen anstatt des Abenteuers hier eingefügt hätte. Man könnte vielleicht genauer sagen, das Abenteuer existiert schon noch bei Jules Verne, aber es besteht darin, die Leerstellen in den Netzwerken so zu füllen, dass die Netzwerke immer noch funktionieren, aber jetzt vielleicht auf eine ganz und gar fantastische Weise funktionieren.

Hatting: Was sagen denn diese Leerstellen und die Art und Weise, wie Jules Verne das füllt, über das Weltbild, das der französische Autor damals gehabt hat?

Dünne: Es ist sicher ein Weltbild, das ganz stark von einer, sagen wir mal, Machbarkeit ausgeht, von einem technischen Machbarkeitsbewusstsein, das dieses Machbarkeitsbewusstsein auch ausspielt. Es ist aber - und das ist ein anderer Aspekt, der uns sehr interessiert - auch ein Weltbild, das sozusagen die Möglichkeiten der Weltnetzwerke natürlich immer aus sehr eurozentrischer Sicht, das muss man dazu sagen, spielerisch austestet.

Es ist kein Zufall, dass das Spiel öfter vorkommt: Wir haben die Wette ganz zu Anfang des Romans, wir haben auch immer wieder das Kartenspiel. Es gibt einen späteren Roman von Jules Verne, der heißt "Le Testament d’un excentrique", das Testament eines Exzentrikers, der so ganz auf einer Spielidee beruht. Und so ein bisschen von dieser Idee eines Spiels, eines weltumspannenden Spiels, sind wir eigentlich auch bei unserem Projekt ausgegangen.

Hatting: Jules Verne wurde in Deutschland lange als Trivialliteratur vor allem für Jugendliche unterschätzt. Dabei ist ja gerade dieser Roman, über den wir gerade sprechen, in 80 Tagen um die Welt, eigentlich eine Art Neuerfindung des Abenteuerromans in der Nachfolge Edgar Allan Poes. Warum wurde Verne in Deutschland so lange unterschätzt?

Dünne: Verne hat - das war auch der explizite Wunsch seines Verlegers und das war auch der Wahl der Publikationsorte geschuldet - tatsächlich Romane geschrieben, die sehr stark für Jugendliche gedacht waren. Aber warum Jules Verne nie ganz aus der Jugendliteratur-Ecke herausgekommen ist, das wäre tatsächlich eine interessante Frage. Vielleicht wird Verne mit Karl May und anderen klassischen Jugendliteratur-Autoren immer noch sozusagen in einer Schublade gehortet, aus der man ihn vielleicht ja nicht ganz herausnehmen, aber zumindest die man mal öffnen müsste.

Hatting: Am 21. Dezember wird Fogg dann seine Reise um die Welt beendet haben, er wird dann wieder in London eintreffen. Aber für Ihr Projekt Weltnetzwerke ist die Arbeit dann noch nicht vorbei. Wie geht es weiter?

Dünne: Es geht noch weiter, indem wir nämlich zusätzlich zur aktuellen Website, auf der ja das Projekt jetzt im Moment läuft und wo wir alle zwei Tage, wie Sie schon gesagt haben, einen Text neu veröffentlichen. Wir wollen dann danach auch noch ein Buch publizieren, das diese ganzen Texte noch mal enthält und Zusatzmaterialien.

Vor allem aber soll dieses Buch gemeinsam mit einem tatsächlich neu entwickelten Brettspiel veröffentlicht werden, das unser Konstanzer Kollege Steffen Bogen entworfen hat und das einige unserer Ideen, das Verhältnis von Reisen und der Zeit, die dabei vergeht, den spielerischen Charakter der ganzen Weltnetzwerke, noch mal auf eine neue Art und Weise versucht aufzugreifen und jetzt wirklich im Wortsinn durchzuspielen.

Hatting: Der Romanist Jörg Dünne von der Universität Erfurt - sein spannendes Jules-Verne-Projekt können Sie auch im Internet verfolgen. Weltnetzwerke.de ist die Adresse. Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Dünne.

Dünne: Ganz herzlichen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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