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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.06.2008

Auf den Spuren der menschlichen Sprache

Ruth Berger: "Warum der Mensch spricht", Eichborn Verlag 2008, 304 Seiten

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Eine Frau telefoniert mit einem Mobiltelefon. (Stock.XCHNG)
Eine Frau telefoniert mit einem Mobiltelefon. (Stock.XCHNG)

Ein wesentliches Merkmal unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen: Der Mensch spricht. Wie aber kam es dazu? Dieser Frage geht ein neues Buch der Biologin und Judaistin Ruth Berger nach. Ihre "Naturgeschichte der Sprache" trägt Erklärungsansätze aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zusammen, liefert einen kompetenten Überblick und ist dabei äußerst unterhaltsam.

Können Affen und Papageien sprechen? Warum schreiben Pantoffeltierchen keine Weihnachtskarten? Können Hodensäcke sprechen? Seit wann gibt es menschliche Sprache? Ist sie angeboren oder ein soziales Phänomen? Diese und ähnliche Fragen versucht das Buch "Warum der Mensch spricht" von Ruth Berger zu beantworten. Ruth Berger, Jahrgang 1967, wuchs, so weist ihre Biographie ausdrücklich aus, mit einem Graupapagei auf. Sie studierte Biologie, Anglistik, Turkologie und Judaistik.

Den Leser erwartet ein hochseriöses, akribisch gearbeitetes Sachbuch, das einen Überblick über den enorm verästelten Untersuchungsgegenstand "Sprache" gibt. Das beginnt bei der Paläoanthropologie, also bei jener archäologischen Wissenschaft, die anhand von fossilen Funden die phylogenetisch-biologische Evolution des Menschen aufzuschlüsseln und Fragen zu beantworten versucht: Wie groß war z.B. der Schädel des Neandertalers und damit sein Gehirn. Und wie groß war sein zur Sprachgenerierung notwendiges Zungenbein?

Andere Wissenschaftsbereiche sind unter anderem die Ontogenese, also die Entwicklung eines Säuglings, die moderne Genetik und die Gehirnforschung. Bei allen thematischen Schwerpunkten in ihrem Buch referiert Ruth Berger stets den aktuellen Forschungsstand, wie auch dessen historische Wissenschaftsgeschichte. Bei der Gehirnforschung also zum Beispiel den Wissenschaftsdualismus zwischen der Phrenologie, der Lokalisationstheorie, die besagt, dass bestimmte Vermögen in bestimmten Bereichen des Gehirns beheimatet sind, und der holistischen Theorie, nach der alle Sinneseindrücke und Vermögen auf das gesamte Gehirn verteilt sind.

Den Leser erwartet ein Wissenschaftsmarathon auf hohem Niveau, aber die Autorin bekommt den hochkomplexen Gegenstand in den Griff. Trotz der Komplexität der Thematik bleibt das Buch verständlich. Die anspruchsvolle Wissenschaftlichkeit (450 Titel in der Literaturliste) bleibt konsumierbar, ohne zum Mittel unzulässiger Vereinfachungen greifen zu müssen. Was den Leser durchhalten lässt, ist Ruth Bergers seltenes Talent - sonst meist nur in angelsächsischer Wissenschaftsliteratur verwendet - komplizierte Zusammenhänge zunächst erst einmal provokativ und sehr humorvoll zu verpacken, um den Leser neugierig zu machen: wie zum Beispiel mit der Kapitelüberschrift "Können Hodensäcke sprechen?". Womit wir beim kulturhistorischen bzw. sozialen Aspekt der Sprache wären, das heißt: Männer können sehr wohl eloquent werden, wenn sie Sex wollen.

Der Klappentext des Verlages erklärt, dass es bisher kein vergleichbares Sachbuch gegeben habe, das das Thema Sprache mit seinen unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen zusammenfassen würde. Das ist nicht zu hoch gestapelt, aber wahrscheinlich konnte nur ein Seiteneinsteiger wie Ruth Berger eine derartige Aufgabe in Angriff nehmen. Zwar hat sie auch Biologie studiert, ihre wissenschaftliche Karriere aber macht sie im Bereich Judaistik. Würde sie hauptberuflich als Biologin arbeiten, hätte sie sich mit diesem Buch auf die gnadenlosen Konkurrenzkämpfe der sich untereinander bekämpfenden Wissenschaftsdisziplinen eingelassen, was sie ausdrücklich in dem Kapitel "Intelligenzbegriff" anmerkt. Da stoße man in ein "Wespennest", denn beim Thema "Intelligenzbegriff" gehe es schließlich auch um Statusdenken, um Politik, um Wahrheit und Lüge und um Privilegien und Menschenrechte. Dieses Kapitel trägt dann auch folgerichtig die Überschrift "Betreten auf eigene Gefahr".

"Warum der Mensch spricht" gibt dem Leser einen im besten Sinne eklektischen Überblick sowohl über die Wissenschaftsgeschichte als auch über den aktuellen Forschungsstand eines Zentralthemas der menschlicher Kultur - bravourös das Durchhaltevermögen der Autorin. Ihr wissenschaftliches Grundresümee macht plausibel, dass jeder monokausale Ansatz falsch sein muss, wenn es darum geht, zu verstehen, warum und wie Menschen sprechen. Ob Genetik, Gehirnforschung oder kulturhistorischer Ansatz, das Thema "menschliche Sprache" ist ein filigranes Mobile, das sich nur interdisziplinär verstehen lässt.

Wissenschaftliche Wunder sind selten. Ein "sprachlicher Big Bang", also eine plötzliche Gehirn-Mutation des Sprachvermögens, vor 50.000 bis 100.000 Jahren scheint ausgeschlossen. Die menschliche Sprache hat sich langsam während der letzten 2 Millionen Jahre entwickelt. Und auch die aktuelle Suche nach Sprachgenen oder Schaltstellen im Gehirn zeigt nur: Es ist alles immer noch viel komplizierter als man denkt.

"Warum der Mensch spricht" hat das Niveau eines Standardwerks, das den Leser zwar an seine Grenzen führt, ihn aber auch enorm neugierig macht und ihm die Denkarbeit mit Witz und Charme und amüsanten Beispielen hinlänglich versüßt.

Rezensiert von Lutz Bunk

Ruth Berger: Warum der Mensch spricht. Eine Naturgeschichte der Sprache
Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2008
304 Seiten, 19.95 Euro

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