Attac: Der Mensch ist wichtiger als die Finanzwirtschaft
Parallel zum G20-Treffen in Cannes diskutieren Globalisierungskritiker beim "Forum der Völker" in Nizza über Börsenturbulenzen und Schuldenkrise. Hugo Braun vom Netzwerk Attac fordert im Interview ein stärkeres Vorgehen gegen Finanzspekulation und die Einführung einer Transaktionssteuer.
Nana Brink: Den ganzen Morgen reden wir hier in der "Ortszeit" schon über den G-20-Gipfel, der heute beginnt, unbestritten das wichtigste Thema des Tages, und während sich in Cannes die führenden Industrie- und Schwellenländer treffen, findet im weniger als 50 Kilometer entfernten Nizza bereits seit zwei Tagen eine Art Gegengipfel statt. Unter dem Motto "zuerst die Menschen, nicht die Finanzen" diskutieren Globalisierungsgegner beim "Forum der Völker" über alternative Lösungen zu Problemen wie Staatsverschuldung und die Rolle der Banken und Börsen. - Vor Ort und am Telefon bei uns ist jetzt Hugo Braun vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac. Einen schönen guten Morgen, Herr Braun!
Hugo Braun: Guten Morgen!
Brink: Was bewegt Sie in diesen Tagen am meisten, gerade auch auf dem Forum der Völker?
Braun: Ich denke, das ist die bunte Vielfalt, dieser Ideenreichtum, mit dem ganz viele Menschen, junge Menschen überwiegend, hier ihre Ideen an die Öffentlichkeit bringen, wie sie versuchen, mit der Bevölkerung hier ins Gespräch zu kommen, wie sie zum Beispiel spärlich bekleidet aus dem Mittelmeer an den Strand kommen und ihre Forderungen auf Schildern präsentieren, wie sie sich als "Bank Busters", heißt das, versuchen, die Banken zu desinfizieren, dies alles mit einem geradezu schauspielerisch gekonnten Aufwand, und ganz, ganz viele Menschen kommen ins Gespräch miteinander. Das ist ein buntes Treiben und das finde ich richtig schön, wie Protest friedlich, aber wirksam vorgetragen werden kann.
Brink: Das klingt sehr spielerisch. Haben Sie denn auch konkrete Forderungen?
Braun: Ja. Die Hauptforderung haben Sie eben schon in Ihrer Anmoderation genannt. Das ist, dass der Mensch wichtiger ist als die Finanzwirtschaft und dass die Menschen eben nicht unter dieser Art von Finanzmarktpraxis zu leiden haben. Was im Mittelpunkt steht ist die etwas nüchterne Forderung, gegen die Finanzspekulation vorzugehen. Das steht auf der Tagesordnung in dem nicht ganz weit weg liegenden Cannes. Finanzspekulation, das klingt so trocken, bedeutet aber Hunger, tatsächlich bitteren Hunger für Millionen von Menschen, und darum geht es hier, eigentlich Druck zu machen. Übrigens ist dieses ganze hier in Nizza weniger eine Protestaktion; es ist eigentlich mehr der Versuch, Druck auf Politiker zu machen, um Menschlicheres in die Politik zu bringen.
Brink: Wie muss ich mir das vorstellen? Treffen sie sich dann zum Beispiel auf dem Forum der Völker zu Diskussionsrunden?
Braun: Ja. Das ist bezeichnenderweise in einem ehemaligen Schlachthaus.
Brink: Das entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie.
Braun: Und man tagt also auch in den ehemaligen Kühlräumen und es ist wirklich frisch und man muss sich warm anziehen. Und da sitzen dann Menschen im Stuhlkreis oder auf den größeren Veranstaltungen in Stuhlreihen und diskutieren miteinander. Es sind natürlich eine Reihe von Experten jeweils anwesend, die in das Thema einführen. Und was eben auch immer wieder auf der Tagesordnung steht, das ist die Finanztransaktionssteuer, die ja in Deutschland und Frankreich schon Regierungspolitik geworden ist, eine Forderung von Attac, die mehr als zwölf Jahre alt ist. Aber es geht immer noch darum, dies weltweit möglichst, aber mindestens doch in Europa durchzusetzen, und insbesondere geht es darum, dass Herr Schäuble die Gelder daraus nicht einfach in seinen Haushalt zur Sanierung einstellt, sondern dass man wirklich etwas zur Entwicklung und zur Umwelt damit tut.
Brink: Wer friert denn da zusammen im Kühlhaus?
Braun: Ja, das ist wirklich auffällig, dass viele Menschen aus dem benachbarten Italien natürlich gekommen sind, aber auch aus Spanien, was ja auch schnell erreichbar ist, und nach den allerjüngsten Ereignissen treffe ich auch ganz viele Menschen aus Griechenland. Insbesondere der Vorstoß des Herrn Papandreou mit seiner Volksabstimmung hat die Gemüter hier in Wallung gebracht und unterschiedliche Diskussionen ausgelöst, und die Griechen sind immer ganz vorne mit dabei mit ihrem berühmten griechischen Temperament.
Brink: Sind Sie denn auch mit dieser berühmten aktuellen Occupy-Bewegung, also den Menschen, die in New York und London vor den Banken und Börsen campieren, vernetzt?
Braun: Ich weiß nicht, ob ich hier den Ausdruck "vernetzen" gebrauchen kann, aber jedenfalls sind die Indignados aus Madrid hier und nehmen an den Diskussionen teil, nehmen auch an den Aktionen, an den Straßenaktionen teil, aber sie bestimmen hier nicht das Bild der Diskutanten und der Aktionisten auf den Straßen.
Brink: Vielen Dank! - Hugo Braun von dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac auf dem Gegengipfel in Nizza. Schönen Dank, Herr Braun, für das Gespräch.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Hugo Braun: Guten Morgen!
Brink: Was bewegt Sie in diesen Tagen am meisten, gerade auch auf dem Forum der Völker?
Braun: Ich denke, das ist die bunte Vielfalt, dieser Ideenreichtum, mit dem ganz viele Menschen, junge Menschen überwiegend, hier ihre Ideen an die Öffentlichkeit bringen, wie sie versuchen, mit der Bevölkerung hier ins Gespräch zu kommen, wie sie zum Beispiel spärlich bekleidet aus dem Mittelmeer an den Strand kommen und ihre Forderungen auf Schildern präsentieren, wie sie sich als "Bank Busters", heißt das, versuchen, die Banken zu desinfizieren, dies alles mit einem geradezu schauspielerisch gekonnten Aufwand, und ganz, ganz viele Menschen kommen ins Gespräch miteinander. Das ist ein buntes Treiben und das finde ich richtig schön, wie Protest friedlich, aber wirksam vorgetragen werden kann.
Brink: Das klingt sehr spielerisch. Haben Sie denn auch konkrete Forderungen?
Braun: Ja. Die Hauptforderung haben Sie eben schon in Ihrer Anmoderation genannt. Das ist, dass der Mensch wichtiger ist als die Finanzwirtschaft und dass die Menschen eben nicht unter dieser Art von Finanzmarktpraxis zu leiden haben. Was im Mittelpunkt steht ist die etwas nüchterne Forderung, gegen die Finanzspekulation vorzugehen. Das steht auf der Tagesordnung in dem nicht ganz weit weg liegenden Cannes. Finanzspekulation, das klingt so trocken, bedeutet aber Hunger, tatsächlich bitteren Hunger für Millionen von Menschen, und darum geht es hier, eigentlich Druck zu machen. Übrigens ist dieses ganze hier in Nizza weniger eine Protestaktion; es ist eigentlich mehr der Versuch, Druck auf Politiker zu machen, um Menschlicheres in die Politik zu bringen.
Brink: Wie muss ich mir das vorstellen? Treffen sie sich dann zum Beispiel auf dem Forum der Völker zu Diskussionsrunden?
Braun: Ja. Das ist bezeichnenderweise in einem ehemaligen Schlachthaus.
Brink: Das entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie.
Braun: Und man tagt also auch in den ehemaligen Kühlräumen und es ist wirklich frisch und man muss sich warm anziehen. Und da sitzen dann Menschen im Stuhlkreis oder auf den größeren Veranstaltungen in Stuhlreihen und diskutieren miteinander. Es sind natürlich eine Reihe von Experten jeweils anwesend, die in das Thema einführen. Und was eben auch immer wieder auf der Tagesordnung steht, das ist die Finanztransaktionssteuer, die ja in Deutschland und Frankreich schon Regierungspolitik geworden ist, eine Forderung von Attac, die mehr als zwölf Jahre alt ist. Aber es geht immer noch darum, dies weltweit möglichst, aber mindestens doch in Europa durchzusetzen, und insbesondere geht es darum, dass Herr Schäuble die Gelder daraus nicht einfach in seinen Haushalt zur Sanierung einstellt, sondern dass man wirklich etwas zur Entwicklung und zur Umwelt damit tut.
Brink: Wer friert denn da zusammen im Kühlhaus?
Braun: Ja, das ist wirklich auffällig, dass viele Menschen aus dem benachbarten Italien natürlich gekommen sind, aber auch aus Spanien, was ja auch schnell erreichbar ist, und nach den allerjüngsten Ereignissen treffe ich auch ganz viele Menschen aus Griechenland. Insbesondere der Vorstoß des Herrn Papandreou mit seiner Volksabstimmung hat die Gemüter hier in Wallung gebracht und unterschiedliche Diskussionen ausgelöst, und die Griechen sind immer ganz vorne mit dabei mit ihrem berühmten griechischen Temperament.
Brink: Sind Sie denn auch mit dieser berühmten aktuellen Occupy-Bewegung, also den Menschen, die in New York und London vor den Banken und Börsen campieren, vernetzt?
Braun: Ich weiß nicht, ob ich hier den Ausdruck "vernetzen" gebrauchen kann, aber jedenfalls sind die Indignados aus Madrid hier und nehmen an den Diskussionen teil, nehmen auch an den Aktionen, an den Straßenaktionen teil, aber sie bestimmen hier nicht das Bild der Diskutanten und der Aktionisten auf den Straßen.
Brink: Vielen Dank! - Hugo Braun von dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac auf dem Gegengipfel in Nizza. Schönen Dank, Herr Braun, für das Gespräch.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.