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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.11.2020

Auf den Spuren der AhnenDie genetische Erforschung der Sklaverei

Von Michael Stang

Sklaven auf einem Schiff um 1881. (Getty Images / Grafissimo)
Sklaven auf einem Schiff um 1881: Woher ihre Vorfahren kommen, diese Frage stellen sich viele Afroamerikaner. (Getty Images / Grafissimo)

Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden rund 12,5 Millionen Menschen aus Afrika gewaltsam versklavt. Genetische Daten können neue historische Erkenntnisse dazu liefern. In den USA ist die Ahnenforschung bereits ein Geschäftsmodell.

Zwischen 1500 und 1867 wurden in Afrika rund 12,5 Millionen Menschen gefangengenommen und gewaltsam versklavt. Die Männer, Frauen und Kinder wurden auf mehr als 40.000 Schiffe verfrachtet und nach Amerika gebracht, wo sie, sofern sie die Überfahrt über den Atlantik überlebt hatten, verkauft wurden. 

Bei einer Auktion in Maryland 1767 erwirbt der Plantagenbesitzer John Reynolds einen Sklaven namens Kunta Kinte. Er ist einer von Millionen Menschen, die in Westafrika gefangengenommen und nach Amerika gebracht wurden.

200 Jahre später recherchiert Alex Haley, einer der direkten Nachkommen Kintes, seine Familiengeschichte. Die zugehörige Fernsehverfilmung unter dem Namen "Roots" von 1976 war ein großer Erfolg in den USA, vor allem, weil erstmals viele Afroamerikaner sich überhaupt erstmals mit ihrer eigenen Familiengeschichte befassten. 

"Die Menschen haben ihre Vornamen verloren, sie haben die Sprachen verloren, die die Sprachen ihrer Vorfahren waren. Bei der Suche der Afroamerikaner geht es um etwas, das nicht nur verloren gegangen ist, weil Verlust ja etwas sein könnte, wie das Verlieren einer Brieftasche in der U-Bahn, sondern ihnen wurde alles gestohlen. Menschen haben ihnen gewaltsam die Identität geraubt, um die neue Kategorie der Sklaven zu schaffen."

Alondra Nelson ist einer der bekanntesten Sozialwissenschaftlerinnen in den USA. An der Princeton University geht sie auch der Frage nach, welche Auswirkungen die Sklaverei auf die heutige Gesellschaft in den USA hat. Ihr Werk "The Social Life of DNA" war auch Thema im BBC Podcast Social Science, in dem sie die Suche und Sehnsucht vieler Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner beschrieb. 

Wissen um die Vorfahren unter Afroamerikanern fehlt oft

"Ein großer Teil der amerikanischen Identität besteht darin, irisch-amerikanisch oder italienisch-amerikanisch zu sein. Also zu wissen, woher die Großeltern oder Urgroßeltern stammen. Das ist etwas, was für Afroamerikaner nicht verfügbar war. Es ist wichtig zu verstehen, dass dieser Dreh- und Angelpunkt der amerikanischen Identität etwas ist, was Afroamerikanern verweigert wurde."

Alondra Nelson auf einem Panel. (Getty Images / Paul Morigi)Alondra Nelson ist einer der bekanntesten Sozialwissenschaftlerinnen in den USA. (Getty Images / Paul Morigi)

Daher ist es keine Überraschung, dass die genetische Ahnenforschung in vielen afroamerikanischen Gruppen besonders beliebt ist. Die übertriebene Erwartungshaltung vieler Menschen, die sich etwa bei African Ancestry testen lassen, sieht Alondra Nelson kritisch.

"Die Leute sagen immer, dass sie das nicht erwartet hätten, dass sie jetzt dies oder jenes über ihre Vorfahren wissen. Aber das ist immer so eine Art Rosinenpicken von Assoziationen, die nur zufällig hergestellt werden."

Davon konnte sie sich selbst auch nicht freimachen. Alondra Nelson hatte im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung einen Speicheltest zur genetischen Ahnenforschung über ihre mütterliche Linie vornehmen lassen, dessen Ergebnis vor großen Publikum bekannt gegeben wurde.

Als ihr gesagt wurde, dass ihre mütterliche Herkunft auf Kamerun hindeutet, habe sie nicht gewusst wie sie reagieren sollte, vor allem weil es eben eine öffentliche Erwartungshaltung bezüglich emotionaler Reaktionen gibt. Daher nahm sie das Ergebnis einfach hin – vorerst. Für ihren Alltag in den USA spielte es keine Rolle.

Bei aller professionellen Distanz als Wissenschaftlerin konnte sie sich von dieser Erkenntnis, wie fundiert sie auch immer sein mag, dennoch nicht ganz freimachen, gibt Alondra Nelson zu. 

"Danach ertappte ich mich beim Lesen der Zeitung und hörte Dinge in den Nachrichten: Wenn Kamerun auftauchte, war ich aufmerksam und hörte hin und zwar auf eine Weise, wie ich das vorher nicht getan hatte. Aber ich muss sagen, dass ich mich nicht emotional als Kamerunerin fühle oder so."

Ahnenforschung von Schwarzen für Schwarze

Ein Werbevideo der Firma African Ancestry: African Ancestry sei die einzige Firma für Ahnenforschung von Schwarzen für Schwarze, zudem das einzige Unternehmen, das seinen Kundinnen und Kunden nicht nur das ursprüngliche afrikanische Herkunftsland mithilfe eines Genetik-Tests angibt, sondern auch die jeweilige Ethnie der mütterlichen beziehungsweise väterlichen Linie.

"Hi, ich bin Rick Kittles, Mitbegründer und wissenschaftlicher Direktor von African Ancestry. Auf meinen Reisen durch das Land treffe ich viele Menschen und die meisten von ihnen haben die gleichen Fragen. Deshalb dachte ich, es wäre jetzt eine gute Gelegenheit, Fragen zu beantworten, die Sie möglicherweise haben."

Rick Kittles gibt auf der Firmenseite die eigene geografische Herkunft mit Senegal und Nigeria an, seine ethnische mit Mandika und Hausa. Das Ursprungsland der anderen Firmengründerin Gina Paige wird mit Nigeria angegeben, ihre ethnische Herkunft mit Hausa und Fulani.

Zu einem Interview war keiner der beiden bereit. Erklärungen, wie ihr DNA-Test funktioniert, gäbe es in den zahlreich online gestellten Videos, ebenso Erklärungen, wie die Ergebnisse zustande kommen.

"Unsere Datenbank ist eine der umfassendsten weltweit. Wir haben über 30.000 verschiedene westafrikanische Linien für die mitochondriale DNA, die mütterlich vererbt wird, und das Y-Chromosom, das in der väterlichen Linie weitergegeben wird. Wir haben über 35 afrikanische Länder, die beprobt wurden, und wir arbeiten mit Historikern, Archäologen und Anthropologen zusammen, um herauszufinden, welche Populationen für eine Datenbank mit afrikanischen Abstammungsdaten für Afroamerikaner wichtig sind."

Die Klientel ist klar abgesteckt, vor allem finanzkräftige Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner. Es geht um die afrikanische Diaspora, also alle geografisch vom sogenannten "Mutterkontinent" Afrika entfernt lebenden Menschen afrikanischer, und vor allem subsaharischer Herkunft. Wer will, kann für 299 US-Dollar einen Test bestellen und von African Ancestry entweder die mütterliche oder die väterliche Herkunftslinie überprüfen lassen.

"Unsere Ergebnisse reichen 500 bis 2000 Jahre zurück. Wir wollten sicherstellen, dass wir Informationen erfassen, die vor dem transatlantischen Sklavenhandel lagen. Und so haben wir uns ein bestimmtes Stück DNA angesehen, ein bestimmtes Fenster der gesamten genetischen Abstammung, und unsere Datenbank so strukturiert, dass wir Informationen für einen Zeitraum zwischen 500 und 2000 Jahren bereitstellen können."

Intransparente Datengrundlage für genetische Forschung

Ins Detail, auf welcher Datengrundlage die Ergebnisse zustande kommen und wie nachvollziehbar die Aussagen sind, geht die Firma nicht. Doch dem Erfolg schadet es offenbar kaum. Das Internet ist voll mit Videos von Kundinnen und Kunden, die sich ihr Testergebnis anschauen und nun gesagt bekommen, dass etwa ihre mütterliche Linie unter anderem zu 22 Prozent auf eine Region in Nigeria hindeutet.

Doch, was sagt das aus? Eine kurze Rechnung: Jeder Mensch hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern und so weiter. Nach zehn Generationen kommt man schon auf eine vierstellige Zahl. 400 Jahre zurück, das ist die Zeit der ersten transatlantischen Sklaventransporte, sind es bereits 16 Generationen. Dann liegt die Zahl schon bei über 130.000 theoretischen Urmüttern und Urvätern. Und welche oder wie viele davon in einem Gebiet in Afrika lebten, das man heute geografisch so eng eingrenzen kann, dass sichere Aussagen zu Ländern oder ethnischen Gruppen möglich sind? Böse Zungen sprechen in diesem Fall von genetischer Astrologie.

Aus der Datenbank Slavevoyages: Am 20. Juli 1736 verlässt das von Kapitän David Hallow geführte Schiff Pineapple unter britischer Flagge seinen Hafen in Liverpool. In West-Zentral-Afrika und St. Helena werden insgesamt 292 Sklaven gekauft und aufgeladen. Beim ersten Zielort Barbados sind nur noch 250 Sklaven an Bord. Zu den 42 fehlenden Menschen gibt es keinen Hinweis in den Dokumenten. Ein Teil der menschlichen Fracht verlässt dort das Schiff, die anderen versklavten Menschen werden in South Carolina verkauft. Am 18. November 1737 kehrt die Pineapple wieder nach England zurück.

Die Genetik ist mitunter eine historische Wissenschaft, denn sie blickt in die Vergangenheit. Erbanlangen sind schließlich die Resultate des Geschehenen. Damit können sie Geschichten erzählen. Steven Micheletti sucht solche Geschichten und zwar in dem Erbgut von Millionen Menschen. Der Genetiker in Kalifornien wollte herausfinden, ob und wie sich die Geschichte der Sklaverei in den Erbanlagen heute lebender Menschen rekonstruieren lässt.

"Wir wollten sicherstellen, dass wir diese umfangreichen Datenbanken des transatlantischen Sklavenhandels mit genetischen Daten vergleichen können und das hat geklappt. Die historische Datenbank heißt Slavevoyages.org und hier bei 23andme haben wir eine Datenbank mit Millionen von Menschen aus aller Welt, die an der Forschung teilnehmen möchten, deren Erbgut Einblicke in die Genetik von Europa nach Afrika und ganz Amerika erlaubt."

Private Erbgutanalyse via Speichelprobe gegen Geld

Das Unternehmen 23andme ist einer der Marktführer im Bereich genetischer Ahnenforschung. Kundinnen und Kunden können, ähnlich wie bei African Ancestry, einen Test bestellen. Private Erbgutanalyse via Speichelprobe gegen Geld. Für derzeit 79 US-Dollar kann man seine Ahnenlinien nicht nur testen lassen, sondern auch in der Datenbank nach Verwandten suchen.

23andme nutzt die genetischen Daten auch für gewaltige Forschungsprojekte. Für das aktuelle Vorhaben wollte Steven Micheletti die genetischen Auswirkungen des Transatlantischen Sklavenhandels untersuchen. Dazu analysierte er die Daten von mehr als 50.000 Menschen aus Afrika, Nord- und Südamerika sowie Europa. Zunächst ging es darum zu klären, ob bereits bekannte und belegte historische Ergebnisse Spuren im Erbgut heutiger Populationen hinterlassen haben.

"Dabei haben wir direkt gesehen, dass Regionen in Afrika, in denen viele Menschen vom transatlantischen Sklavenhandel betroffen waren, wie die Kongo-Region, meist stärkere genetische Verbindungen nach Amerika zeigen."

Dieses erste Ergebnis sei für ihn keine Überraschung gewesen, genau das hatte er erwartet. Aber die Daten bestätigten seine These, dass sich historische Daten mit den genetischen in Einklang bringen lassen.

"Dies liegt daran, dass Menschen, die aus einer bestimmten Region Afrikas nach Amerika verschleppt wurden, eine größere Chance hatten, sich zu reproduzieren und Kinder zu bekommen. In der Kongo-Region wurden etwa etwa 5,7 Millionen Menschen gefangen genommen und versklavt, und diese hatten eben eine größere Chance, Kinder zu bekommen."

Sklaven auf einer Kaffeeplantage in Brasilien (Getty Images / duncan1890)Sklaven auf einer Kaffeeplantage in Brasilien: In Südamerika schufteten sich versklavte Menschen häufig zu Tode. (Getty Images / duncan1890)

Die Rechnung wird aber kompliziert, wenn man sich vor Augen hält, dass es in den Vereinigten Staaten nur ungefähr 400.000 versklavte Menschen gab, die direkt von Afrika nach Amerika kamen, wohingegen rund vier Millionen Menschen geradewegs aus Afrika nach Brasilien verschifft wurden. Alle anderen wurden mehrfach verschifft und verkauft.

Afroamerikaner haben mehr afrikanische Vorfahren als Afro-Brasilianer

Dennoch haben Afroamerikaner mehr afrikanische Vorfahren als Afro-Brasilianer. Ein möglicher Grund: In Südamerika schufteten sich versklavte Menschen häufig zu Tode. Der Kauf neuer Sklaven war einfacher und billiger als die Versorgung der Menschen. In den USA hingegen kümmerten sich viele Plantagenbesitzer um die Gesundheit ihrer Sklaven – aus purem Eigeninteresse.

Sie erlaubten oder erzwangen auch Eheschließungen beziehungsweise Familiengründungen, und sorgten auf diese Weise dafür, dass auch die neue Generation unfrei zur Welt kam. Doch warum sich die Anzahl der Nachkommen zwischen brasilianischen und US-amerikanischen Sklaven so stark unterschied, konnten genetische Daten allein nicht aufklären. Dies gelang erst durch den Blick in die Geschichtsbücher.

"Eine der auffälligsten Ideologien, die in vielen lateinamerikanischen Ländern auferlegt wurde, war Branqueamento oder Hautaufhellung, die die Vermischung zwischen europäischen hellhäutigen Männern und afrikanischen Frauen förderte und bis zum Ende des Sklavenhandels ging und darüber hinaus."

Damit wurde mit jeder Generation der Anteil des afrikanischen Erbguts bei den Menschen in Brasilien geringer, in den USA blieb er jedoch erhalten. Bei der Analyse der genetischen Daten entdeckten Steven Micheletti und sein Team weitere Unterschiede, vor allem zwischen den Geschlechtern.

"Grundsätzlich können wir anhand der Geschlechtschromosomen den Anteil der reproduzierenden afrikanischen Frauen im Vergleich zu afrikanischen Männern bestimmen, also wer wie viele Kinder bekommen hat. Dabei sahen wir, dass in allen Teilen Amerikas die afrikanischen Frauen deutlich mehr Kinder als die Männer bekommen hatten. Und das ist etwas überraschend, denn die Mehrheit der Menschen, die nach Amerika verschleppt wurde, waren Männer. Rund 60 Prozent der Menschen aus Afrika, die versklavt und nach Amerika gebracht wurden, waren Männer. Dennoch gibt es mehr Frauen aus Afrika, die Kinder bekommen hatten."

Hinweise in den Daten auf häufige Vergewaltigungen

Damit konnten die Genetiker mit wissenschaftlichen Methoden nachweisen, dass Sklavinnen häufiger als Sklaven Nachwuchs bekommen hatten, vor allem in Südamerika. Dort kamen auf jeden versklavten Mann aus Afrika, der ein Kind bekam, 15 versklavte Frauen aus Afrika, die nachweislich Nachwuchs zur Welt brachten. Mit einer rein höheren Sterblichkeit der Männer lässt sich diese Quote nicht erreichen, sondern nur mit der Erklärung, dass viele Väter nicht aus Afrika stammten.

"Das zeigt uns, dass es häufig Vergewaltigungen und sexuelle Ausbeutung gegeben hat, was schon bekannt war. Aber überraschend war dennoch, dass dieser Unterschied in lateinamerikanischen Ländern viel größer war und afrikanische Frauen dort häufiger Kinder bekommen hatten. Und dies veranlasste uns erneut, uns die historischen Aufzeichnungen anzusehen und zu schauen, was in diesen Ländern Lateinamerikas anders geschah als in den USA und in der von Großbritannien besetzten Karibik."

In den USA war die Quote mit 2:1 geringer, aber dennoch statistisch signifikant. So soll auch US-Gründervater Thomas Jefferson mit einer Sklavin seiner Frau mehrere Kinder gezeugt haben. Im weiteren Verlauf seiner Studie schaute Steven Micheletti, welche Aussagen sich zur geografischen Herkunft der Vorfahren heutiger Afroamerikaner treffen lassen.

"Dabei sahen wir, dass die ersten Sklaven in Amerika häufig aus Regionen stammten, die im heutigen Senegal und Gambia liegen. Er später kamen die versklavten Menschen auch aus Gebieten wie West-Zentralafrika und der Kongo-Region. Diesen Zusammenhang, der aus den Dokumenten hervorgeht, können wir heute genetisch nachweisen."

Spannend wurde es, so Steven Micheletti, als sie im Erbgut heutiger Afroamerikaner auf Zusammenhänge stießen, die sich nicht direkt durch historische Dokumente belegen lassen.

"Wir fanden historische Aufzeichnungen, die darauf hinweisen, dass Menschen aus der britischen Kolonie Senegambia in der Regel auf Reisplantagen in den Vereinigten Staaten landeten, weil sie Experten für Reisanbau waren. In diesen feuchten Sumpfgebieten gab es aber häufig Malaria, ebenso war die Ertrinkungsgefahr dort recht hoch. Das führte dazu, dass diese versklavten Menschen in bestimmten Regionen eine geringere Überlebenswahrscheinlichkeit hatten, als Menschen in anderen Regionen. Das ist also ein Paradebeispiel für bestimmte Ungleichgewichte. Solche Begebenheiten müssen wir detaillierter untersuchen."

Forschung am Erbgut von 3700 Studienteilnehmern 

Auch Simon Gravel will die erzwungene Migration afroamerikanischer Menschen genetisch nachweisen, mithilfe einer öffentlich frei für die Forschung zugänglichen Datenbank.

"Wir untersuchen eine sehr junge Bevölkerungsgeschichte, wir betrachten nur die Geschichte der letzten 300, 400 Jahre. Genetisch gesehen ist das sehr, sehr neu. Und es stellt sich heraus, dass viele der statistischen Methoden, die Menschen in der Populationsgenetik verwendet haben, nicht sehr informativ sind, was die jüngere Vergangenheit betrifft."

Der Genetiker von der McGill Universität im kanadischen Montreal suchte im Erbgut der mehr als 3700 Studienteilnehmer nicht zuerst nach Unterschieden, sondern nach Gemeinsamkeiten. 

"Im Prinzip schauen wir, ob wir aus den genetischen Daten einzelner Individuen rekonstruieren können, ob sie in den letzten hundert Jahren miteinander verwandt waren. Bei 3000 Menschen wird es viele Verwandte geben, viele Cousins, vor allem Cousins und Cousinen zweiten und dritten Grades und so weiter. 

Kernpunkt sind bestimmte Variationen im DNA-Doppelstrang, die sich unterschiedlich häufig wiederholen und vererbt werden. Nachdem die Verwandtschaftsmarker geklärt waren, schaute Simon Gravel, wie sich die afroamerikanischen Populationen verändert haben. Und tatsächlich konnte er mehrere Migrationsbewegungen nachweisen.

"Wir haben also festgestellt, dass Afroamerikaner, die im Norden der USA leben, tendenziell mehr europäische Vorfahren haben. Sie haben mehr Vorfahren, die ein paar hundert Jahre zuvor in Europa gelebt haben, verglichen mit Afroamerikanern im Süden, die wiederum hatten mehr Vorfahren aus Afrika."

Jedoch sei dies das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie der Populationsgenetik, also Aussagen, die für große Gruppen gelten. Wenn man auf die Individualebene runtergehen will, wird es jedoch schwierig, vor allem wenn es sich um die Aussagen kommerzieller Firmen wie African Ancestry oder 23andme handelt.

"Diese Tests sollen Ihnen also sagen, wer Sie wirklich sind, und die Menschen stützen ihre Identität auf diese Gentests - was merkwürdig ist."

Daher warnt Simon Gravel vor übertriebenen Erwartungen bei der genetischen Ahnenforschung für Privatpersonen.

Grenzen der Erkenntnisse bei genetischer Forschung

"Als Genetiker wiederhole ich immer wieder, dass die genetische Abstammung nichts darüber verrät, wer sie sind. Die Genetik sagt ihnen etwas darüber, wo ihre Vorfahren gelebt haben. Aber am Ende zählt doch, wer Sie als Person sind, es ist Ihre Kultur, es sind Ihre Interaktionen mit Menschen, es ist das, was Sie in Ihrem Leben tun und es muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben, wo Ihre Vorfahren vor ein paar hundert Jahren gelebt haben."

Und auch diese Ergebnisse, woher die Vorfahren kommen beziehungsweise gelebt haben, sind mitunter mit Vorsicht zu genießen.

"Es gab eine Reihe von Leuten, die Tests bei verschiedenen dieser Unternehmen durchgeführt und ziemlich unterschiedliche Ergebnisse bekommen haben."

"Wenn man etwas probiert zu rekonstruieren, das in der Vergangenheit liegt und das nur anhand von Daten machen kann, Daten von Menschen, die heutzutage leben. Dann ist das natürlich schon mal schwierig. Also, wenn man wirklich in der Zeit zurückgehen wollte, müsste man sich alte DNA anschauen."

Hannes Schroeder forscht an der Universität von Kopenhagen. Der Genetiker hat in mehreren Studien gezeigt, dass das sogenannte genetische Make-up einer Bevölkerung in einer bestimmten Region vor 400 Jahren nicht unbedingt dem der heutigen entsprechen muss. Deswegen stehen groß angelegte Vorhaben wie die Studie von Steven Micheletti vor gewaltigen Herausforderungen.

"Dann geht es natürlich darum, dass – besonders in diesem Kontext hier – das eine richtig komplexe Geschichte ist: Bevölkerungsbewegungen über vier Jahrhunderte von verschiedensten Regionen in West- und Westzentralafrika und auch Südostafrika, einen Teil, den Sie ja nicht ansprechen in Ihrer Studie, aber der nur einen kleinen Teil des Sklavenhandels ausgemacht hat. Aber dann eben über den Atlantik nach Amerika und dort von Nordamerika bis Südamerika in verschiedenste Regionen, in die Karibik. Und diese ganzen Bewegungen und Vermischungen über vier Jahrhunderte macht es halt sehr schwer, das anhand von modernen Datensätzen auseinander zu klügeln."

Vor allem, wenn historische Dokumente mit der Genetik zusammengebracht werden sollen. Ein kritischer Punkt bei den historischen Aufzeichnungen ist auch, dass sie sich meist nur auf die Anlegestellen der Sklavenschiffe in Westafrika beziehen. Das bedeutet aber nicht, dass ein von dort aus verschiffter Sklave aus dem Westen des schwarzen Kontinents stammen muss.

"Es wird besonders interessant, wo genetische Daten und historische Daten nicht miteinander übereinstimmen. Zum Beispiel deuten die genetischen Daten auf einen überproportional großen Anteil an genetischem Erbgut aus Nigeria in Teilen von Amerika hin. Und da schreiben dann aber die Autoren, dass sich erklären lässt durch den internen Sklavenhandel innerhalb von Amerika, der ja auch historisch belegt ist und das macht Sinn, das ist eine schöne Erklärung."

Wirtschaftsunternehmen gibt die Daten nicht frei

Viele einstige Widersprüche lassen sich heute aufgrund der großen Datensätze und mathematischen Methoden mittlerweile gut sortieren.

"Das ist also wirklich ein beeindruckender Datensatz für so eine populationsgenetische Studie. Wir arbeiten ja immer mit irgendwelchen Referenz-Datensätzen. Und da sind schon immer Daten für Tausende von Individuen mit dabei, aber hier werden halt wirklich Daten vorgestellt, neue Daten von Menschen aus Amerika und Europa und Afrika. Und der Großteil dieser Daten kommt halt eben von eben dieser Firma 23andme, also eine amerikanische Firma, die Gentests anbietet und vermarktet."

Die Forschung hier muss man aber von zwei Seiten betrachten, so Hannes Schroeder. Einerseits sei das Projekt wirklich beeindruckend, weil viele handfeste Daten in die Analysen einfließen. Andererseits gibt das Wirtschaftsunternehmen 23andme seine wissenschaftlichen Daten nicht frei.

"Das macht es natürlich auch schwer, von einer wissenschaftlichen Seite zum Beispiel Resultate zu replizieren einfach mal oder die Daten auch zu benutzen, darum geht‘s."

Cudjoe Kossola Lewis wurde 1840 in einem Dorf geboren, das heute zu Benin gehört. Nach seiner Gefangennahme wurde er in die Hafenstadt Ouidah verschleppt und auf die Clotilda gebracht. Diese legte mit 110 geschmuggelten Sklaven an Bord am 8. Juli 1860 an einem versteckten Landungssteg in Alabama an. Die Crew brachte die Sklaven an Land und verbrannte das Schiff, um Beweise zu vernichten. Die Clotilda war das letzte bekannte Sklavenschiff, das in den USA anlegte. Cudjoe Kossola Lewis war der letzte Überlebende der Clotilda-Sklaven. Er starb 1935 als freier Mann in Africatown in Alabama.

Die Suche nach einer Identität ist für die Nachkommen einstiger versklavter Menschen in den USA schwierig, und das nicht nur, weil die Unterlagen fehlen, aus welchen Gebieten die Vorfahren stammen. Die Sklavenhändler und Plantagenbesitzer haben gezielt sämtliche identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten bei den Sklaven bewusst unterbunden, sagt die Amerikanistin Heike Raphael-Hernandez von der Universität Würzburg.

"Zu den Zeiten, als diese verschleppten Afrikaner nach Amerika gebracht worden und dann verkauft wurden, dass also diese Menschen dann darauf geachtet haben, das zu mischen. Also, dass man mit Absicht gesagt hat, also wenn jetzt jemand von dort, also von diesem Stamm kommt, dann passen wir auf, dass wir die nicht mit den gleichen zusammenbringen. Wir möchten, dass die nicht so etwas wie eine gemeinsame Identität leben können. Wir möchten nicht mal, dass die sich sprachlich verstehen, weil immer diese Angst war vor der Rebellion, vor dem Widerstand dieser Menschen."

Keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Religion, keine gemeinsame Herkunft, so der Tenor der Sklaventreiber.

Bewusste Trennung von Sklaven aus gleichen Gebieten

"Wir bringen die nicht zusammen, also dass wir aufpassen, dass die eigentlich sich nicht als Gruppe empfinden. Und das wirklich so ganz bewusst von Anfang an mit Absicht. Wir möchten nicht, dass ihr so etwas wie eine Gruppenidentität miteinander habt."

Diese Entmenschlichung schwebt mit all ihren Nachwirkungen bis heute wie eine dunkle Wolke über der US-amerikanischen Gesellschaft.

"Und Menschen möchten ja irgendwo dazugehören. Menschen möchten ja zu einer Gruppe dazu gehören und nicht nur ein Individuum sein. Und das sicherlich in Amerika, das also ständig betont: Wir sind eins, also dieses eine Volk, aus vielen werden wir eins. Aber was feiern eigentlich verschleppte, versklavte Menschen, die irgendwo gegen ihren Willen rübergebracht wurden? Was wird denn da also an Feiertagen dann mit der Gruppe erlebt?"

Diese Konflikte gibt es in den USA seit Beginn der Sklaverei. Durch den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten, die Black-Lives-Matter-Bewegung oder die Konflikte im Zuge des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs zeigen deutlich, wie wenig diese Konflikte gesellschaftspolitisch aufgearbeitet wurden.

Tausende versammeln sich in Washington D.C. am Lincoln Memorial. (Getty Images / NurPhoto)Auch die Black-Lives-Matter Bewegung zeigt, wie wenig die Konflikte gesellschaftspolitisch aufgearbeitet wurden. (Getty Images / NurPhoto)

Ob die genetische Ahnenforschung für afroamerikanische Privatpersonen bei der Suche nach einer Identität eine Rolle spielt, sei schwierig zu beantworten, so die Amerikanistin Heike Raphael-Hernandez. 

"Ich habe öfter aber auch schon gehört, dass Kolleginnen das eher gefährlich finden, diese Tests, dass man sich zu sehr auf diese Tests konzentriert und sagt: Aber was drückt das eigentlich aus? Es löst ja nichts in der Gegenwart, auch in der Gegenwart der Stellung der Afroamerikaner in den USA."
 
Bei der genetischen Forschung rund um das Erbe der Sklaverei ist es wichtig, die ganze Geschichte im Blick zu behalten, gibt Steven Micheletti von der Firma 23andme zu bedenken.

"Bei unserer Studie haben wir nur das Erbgut untersucht, das von Menschen in Afrika weitergegeben wurde. Aber über zwei Millionen Afrikaner und Afrikanerinnen starben auf dem Weg nach Amerika. Viele Menschen überlebten die Reise nicht, weil die Bedingungen unmenschlich waren oder die Schiffe gekentert sind. Das Erbgut dieser Personen ist in unserer Studie nicht enthalten. Dennoch wir möchten diese Menschen auch ehren."

Ein Prozess der De-Kolonisierung

Am 25. März 1807 wurde der Slave Trade Act vom britischen Parlament angenommen. Dieses Gesetz schaffte den Sklavenhandel im British Empire ab, aber nicht die Sklaverei selbst. Die Folge war unter anderem ein illegaler Sklavenhandel.

Schiffe, die aufgegriffen wurden, wurden aber nicht zurück nach Afrika gebracht, sondern zum Teil nach Sankt Helena. Die Insel im Atlantischen Ozean wurde zum Friedhof für mehr als 27.000 versklavte Menschen. Sie sind für heutige Afroamerikaner und die genetischen Ahnenforschung zwar nicht relevant, aber dennoch wichtiger Teil der Geschichte, die Hannes Schroeder von der Universität Kopenhagen derzeit nachzuzeichnen versucht. Ein Anliegen ist dem Genetiker für die gesamte Branche wichtig.

"Unsere Rolle als Wissenschaftler, dass wir eine Verantwortung haben, irgendwie dieses Wissen und die Technologien einer breiten Allgemeinheit zugänglich zu machen. Und das beinhaltet eben auch zum Teil die Daten und eben auch, dass die Gemeinschaften um die es sich hier im Endeffekt dreht. Also bei diesen Forschungsprojekten in diesem Fall also die Nachkommen afrikanischer Sklaven, dass die auch erstens involviert sind und nicht nur als Studienteilnehmer, sondern eben als Partner. Und, dass sie dann auch von dieser Forschung profitieren, inwiefern auch immer."

Die Verantwortung für die Geschichte nicht nur anzuerkennen, sondern ihr auch gerecht zu werden, ist eine gewaltige Aufgabe, der sich viele Bereiche von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Forschung noch nicht wirklich gestellt haben.

"Das ist dieser De-Kolonisierungs-Prozess, den wir in einer Anthropologie und auch Populationsgenetik vielleicht noch nicht ganz durchlaufen haben. Aber das ist halt auch so ein Punkt, der wichtig ist."

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Stimme und IdentitätUnser akustischer Fingerabdruck
Ein Kind schreit in ein Mikrofon hinein. (Unsplash / Jason Rosewell)

Die Stimme wird als Ausdruck der Persönlichkeit wahrgenommen. Von ihr schließen wir auf Alter, Geschlecht und sogar Attraktivität einer Person. Entsprechend bemühen sich viele, die eigene Stimme zu formen, damit sie so klingt, wie wir uns selbst sehen.Mehr

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