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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.06.2010

Auch raue Gesellen fürchten sich

Herman Charles Bosman: "Mafeking Road", Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2010, 204 Seiten

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Ein weiterer Grund zum Fürchten: Dürre. (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)
Ein weiterer Grund zum Fürchten: Dürre. (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)

Raue Gesellen leben in der Marico, jener Gegend ganz im Norden Südafrikas, in der die Geschichten Herman Charles Bosmans spielen. Aber so rau sie sind, die Gesellen, so haben sie doch allen Grund sich zu fürchten: vor Leoparden, die ihnen jederzeit über den Weg laufen können, vor Schlangen, die sie in die Hände beißen, oder, fast schlimmer noch, vor der Dürre, die die Ernte verdirbt, oder vor der Rinderpest, die ihre Herden dezimiert.

Es sind einfache Leute von denen Bosman, oder besser gesagt sein Alter Ego Oom Schalk Laurens, berichtet. Dieser verschmitze Farmer, der in 20 der 21 in "Mafeking Road" versammelten Geschichten als Erzähler auftritt, glaubt zwar, dass die Sonne sich um die Erde dreht, sein Blick auf die Welt aber, auf die südafrikanische Burenrepublik vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, ist doch von großer Lebensklugheit geprägt.

Und wenn er einmal behauptet, den Allmächtigen zu fürchten und seine Werke zu achten, nie aber werde verstehen zu können, "warum Er den Kaffer und die Rinderpest erschuf", dann ist es im Folgenden doch eben einer dieser Kaffer, der dem Bruder des Erzählers das Leben rettet – dabei allerdings selbst auf tragische Weise umkommt.

Herman Charles Bosman, geboren 1905 und viel zu früh 1951 gestorben, weiß seine kaum einmal mehr als fünf Seiten umfassenden Geschichten immer wieder geschickt aufzubauen, erst Spannung zu erzeugen, den Leser dann in Sicherheit zu wiegen, um dem Ganzen schließlich noch eine überraschende Wendung zu geben. Sparsam könnte man seinen Stil nennen, aber so kurz seine Geschichten sind und so trocken sein Stil anmutet, atmet doch jede Erzählung eine ganze Welt.

Um die Liebe geht es natürlich, um Gewalt und Mord und Krieg, um die Siedlertrecks, die scheinbar nie zum Stillstand kommen, da die Dürre sie immer wieder weiter treibt. Es geht auch um Schamanen, Propheten und die Macht der Träume – wobei Oom Schalk Laurens allem Übersinnlichen erst einmal skeptisch gegenübersteht und seinen Esel nächtens nur deswegen zur Eile antreibt, damit dieses äußerst empfindsame Tier sich nicht vor den Hexen in den Bäumen fürchte.

Diese ironisch gebrochene Naivität verleiht Bosmans Erzählungen einen ganz speziellen Reiz, und überhaupt ist es erstaunlich, dass mit "Mafeking Road" erst heute ein Buch des Südafrikaners vorliegt, denn in ihrer scheinbaren Simplizität sind seine Geschichten doch außergewöhnlich kunstvoll komponiert. Bosman selbst nämlich war anders als sein Alter Ego nicht Farmer, sondern Lehrer in der Marico, bevor er in einem Streit seinen Stiefbruder erschoss, ins Gefängnis kam und nach Verbüßen der Haft in London lebte.

Hier, in der Großstadt also, entstanden die Geschichten von schlitzohrigen Hinterwäldlern, die jeden, der Strümpfe trägt oder ein Taschentuch benutzt, sofort als Engländer identifizieren. Und vielleicht liegt es an Bosmans Blick aus der Ferne, die seinen Erzählungen mehr als einen Hauch von Sehnsucht, von Schönheit und Wahrheit verleiht.

Besprochen von Tobias Lehmkuhl

Herman Charles Bosman: Mafeking Road
Übersetzt von Michael Kleeberg
Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2010
204 Seiten, 19,90 Euro

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