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Kompressor | Beitrag vom 13.11.2019

Audiodeskription am Berliner EnsembleOthello auf der Bühne hören

Von Ramona Westhof

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Eine Frau mit dem Blindensymbol tastet an einem Kleidungsstück, das von einer Mitarbeiterin des Berliner Ensembles hochgehalten wird. (Moritz Haase)
Die Kostüme ertasten: Besucher können sich vor der Vorstellungen einen Eindruck vom Bühnenbild machen. (Moritz Haase)

Theater in Berlin haben sich zusammengeschlossen, um Vorführungen auch für Blinde und Sehbehinderte erlebbar zu machen. Für sie wurde mit Audiodeskription und Tastführungen ein besonderes Angebot geschaffen.

Othello und Desdemona stürzen sich auf der Bühne aufeinander, beide mit Fingerfarben bemalt, die Farben vermischen sich, bis er weiße Flecken hat, sie rote. So geht das eine Weile.

"Das Licht geht aus, mit einem Schlag wird es dunkel. Der nackte Othello betritt die Bühne. Sein Körper ist zur Gänze mit roter Farbe bedeckt. Desdemona, auch nackt und weiß geschminkt, tritt ins Licht. Es folgt: der Liebesakt."

Der Mann, der hier im Berliner Ensemble so sachlich die Handlung beschreibt, heißt Albert Frank. Er sitzt versteckt in einer kleinen, dunklen Kammer neben den Logen im ersten Stock des Theaters. Den leicht verstörenden Charakter der Anfangsszene dieser Shakespeare-Inszenierung kann er nicht ganz in Worte fassen.

Zum ersten mit Audiodeskription

Der Bühnenrand ist wirklich nah an der ersten Sitzreihe. Othello ist wirklich vollkommen nackt. Bis auf seine Stiefel. Desdemona trägt immerhin eine Unterhose.

Das Berliner Ensemble bietet zum ersten Mal Audiodeskription an, ein Projekt des Vereins Förderband, der sich unter anderem für mehr kulturelle Teilhabe für Blinde und Sehbehinderte einsetzt. Die Audiobeschreibungen werden extra für die jeweilige Inszenierung entwickelt, von Blinden und Sehbehinderten getestet und dann live gesprochen.

Othello: "Fass mich nicht an!"

Audiodeskription: "Othello wirft Desdemona zu Boden und geht nach hinten ab."

Im Berliner Ensemble hören an diesem Abend etwa 20 Besucherinnen und Besucher die Audiodeskription. An ruhigeren Stellen im Stück ist in den ersten Reihen immer wieder das Murmeln ihrer Kopfhörer zu hören.

Das rote Kreuz von Brecht

Mit zum Angebot gehören Tastführungen, bei denen Blinde und Sehbehinderte sowie ihre Begleitungen vor der Aufführung auf die Bühne dürfen und dahinter einige der Kostüme ertasten.

"Ich stehe quasi direkt vor der Drehscheibe mit meinem Rücken zum Zuschauerraum, von dem wir gerade kommen. Hinter Ihnen ist das Schlagzeug, das Sie eben so laut gehört haben."

Im Berliner Ensemble gibt Rhona Hayday Reimann die Tastführung. Sie beschreibt auch das Theater selbst und den pompösen Zuschauerraum. Den riesigen Kronleuchter und die vielen Skulpturen an den Wänden. Sie erklärt auch ein auffälliges rotes Kreuz über einer der Logen:

"Da das Haus unter Denkmalschutz steht, durfte der Kommunist Brecht – der natürlich weder den preußischen noch den Reichsadler in seinem Theater haben wollte – diesen nicht einfach entfernen. So ließ er ihn stattdessen mit roter Farbe durchstreichen. Dieses rote X ist heute als Andenken an Brecht dort belassen."

Führung für Blinde und Sehbehinderte

Hayday Reimann gibt sonst Theaterführungen für Sehende. Sie und einige Kolleginnen und Kollegen haben im Vorfeld in einer Schulung gelernt, worauf sie im Umgang mit blinden und sehbehinderten Gästen achten müssen:

"Dass man einen Menschen natürlich von vorne anspricht und nicht von hinten erschreckt, wenn sie einen nicht sehen können. Natürlich können sie nicht sehen, dass ich ein Schild habe, auf dem Berliner Ensemble steht. Sachen, die eigentlich extrem offensichtlich sind, aber vielleicht noch gut waren für manche, dass man das auch in der Runde gesagt hat."

Vor der Aufführung gibt es auch eine kurze Einführung des Audiodeskriptors. Auch er beschreibt noch einmal das Bühnenbild und erklärt schon einige der rein visuellen Szenen. Später wird im Saal die Musik zu laut sein, um die Audiodeskription zu verstehen.

Detaillierte Beschreibung

Das gilt auch für die etwas verstörende nackte Anfangsszene. Oder für die dramatische Schlussszene.

Auch die Charaktere und ihre Kostüme werden detailliert eingeführt: "Der Darsteller des Othellos ist ein großer Mann mittleren Alters und athletisch."

In den meisten Szenen trägt er eine schwarze Uniform. Seine Frau Desdemona hat zwei Kleider, trägt mal Hochzeitskleid, mal Blumenkleid: "Ihr erstes Kostüm ist ein hellgelbes mit orange-blauen Blumen bedrucktes Seitenkleid mit weitem Rock." 

Farbe anfassen

Der Chor, der immer wieder auftritt, trägt graue Mäntel und weiße Stoffmasken. Wer an der Tastführung teilgenommen hat, kennt die Masken bereits. Durfte sie sogar anprobieren. Und die Farbe anfassen, mit der die Schauspielerinnen und Schauspieler bemalt sind.

Desdemonas weißes Hochzeitskleid und Othellos schwarze Uniform werden am Ende voll sein mit Farbe und mit Kunstblut. "Othello beugt sich über Desdemona und küsst sie. Die Bühne dreht sich. Schlussbild."

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