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Im Gespräch | Beitrag vom 19.05.2020

Audiodeskriptorin Anke Nicolai"Ich bin sehr gern nur auf den Ohren"

Moderation: Katrin Heise

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Illustration von einem Mann, der Bücher genießt, die er sich an seine beiden Ohren hält.  (imago/Simon Ducroquet )
Hören, was zu sehen ist: Anke Nicolai macht es möglich. (imago/Simon Ducroquet )

Als Kind beschrieb sie ihrem sehbehinderten Vater die Umgebung. Heute erstellt Anke Nicolai Hörfassungen von Filmen, Theaterstücken und Opern für blinde Menschen - und setzt sich dafür ein, dass kulturelle Inklusion selbstverständlich wird.

Anke Nicolai ist Unternehmerin. Einerseits. Andererseits sieht sie sich "auch als Aktivistin". Als selbstständige Audiodeskriptorin erstellt sie Hörfassungen von Filmen und Bühnenstücken für blinde und sehbehinderte Menschen - und hat deshalb täglich mit Inklusion zu tun. Die sei kein Luxus, sagt Anke Nicolai. "Es gehört zur Demokratie dazu, Menschen mit Behinderungen mitzudenken und sie nicht auszugrenzen."

Schon als Kind war sie es gewohnt, ihre Umgebung für sehbehinderte Menschen zu beschreiben: Ihr Vater ist beinahe blind, und auch viele der Bekannten konnten nicht oder nur schlecht sehen. "Wir sind damit großgeworden, die Menschen, die diese Beeinträchtigung haben, zu unterstützen, ihnen zu helfen und vor allem mit unserer Sprache auszuhelfen."

Seit über zwanzig Jahren macht sie das nun auch beruflich. Inklusion heißt auch kulturelle Teilhabe: Mit ihrer Arbeit  sorgt Nicolai dafür, jene Teile von Filmen, Theaterstücken oder Opern "sichtbar" zu machen, die für Menschen mit Sehbehinderung sonst nicht erlebbar wären: "Wir sind quasi ein Hilfskonstrukt."

So wertfrei wie möglich beschreiben

Was ist die Essenz dieser Szene, dieser Handlung oder Bewegung? Das ist die erste Frage, die sich die gebürtige Ost-Berlinerin bei ihrer Arbeit stellt. Wer und was ist zu sehen, wo befinden wir uns, ist es Tag oder Nacht im Film, regnet es? Oder scheint die Sonne?

Die Kunst besteht darin, in den kurzen Lücken, in denen gerade kein Schauspieler spricht, keine Sängerin singt, die Geschehnisse wiederzugeben: "Diese Lücken müssen wir präzise und mit dem absolut Wesentlichen füllen."

Ein Porträt der Audiodeskriptorin Anke Nicolai. (Foto: privat)Die Audiodeskriptorin Anke Nicolai: Theater als Kür. (Foto: privat)

In der Endabnahme beurteilt dann eine blinde Kollegin, ob man mittels der zusätzlichen Audiospur der Handlung gut folgen kann. "Unser oberstes Gebot ist, so neutral und wertfrei wie möglich zu beschreiben."

Seit dreißig Jahren gibt es solche Hörfassungen in Deutschland. Im Jahr 2012 haben sich die öffentlich-rechtlichen Sender verpflichtet, Teile ihres Angebots barrierefrei zur Verfügung zu stellen. Auch Kinofilme werden hierzulande nur noch gefördert, wenn eine Hörfassung mitgeplant wird.

Theater und Oper als Kür

Anke Nicolai ist in ihrem Unternehmen heute vor allem für die redaktionelle Abwicklung, die Studioproduktionen und die Endabnahme von Film- und Fernsehproduktionen verantwortlich. Ihre besondere Leidenschaft aber gilt dem Theater.  Dort spricht sie die Hörfassungen simultan zum Bühnengeschehen ein, um auf mögliche Variationen der Schauspielerinnen und Sänger eingehen zu können. Die blinden Zuschauerinnen und Zuschauer hören alles im Theater über Kopfhörer mit.

Zu dem Rahmenprogramm, das Anke Nicolai zusammen mit Theatern und Opernhäusern entwickelt, gehören neben Stückeinführungen auch "Tastführungen", bei denen Bühne und Requisite vor der Vorstellung erkundet werden können.

"Zumindest wenn ich für den Live-Bereich arbeite, in Theatern oder in Opernhäusern, empfinde ich mich auch als Teil der Inszenierung", sagt die Audiodeskriptorin.

Auch wenn dabei nur ihre Stimme zu hören ist. "Das gefällt mir gut. Ich muss gar nicht sichtbar sein. Ich bin sehr gerne auch nur auf den Ohren."

(era)

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