"Auch knapp 30 Prozent Überfischung ist zu viel"
Die Welternährungsorganisation FAO hat Anfang März in einem Bericht vor den dramatischen Folgen der sich abzeichnenden Überfischung der Weltmeere gewarnt. Gert Kraus, Leiter des Instituts für Seefischerei in Hamburg, konstatiert, dass eine effektive Kontrolle der Fangquoten kaum möglich ist: "Das Meer ist groß und weit, und die Kontrollkapazitäten sind auch begrenzt". Zudem hätten die Fangflotten Überkapazitäten, die man abbauen müsse.
Joachim Scholl: Seit Jahren nun ist dieses Problem akut und bekannt: Die Fischbestände in den Weltmeeren schrumpfen immer weiter. Trotz vieler internationaler gesetzlicher Regelungen und Quotierungen seien mittlerweile bis zu 80 Prozent der Bestände überfischt oder bis an die Grenzen ausgebeutet. Mit dieser jüngsten Zahl schlägt die Welternährungsorganisation FAO jetzt Alarm in einem Anfang März veröffentlichten Bericht. In einem Studio in Hamburg begrüße ich nun den Fischereibiologen Gert Kraus. Er leitet das Institut für Seefischerei. Guten Tag, Herr Kraus!
Gert Kraus: Ja, schönen guten Tag!
Scholl: Wie dramatisch ist derzeit die Lage denn? Gewarnt wird ja schon lange. Geht der Fisch uns nun wirklich bald aus?
Kraus: Ja, also ganz so schlimm ist es natürlich nicht, es kommt immer so ein bisschen darauf an, aus welchem Blickwinkel man die Situation betrachtet. Man kann das Glas als halb leer ansehen, man kann es aber auch halb voll ansehen, um dieses Beispiel mal zu bemühen.
Und wenn wir auf diesen FAO-Bericht noch mal zurückgehen, dann ist es auch so, dass die FAO eine etwas feinere Abstufung tatsächlich vornimmt. Also sie hat drei Kategorien gebildet - das sind einmal die Bestände, die noch unternutzt oder nur wenig genutzt sind, dann einmal die Bestände, die mehr oder weniger voll genutzt sind und sich an der Grenze zur Übernutzung befinden, und dann eine dritte Kategorie, das sind die tatsächlich wirklich überfischten Bestände, wo wir echte Probleme haben.
Und wenn man dann mal in diesen von der FAO auch selber bemühten Kategorien sich das anguckt, dann haben wir also bei 20 Prozent, etwas mehr als 20 Prozent der Bestände eine leichte Unternutzung noch oder eine moderate Nutzung. Und die Bestände, die wirklich übernutzt sind und wo wir ein wirkliches Überfischungsproblem haben, da sind wir bei 28 Prozent in etwa. Und das ist natürlich eine Situation, die ist nicht schön. Auch knapp 30 Prozent Überfischung ist zu viel.
Und die Trends in der Fischerei über längere Zeit sind auch so, dass der Gesamtfang der marinen Fischarten in den letzten 15 Jahren leicht zurückgeht. Also es scheint, wir haben hier ein Plateau erreicht in den Weltfängen, und nur durch vernünftige und nachhaltige Nutzung sind wir auch in der Lage, dieses Plateau zu halten. Und da müssen wir sehr bemüht sein.
Scholl: Nun haben wir eine Vielzahl von internationalen Vereinbarungen. Es gibt Quotenempfehlungen, seit 1995 gibt es die Fischereirichtlinien der FAO. Werden diese Regelungen zu wenig befolgt oder vielleicht sogar völlig missachtet, was einzelne Fischbestände anbetrifft?
Kraus: Ja, wenn wir uns mal die EU angucken, da haben wir natürlich das Problem, dass sehr viele Nationen an einem Tisch sitzen und alle pochen auf ihre historischen Fangrechte und keiner ist so wirklich bereit, davon abzugehen und zu einer Umkehr zu kommen. Das führt natürlich dazu, dass wir die Problematik nicht wirklich gut in den Griff bekommen.
Von wissenschaftlicher Seite geben wir jährlich Quotenempfehlungen über den Internationalen Rat für Meeresforschung in Kopenhagen heraus. Dann werden sie in der EU-Kommission in der Regel auch in den Rat der Europäischen Gemeinschaft so weiterempfohlen oder weitestgehend zumindest. Und erst dann im Fischereirat, wo die Fischereiminister am Tisch sitzen, haben wir oft das Problem, dass dann auch die sozioökonomischen Aspekte mit in den Vordergrund treten.
Es ist natürlich auch - nicht unbedingt in Deutschland, aber in anderen Nationen - die Fischerei ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor, das wird mit berücksichtigt. Und dann kommen wir oft zu Quotenvergaben, die also höher sind als das, was die Wissenschaft empfiehlt. Und das ist natürlich nicht in unserem Sinne.
Scholl: Kanadische Wissenschaftler haben mal einen Ländercheck gemacht. Unter den 53 Ländern, also die den weltweiten Fischfang dominieren, rangiert Deutschland gerade mal auf Platz 20, was das Einhalten von nachhaltigem, verantwortlichem Fischfang angeht. Eigentlich haben wir uns doch immer in die Brust geworfen und gesagt, wir sind ganz toll. Ziemlich skandalöses Ergebnis, oder?
Kraus: Ja. Das Problem ist, dass Fischereipolitik EU-Politik ist. Es ist einer der wenigen Politikfelder, wo wirklich EU-Hoheit herrscht. Und in diesem Kontext muss man das Ganze auch betrachten. Also wir haben sicherlich ein Problem EU-weit, und Deutschland reiht sich in diesen EU-Kontext einfach durch die gemeinsame Fischereipolitik auch ein. Und damit kommen wir also zu dieser etwas negativen Sicht der Dinge.
Scholl: Wie lassen sich denn überhaupt Fangquoten kontrollieren?
Kraus: Es gibt zwei unterschiedliche Ansätze dazu. Wir haben sogenannte Fischerei-Schutzboote, die also auf hoher See die Fänge kontrollieren. Die Kontrolleure kommen unregelmäßig an Bord. Dort werden dann Maschen gemessen, dort wird der Fang kontrolliert.
Wir haben auch Beobachterprogramme, wo wir also Wissenschaftler mit an Bord schicken, die gucken, was wird tatsächlich gefangen, auch was wird legal - also muss man auch sagen, das ist zurzeit leider noch legale Praxis - wird wieder zurückgegeben in die See. Also das sind Fänge, für die zum Beispiel keine Quoten existieren oder untermaßige Fische. All das geht im Moment noch wieder zurück über die Kante ins Wasser. Das sind auch so Zustände, denen wir nicht sehr positiv gegenüberstehen. Das sind die Kontrollmöglichkeiten.
Aber das Meer ist groß und weit, und die Kontrollkapazitäten sind auch begrenzt zum Teil. Und wir haben in dem Moment, wo wir ja mit sehr großen Flottenkapazitäten zum Teil noch operieren, sicherlich ein Problem, flächig zu kontrollieren. Und das ist auch eines der Probleme, die wir eben beobachten. Wir können einfach nicht alles kontrollieren, wir haben Überkapazitäten, und wo die Möglichkeit da ist, mehr zu fangen, als man darf, da wird auch versucht das auszunutzen …
Scholl: Überkapazitäten jetzt bei den Flotten oder?
Kraus: Bei den Fangflotten, ja. Es ist so, dass die EU versucht, die Überkapazitäten abzubauen durch Regelungen, aber noch nicht alle Mitgliedstaaten haben die bestehenden Überkapazitäten zufriedenstellend abgebaut. Das heißt, wir operieren eigentlich mit mehr Schiffen, als für eine nachhaltige Bewirtschaftung unserer Bestände notwendig und gut wäre.
Scholl: Die Überfischung der Meere. Wir sind im Gespräch mit Gert Kraus vom Institut für Seefischerei in Hamburg. Wenn wir jetzt also mal die Lage als halb volles Glas beschreiben, nein, als halb leeres Glas, Herr Kraus, also in der negativen Weise, welche Vorschläge hätten Sie denn an Organisationen und Gesetzgeber, dass man also diese Entwicklung doch wieder umkehrt, korrigieren könnte? Was müsste denn geschehen Ihrer Meinung nach?
Kraus: Die EU-Kommission hat das, glaube ich, auch schon sehr richtig erkannt. Sie bereiten im Moment eine Reform der EU-Politik vor. Die Regularien, die in den letzten Jahren geschaffen worden sind, sind auch einfach zu kompliziert. Sie sind zu kompliziert zu kontrollieren, sie sind zu kompliziert für die Fischer, sie umsetzen. Wir brauchen zunächst mal ein einfacheres Regelwerk. Dann nannte ich bereits das Problem der Überkapazitäten der Fangflotten. Also hier haben wir sicherlich Bedarf, noch stärker abzubauen, als es in der Vergangenheit passiert ist.
Und was wir aus unserer Sicht auch ganz deutlich benötigen, ist ein sogenanntes Anlandegebot, dass wir von der Praxis dieser Rückwürfe von Fischen, die entweder nicht gewünscht werden oder für die keine Quoten bestehen, dass wir davon wegkommen, dass all das, was gefangen wird, auch tatsächlich auf die Quoten angerechnet wird. Dann sind wir schon einen ganz schönen Schritt weiter.
Scholl: An Ihrem Institut erforschen Sie den gesamten Komplex des Fischereiwesens, kann man sagen. Die Ökologie spielt natürlich eine entscheidende Rolle. In welcher Weise und wie stark trägt der Klimawandel, die Ernährung der Meere zum Problem eigentlich bei?
Kraus: Ja, der Klimawandel stellt sich eigentlich in zwei verschiedenen Blickwinkeln dar: zunächst ist es einmal die globale Erwärmung, die zu einer graduellen Erwärmung der Meere führen wird. Das wird dazu führen, dass sich die Verbreitungsgebiete auch der genutzten Fischarten ändern werden in der Zukunft. Und der zweite Punkt ist, dass die Extremereignisse zunehmen werden. Und diese Extremereignisse wiederum behindern möglicherweise auch die Fangmöglichkeiten.
Scholl: Extremereignisse, also Naturkatastrophen?
Kraus: Naturkatastrophen, starke Stürme sind, gerade was die Fischerei anbelangt, sicherlich eines der Dinge, die wir in Zukunft häufiger und stärker zu erwarten haben. Was den graduellen Erwärmungseffekt anbelangt, gehen wir im Moment davon aus, dass die Fischbestände, die sich in den eher nördlichen Gebieten jetzt befinden, eine Erweiterung ihrer Habitate erfahren werden. Also sie können in ihrer Verbreitung sich weiter nach Norden ausdehnen. Die arktischen Ozeane, die sehr produktiv sind, werden sicherlich in der Zukunft genutzt werden können von Fischen, die es eben heute noch nicht tun können. Das heißt, wir werden einige Verlierer haben, wir werden aber auch einige Gewinner haben. Es wird insgesamt zu einer Verschiebung in dem Artengefüge kommen.
Scholl: Nun kommen immer mehr Fische aus sogenannten Aquakulturen auf die Esstische, also Fische aus Fischzuchtstätten. Ist das eine Perspektive der Zukunft?
Kraus: Es ist sicherlich eine Perspektive der Zukunft, allerdings nur zum Teil. Viele der Fischarten, die wir hier bei uns in der westlichen Welt besonders gerne essen - wie zum Beispiel Wolfsbarsch möchte ich hier nennen oder jetzt auch Kabeljau wird zunehmend in der Aquakultur gehalten -, haben das Problem, dass das Futter für diese Fische wiederum aus Fischerei ... , also aus Fischen hergestellt wird. Dafür werden kleine Fische gefangen, die werden zu Fischmehl, zu Fischöl verarbeitet und dann wiederum an die hochwertigen Konsumfische in der Aquakultur verfüttert. Das ist insofern keine besonders gute Lösung.
Es gibt andere Beispiele, wo sich die Aquakulturarten niedriger in dem Nahrungsnetz ernähren, wo man also auch pflanzlich basierte Nahrungsmittel für Fische herstellen kann. Das sind sicherlich so Sachen, die in Zukunft eine höhere Relevanz bekommen werden. In der asiatischen Aquakultur wird das also mit Karpfenzucht, mit der Welszucht schon sehr erfolgreich durchgeführt. Und da müssen wir wahrscheinlich aus unserer Sicht auch hinkommen.
Scholl: Inwieweit können wir uns denn, Professor Kraus, als Verbraucher eigentlich beteiligen, wenn es jetzt gerade mal wieder um den Meerfisch geht, den frei gefangenen, zum Beispiel, indem wir ganz bestimmte Fischarten an der Theke im Supermarkt nicht kaufen? Welchen kaufen Sie denn zum Beispiel mit Absicht nicht?
Kraus: Ja, also es ist so, dass wir sicherlich als Verbraucher einen großen Einfluss haben. Im Moment versuchen die großen Handelsketten zusehends, nur noch zertifizierte, sogenannte zertifizierte Produkte anzubieten. Das heißt, dass wir Fischereien auf Nachhaltigkeit überprüfen, und nur dann, wenn sie den nachhaltigen Kriterien entsprechen, bekommen sie ein Siegel. Dieses Siegel kann man als Verbraucher auf den Verpackungen erkennen, und dann kann man den Fisch ohne Bedenken kaufen. Also ein gutes Beispiel, was im Moment am weitesten verbreitet ist, ist das sogenannte "Marine Stewardship Council"-Siegel - das ist so ein weißer Fisch auf blauem Hintergrund -, den kann man also sehr eindeutig auf den Packungen identifizieren und dann ist man einigermaßen auf der sicheren Seite.
Scholl: Aber bei mir im Supermarkt liegt der Fisch einfach so auf Eis, also da ist gar keine Verpackung. Da halte ich mit dem Finger drauf und sage, den will ich.
Kraus: Da haben Sie natürlich recht, das ist gerade beim frischen Fisch natürlich ein Problem. Was ich im Moment tatsächlich versuchen würde zu vermeiden, ist nach wie vor Kabeljau. Da haben wir also Probleme, gerade bei dem Kabeljau, der in der Nordsee und in der Ostsee gefangen wird, dass die Bestände sich im Moment noch in einer Erholungsphase befinden und man da vielleicht noch drauf verzichten sollte. Man sollte sicherlich auch auf einige der großen Thunfischarten, blauer Thunfisch, verzichten, auf roten Thun sollte man verzichten. Das sind so die im Moment bedrohtesten Arten.
Gert Kraus: Ja, schönen guten Tag!
Scholl: Wie dramatisch ist derzeit die Lage denn? Gewarnt wird ja schon lange. Geht der Fisch uns nun wirklich bald aus?
Kraus: Ja, also ganz so schlimm ist es natürlich nicht, es kommt immer so ein bisschen darauf an, aus welchem Blickwinkel man die Situation betrachtet. Man kann das Glas als halb leer ansehen, man kann es aber auch halb voll ansehen, um dieses Beispiel mal zu bemühen.
Und wenn wir auf diesen FAO-Bericht noch mal zurückgehen, dann ist es auch so, dass die FAO eine etwas feinere Abstufung tatsächlich vornimmt. Also sie hat drei Kategorien gebildet - das sind einmal die Bestände, die noch unternutzt oder nur wenig genutzt sind, dann einmal die Bestände, die mehr oder weniger voll genutzt sind und sich an der Grenze zur Übernutzung befinden, und dann eine dritte Kategorie, das sind die tatsächlich wirklich überfischten Bestände, wo wir echte Probleme haben.
Und wenn man dann mal in diesen von der FAO auch selber bemühten Kategorien sich das anguckt, dann haben wir also bei 20 Prozent, etwas mehr als 20 Prozent der Bestände eine leichte Unternutzung noch oder eine moderate Nutzung. Und die Bestände, die wirklich übernutzt sind und wo wir ein wirkliches Überfischungsproblem haben, da sind wir bei 28 Prozent in etwa. Und das ist natürlich eine Situation, die ist nicht schön. Auch knapp 30 Prozent Überfischung ist zu viel.
Und die Trends in der Fischerei über längere Zeit sind auch so, dass der Gesamtfang der marinen Fischarten in den letzten 15 Jahren leicht zurückgeht. Also es scheint, wir haben hier ein Plateau erreicht in den Weltfängen, und nur durch vernünftige und nachhaltige Nutzung sind wir auch in der Lage, dieses Plateau zu halten. Und da müssen wir sehr bemüht sein.
Scholl: Nun haben wir eine Vielzahl von internationalen Vereinbarungen. Es gibt Quotenempfehlungen, seit 1995 gibt es die Fischereirichtlinien der FAO. Werden diese Regelungen zu wenig befolgt oder vielleicht sogar völlig missachtet, was einzelne Fischbestände anbetrifft?
Kraus: Ja, wenn wir uns mal die EU angucken, da haben wir natürlich das Problem, dass sehr viele Nationen an einem Tisch sitzen und alle pochen auf ihre historischen Fangrechte und keiner ist so wirklich bereit, davon abzugehen und zu einer Umkehr zu kommen. Das führt natürlich dazu, dass wir die Problematik nicht wirklich gut in den Griff bekommen.
Von wissenschaftlicher Seite geben wir jährlich Quotenempfehlungen über den Internationalen Rat für Meeresforschung in Kopenhagen heraus. Dann werden sie in der EU-Kommission in der Regel auch in den Rat der Europäischen Gemeinschaft so weiterempfohlen oder weitestgehend zumindest. Und erst dann im Fischereirat, wo die Fischereiminister am Tisch sitzen, haben wir oft das Problem, dass dann auch die sozioökonomischen Aspekte mit in den Vordergrund treten.
Es ist natürlich auch - nicht unbedingt in Deutschland, aber in anderen Nationen - die Fischerei ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor, das wird mit berücksichtigt. Und dann kommen wir oft zu Quotenvergaben, die also höher sind als das, was die Wissenschaft empfiehlt. Und das ist natürlich nicht in unserem Sinne.
Scholl: Kanadische Wissenschaftler haben mal einen Ländercheck gemacht. Unter den 53 Ländern, also die den weltweiten Fischfang dominieren, rangiert Deutschland gerade mal auf Platz 20, was das Einhalten von nachhaltigem, verantwortlichem Fischfang angeht. Eigentlich haben wir uns doch immer in die Brust geworfen und gesagt, wir sind ganz toll. Ziemlich skandalöses Ergebnis, oder?
Kraus: Ja. Das Problem ist, dass Fischereipolitik EU-Politik ist. Es ist einer der wenigen Politikfelder, wo wirklich EU-Hoheit herrscht. Und in diesem Kontext muss man das Ganze auch betrachten. Also wir haben sicherlich ein Problem EU-weit, und Deutschland reiht sich in diesen EU-Kontext einfach durch die gemeinsame Fischereipolitik auch ein. Und damit kommen wir also zu dieser etwas negativen Sicht der Dinge.
Scholl: Wie lassen sich denn überhaupt Fangquoten kontrollieren?
Kraus: Es gibt zwei unterschiedliche Ansätze dazu. Wir haben sogenannte Fischerei-Schutzboote, die also auf hoher See die Fänge kontrollieren. Die Kontrolleure kommen unregelmäßig an Bord. Dort werden dann Maschen gemessen, dort wird der Fang kontrolliert.
Wir haben auch Beobachterprogramme, wo wir also Wissenschaftler mit an Bord schicken, die gucken, was wird tatsächlich gefangen, auch was wird legal - also muss man auch sagen, das ist zurzeit leider noch legale Praxis - wird wieder zurückgegeben in die See. Also das sind Fänge, für die zum Beispiel keine Quoten existieren oder untermaßige Fische. All das geht im Moment noch wieder zurück über die Kante ins Wasser. Das sind auch so Zustände, denen wir nicht sehr positiv gegenüberstehen. Das sind die Kontrollmöglichkeiten.
Aber das Meer ist groß und weit, und die Kontrollkapazitäten sind auch begrenzt zum Teil. Und wir haben in dem Moment, wo wir ja mit sehr großen Flottenkapazitäten zum Teil noch operieren, sicherlich ein Problem, flächig zu kontrollieren. Und das ist auch eines der Probleme, die wir eben beobachten. Wir können einfach nicht alles kontrollieren, wir haben Überkapazitäten, und wo die Möglichkeit da ist, mehr zu fangen, als man darf, da wird auch versucht das auszunutzen …
Scholl: Überkapazitäten jetzt bei den Flotten oder?
Kraus: Bei den Fangflotten, ja. Es ist so, dass die EU versucht, die Überkapazitäten abzubauen durch Regelungen, aber noch nicht alle Mitgliedstaaten haben die bestehenden Überkapazitäten zufriedenstellend abgebaut. Das heißt, wir operieren eigentlich mit mehr Schiffen, als für eine nachhaltige Bewirtschaftung unserer Bestände notwendig und gut wäre.
Scholl: Die Überfischung der Meere. Wir sind im Gespräch mit Gert Kraus vom Institut für Seefischerei in Hamburg. Wenn wir jetzt also mal die Lage als halb volles Glas beschreiben, nein, als halb leeres Glas, Herr Kraus, also in der negativen Weise, welche Vorschläge hätten Sie denn an Organisationen und Gesetzgeber, dass man also diese Entwicklung doch wieder umkehrt, korrigieren könnte? Was müsste denn geschehen Ihrer Meinung nach?
Kraus: Die EU-Kommission hat das, glaube ich, auch schon sehr richtig erkannt. Sie bereiten im Moment eine Reform der EU-Politik vor. Die Regularien, die in den letzten Jahren geschaffen worden sind, sind auch einfach zu kompliziert. Sie sind zu kompliziert zu kontrollieren, sie sind zu kompliziert für die Fischer, sie umsetzen. Wir brauchen zunächst mal ein einfacheres Regelwerk. Dann nannte ich bereits das Problem der Überkapazitäten der Fangflotten. Also hier haben wir sicherlich Bedarf, noch stärker abzubauen, als es in der Vergangenheit passiert ist.
Und was wir aus unserer Sicht auch ganz deutlich benötigen, ist ein sogenanntes Anlandegebot, dass wir von der Praxis dieser Rückwürfe von Fischen, die entweder nicht gewünscht werden oder für die keine Quoten bestehen, dass wir davon wegkommen, dass all das, was gefangen wird, auch tatsächlich auf die Quoten angerechnet wird. Dann sind wir schon einen ganz schönen Schritt weiter.
Scholl: An Ihrem Institut erforschen Sie den gesamten Komplex des Fischereiwesens, kann man sagen. Die Ökologie spielt natürlich eine entscheidende Rolle. In welcher Weise und wie stark trägt der Klimawandel, die Ernährung der Meere zum Problem eigentlich bei?
Kraus: Ja, der Klimawandel stellt sich eigentlich in zwei verschiedenen Blickwinkeln dar: zunächst ist es einmal die globale Erwärmung, die zu einer graduellen Erwärmung der Meere führen wird. Das wird dazu führen, dass sich die Verbreitungsgebiete auch der genutzten Fischarten ändern werden in der Zukunft. Und der zweite Punkt ist, dass die Extremereignisse zunehmen werden. Und diese Extremereignisse wiederum behindern möglicherweise auch die Fangmöglichkeiten.
Scholl: Extremereignisse, also Naturkatastrophen?
Kraus: Naturkatastrophen, starke Stürme sind, gerade was die Fischerei anbelangt, sicherlich eines der Dinge, die wir in Zukunft häufiger und stärker zu erwarten haben. Was den graduellen Erwärmungseffekt anbelangt, gehen wir im Moment davon aus, dass die Fischbestände, die sich in den eher nördlichen Gebieten jetzt befinden, eine Erweiterung ihrer Habitate erfahren werden. Also sie können in ihrer Verbreitung sich weiter nach Norden ausdehnen. Die arktischen Ozeane, die sehr produktiv sind, werden sicherlich in der Zukunft genutzt werden können von Fischen, die es eben heute noch nicht tun können. Das heißt, wir werden einige Verlierer haben, wir werden aber auch einige Gewinner haben. Es wird insgesamt zu einer Verschiebung in dem Artengefüge kommen.
Scholl: Nun kommen immer mehr Fische aus sogenannten Aquakulturen auf die Esstische, also Fische aus Fischzuchtstätten. Ist das eine Perspektive der Zukunft?
Kraus: Es ist sicherlich eine Perspektive der Zukunft, allerdings nur zum Teil. Viele der Fischarten, die wir hier bei uns in der westlichen Welt besonders gerne essen - wie zum Beispiel Wolfsbarsch möchte ich hier nennen oder jetzt auch Kabeljau wird zunehmend in der Aquakultur gehalten -, haben das Problem, dass das Futter für diese Fische wiederum aus Fischerei ... , also aus Fischen hergestellt wird. Dafür werden kleine Fische gefangen, die werden zu Fischmehl, zu Fischöl verarbeitet und dann wiederum an die hochwertigen Konsumfische in der Aquakultur verfüttert. Das ist insofern keine besonders gute Lösung.
Es gibt andere Beispiele, wo sich die Aquakulturarten niedriger in dem Nahrungsnetz ernähren, wo man also auch pflanzlich basierte Nahrungsmittel für Fische herstellen kann. Das sind sicherlich so Sachen, die in Zukunft eine höhere Relevanz bekommen werden. In der asiatischen Aquakultur wird das also mit Karpfenzucht, mit der Welszucht schon sehr erfolgreich durchgeführt. Und da müssen wir wahrscheinlich aus unserer Sicht auch hinkommen.
Scholl: Inwieweit können wir uns denn, Professor Kraus, als Verbraucher eigentlich beteiligen, wenn es jetzt gerade mal wieder um den Meerfisch geht, den frei gefangenen, zum Beispiel, indem wir ganz bestimmte Fischarten an der Theke im Supermarkt nicht kaufen? Welchen kaufen Sie denn zum Beispiel mit Absicht nicht?
Kraus: Ja, also es ist so, dass wir sicherlich als Verbraucher einen großen Einfluss haben. Im Moment versuchen die großen Handelsketten zusehends, nur noch zertifizierte, sogenannte zertifizierte Produkte anzubieten. Das heißt, dass wir Fischereien auf Nachhaltigkeit überprüfen, und nur dann, wenn sie den nachhaltigen Kriterien entsprechen, bekommen sie ein Siegel. Dieses Siegel kann man als Verbraucher auf den Verpackungen erkennen, und dann kann man den Fisch ohne Bedenken kaufen. Also ein gutes Beispiel, was im Moment am weitesten verbreitet ist, ist das sogenannte "Marine Stewardship Council"-Siegel - das ist so ein weißer Fisch auf blauem Hintergrund -, den kann man also sehr eindeutig auf den Packungen identifizieren und dann ist man einigermaßen auf der sicheren Seite.
Scholl: Aber bei mir im Supermarkt liegt der Fisch einfach so auf Eis, also da ist gar keine Verpackung. Da halte ich mit dem Finger drauf und sage, den will ich.
Kraus: Da haben Sie natürlich recht, das ist gerade beim frischen Fisch natürlich ein Problem. Was ich im Moment tatsächlich versuchen würde zu vermeiden, ist nach wie vor Kabeljau. Da haben wir also Probleme, gerade bei dem Kabeljau, der in der Nordsee und in der Ostsee gefangen wird, dass die Bestände sich im Moment noch in einer Erholungsphase befinden und man da vielleicht noch drauf verzichten sollte. Man sollte sicherlich auch auf einige der großen Thunfischarten, blauer Thunfisch, verzichten, auf roten Thun sollte man verzichten. Das sind so die im Moment bedrohtesten Arten.