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Weltzeit | Beitrag vom 08.04.2020

Atomunglück von TschernobylDie Kinder der Verstrahlten

Von Inga Lizengevic

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Zwei Kinder stehen in der belarussischen Region Gomel auf einer Straße. (imago images /ITAR-TASS/Viktor Drachev)
Belarus war neben der Ukraine besonders von der Katastrophe in Tschernobyl betroffen. Hier Kinder in der Region Gomel. (imago images /ITAR-TASS/Viktor Drachev)

Infarkte und Schlaganfälle bei 30-Jährigen, Mädchen und Jungen mit Gelenkerkrankungen. Es sind inzwischen die Kinder der damals verstrahlten Kinder, bei denen sich die Spätfolgen der Katastrophe zeigen. Besonders betroffen: Das heutige Belarus.

"30 Jahre später hat meine Tochter einen Tumor bekommen. Zuerst wurde sie operiert, dann hieß es, es sei Krebs. Dann folgte noch eine Operation. Dann kamen schon die Metastasen in der Lunge. Auf den Röntgenbildern sieht die Lunge aus wie ein Sternenhimmel, durchlöchert von Metastasen... keine OP möglich. Die Ärzte meinten, wir sollten weinen."

Adam Varanets ist pensionierter Geografielehrer. Den 26. April 1986 hat er im Dorf Astrahliady erlebt, circa 35 km vom AKW Tschernobyl entfernt.

"Das war ja während des Kalten Krieges. Es hieß, Amerika könne jederzeit angreifen, wir mussten dauernd dafür trainieren. Beim Warnsignal das Schulgebäude verlassen, uns mit den Schülern im Keller verstecken. Aber von der Explosion in Tschernobyl haben wir dann nichts erfahren. Am nächsten Tag war es heiß, 27 Grad. Dann kam der Regen, überall Pfützen. Wir hätten im Keller sitzen sollen, aber meine Kinder waren draußen. Sie haben im Gras getobt, in den Pfützen."

Adams Familie erlebt noch heute die Spätfolgen der Katastrophe. Am schwersten getroffen hat es die inzwischen knapp 40-jährige Tochter. Schon lange macht sie eine Chemotherapie.

"Die Ärzte meinten, sie habe vielleicht noch ein halbes Jahr zu leben. Seitdem sind vier Jahre vergangen, sie lebt noch."

Schulkindern schmerzen Muskeln und Gelenke

Wenn die Tochter bei der Therapie ist, versorgen die Großeltern die Enkeltochter.

"Meine Enkeltochter ist neun, wir hoffen, dass die Mutter durchhält. Die Enkeltochter klagt über Schmerzen in den Knien..."

Solche Schmerzen bei Kindern sind durchaus ernst zu nehmen. Adam Varanets Familie ist typisch, von den Nachbarn höre ich Ähnliches. Mediziner bestätigen solche Berichte. Zum Beispiel Nikolai Lapshin, Facharzt für Neurologie und Radiologe.

"Das geht bereits im Schulalter los. Schon die Kinder beklagen sich über Schmerzen an Muskeln und Gelenken. Sie sind schwach, schlapp, sie werden schnell müde.

Ich führe das auf den Einfluss von Cäsium 137 und Strontium 90, die bis heute von den Organismen hier aufgenommen werden. Cäsium setzt sich in den Muskeln ab, Strontium in den Knochen. Auch kleine Dosen richten Schaden an."

Auch in der Stadt Dobrusch leben viele Menschen als Selbstversorger. Hühner vor Holzhäusern. (Inga Lizengevic)Auch in der Stadt Dobrusch leben viele Menschen als Selbstversorger. (Inga Lizengevic)
Nikolai Lapshin arbeitet bereits seit 1983 im Bezirkskrankenhaus von Dobrusch. Teile des Bezirks gehören zur Sperrzone, die seit 1986 nicht mehr bewohnt werden darf. Die Gegend ist land- und forstwirtschaftlich geprägt, die Mehrheit der Bewohner sind Selbstversorger.

"Ein Herzinfarkt mit 30 oder 40 ist jetzt keine Seltenheit mehr. Herzrhythmusstörungen haben sich angehäuft, Erkrankungen des Hormonsystems haben sich angehäuft."

Lapshin stellt fest, dass seine Patienten immer jünger werden. Früher seltene Erkrankungen sind heute an der Tagesordnung.

"Die Pathologien der Menschen haben sich im Laufe der Zeit verändert. In den ersten fünf Jahren war es die Zunahme der Schilddrüsenerkrankungen. Das war ein markanter Anstieg. Dann ist diese Kurve etwas abgeflacht. Lungen-, Magen-, Darm- und Schilddrüsenkrebs nehmen bis heute zu, bei Erwachsenen, aber auch bei Kindern. Das sind jetzt die Kinder der damaligen Tschernobylkinder... "

Lebensmittel sind immer noch verstrahlt

Zwar gibt es für Cäsium 137 und Strontium 90 in Lebensmitteln strenge Grenzwerte. Waren, die in den Handel kommen, werden regelmäßig kontrolliert. Doch die vielen Selbstversorger in der Region ernähren sich überwiegend von Produkten aus den eigenen Gärten. Für die sind keine Kontrollen vorgeschrieben.

Auch Adam Varanets hat einen Garten, in dem er Obst und Gemüse für seine Familie anbaut. Stolz zeigt er auf dem Handy Fotos von Pfirsichen, aber hier wachsen auch Kartoffeln, Wurzelgemüse, Kohl, Tomaten und Gurken.

"Ich habe mir ein Dosimeter besorgt, und selbst nachgemessen. Die Strahlung ist zwischen 0,13 und 0,15 Mikrosievert pro Stunde, also innerhalb der Norm. Uns wurden auch Lebensmittel aus Dobrusch gebracht – da konnte man sehen, dass sie verstrahlt waren. Auch bei den Dörfern im Umkreis. In unserem alten Heimatdorf habe ich 90 Mikrosievert pro Stunde und mehr gemessen."

Eine Pilzsammlerin im September 2018 in einem Wald bei Gomel, Belarus. (imago images/ITAR-TASS/Viktor Drachev)Noch immer lässt sich Strahlung in den Waldböden um Gomel nachweisen. Viele Menschen sind aber auch auf Selbstversorgung angewiesen. (imago images/ITAR-TASS/Viktor Drachev)
Adam macht sich mehr Gedanken über die Situation als die meisten hier.

"Es wäre wohl besser, hier nichts anzubauen... aber die Menschen sind arm. Und mittlerweile vergisst man Tschernobyl... Man achtet nicht mehr darauf. Man geht in den Wald, auch da, wo es verboten ist. Die Leute sammeln Pilze – dabei sind das doch die Akkumulatoren der Strahlung. Mit den Beeren ist es dasselbe, obwohl da die Warnschilder stehen."

Die erste Halbwertszeit ist abgelaufen

Etwa 1000 offizielle Messstellen führen in Belarus Strahlungskontrollen durch. Auch das Staatliche Institut für Radiobiologie in Gomel.

"Cäsium und Strontium haben eine Halbwertszeit von 30 Jahren, und diese ist bereits abgelaufen. Man kann sagen, dass das Territorium durch diese natürlichen Prozesse sauberer geworden ist..."

Dr. Alexandr Nikitin, Leiter des staatlichen Labors für Radioökologie, empfängt mich in seinem Büro. Er lächelt – die Goldzähne strahlen in seinem Mund. Das Institut in der Provinzhauptstadt Gomel wurde in Februar 1987 gegründet, zehn Monate nach dem Reaktorunglück.

"Und diese Böden, die nun sauberer geworden sind, werden in die landwirtschaftliche Nutzung aufgenommen. Das ist ein kompliziertes Prozedere. Cäsium- und Strontiumgehalt werden untersucht – ob die Böden den Bedingungen entsprechen. Auch die Strahlungsdosen für die Landarbeiter werden berechnet."

Der zerstörte Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl am 15. Mai 1986. (imago images/Eastnews/Russia)Der zerstörte Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl am 15. Mai 1986. (imago images/Eastnews/Russia)
Ziel ist es, möglichst viele der Flächen wieder zu nutzen. Die verstrahlten Gebiete sind für Belarus von wirtschaftlicher Bedeutung, denn sie liegen in der fruchtbarsten Region des Landes. Außerdem vermittelt die Rückgewinnung der Flächen den Menschen das Gefühl, dass die Gefahr vorüber sei – ein nicht zu verachtender Faktor. Teile der Sperrzonen mit hoher Belastung wurden in den letzten Jahren wieder freigegeben. Aus Sicht der staatlichen Stellen läuft alles nach Plan.

Der Staat spielt das Thema herunter

Minsk, eine Siedlung von schicken Einfamilienhäusern am Stadtrand. Ich suche das unabhängige Strahleninstitut "BELRAD". Es ist eine der wenigen nicht staatlichen Strukturen, die in Belarus Strahlungswerte erheben. Hinter einem Zaun mit Warnung vor dem bissigen Hund werde ich fündig. Institutsleiter Alexey Nesterenko erklärt, dass "BELRAD" in der weißrussischen Hauptstadt zwei Labore betreibt. In dem einen wird der Wert der Radionuklide im Körper gemessen – hauptsächlich bei Kindern. Das zweite untersucht Lebensmittel.

"Es gibt auch Labore vor Ort. Da wird mit den Kindern gearbeitet. Die Kinder können selbst die Werte von Lebensmitteln messen, die sie zu Hause zu sich nehmen. Die Kinder arbeiten auch wissenschaftlich – sie kartografieren den Wald, in dem die Dorfbewohner Pilze sammeln. Sie markieren, wo die Pilze sauberer und wo sie verstrahlter sind. Diese Kinder verhalten sich auch entsprechend, wenn sie erwachsen werden. Das gehört dann zum Habitus, wie gewöhnliche Hygienemaßnahmen. Sie entwickeln diese Kultur und nehmen diese Kenntnisse mit."

Spezialeinheiten beim Messen der Radioaktivität im Mai 1986. Nach der Zerstörung des Kernkraftwerks wurde die Gegend 30 km um Tschernobyl zur Sicherheitszone erklärt. (picture alliance/dpa/Sputnik/Code Novo)Spezialeinheiten beim Messen der Radioaktivität im Mai 1986. Nach der Zerstörung des Kernkraftwerks wurde die Gegend 30 km um Tschernobyl zur Sicherheitszone erklärt. (picture alliance/dpa/Sputnik/Code Novo)
Eigentlich sollte sich der Staat um solche Maßnahmen kümmern. Doch der spielt das Thema herunter und betont stattdessen das bereits Erreichte. Nach 30 Jahren sei die erste Halbwertszeit für Cäsium und Strontium eben vorüber.

"Es fängt damit an, dass die von der ersten Halbwertszeit sprechen. Dabei vergessen alle, dass es zehn Mal so lange dauert, bis die zweite Hälfte weg ist. 300 Jahre, bis es komplett weg ist. Mancherorts sind die Werte momentan so, dass man Pilze und Beeren mit dem Atommüll eines AKWs vergleichen kann. Wir sprechen hier von zehn- und sogar hunderttausenden Becquerel pro Kilo."

Dr. Nesterenkos Institut "BELRAD" ist ein Beispiel dafür, wie der Staat die Probleme mit der Strahlung ausblendet. 1990 gegründet, hatte die Nichtregierungsorganisation anfangs 370 Anlaufstellen für die Bevölkerung. Hier konnte man Produkte kontrollieren und sich beraten lassen. Ab 1995 wurde die staatlichen Zuschüsse nach und nach gekürzt.

Sechs Jahre Gefängnis wegen unliebsamer Forschung

"An diesem Ort habe ich mehr als vier Jahre verbracht."

Professor Yuri Bandazhevsky ist ehemaliger Rektor der Medizinischen Universität im belarussischen Gomel. Seit über 30 Jahren untersucht er die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe für die Bevölkerung von Belarus. Sein Forschungsschwerpunkt sind die Auswirkungen von mäßigen Strahlendosen. 1999 wurde er unter einem Vorwand verhaftet. Sechs Jahre saß er im Gefängnis. Heute arbeitet er auf der ukrainischen Seite der Grenze. Er zeigt mir die Dokumentation eines aktuellen Forschungsprojekts.

"Das gesammelte Dossier aus drei Jahren Arbeit. Es sind tausende medizinische Karteikarten. Von jedem Kind eine Karte... mit allen Tests..."

Professor Bandazhevskys Projekt im ukrainischen Bezirk Ivankiv wurde von der EU finanziert. Der Bezirk gehört zu den höchstbelasteten Regionen der Ukraine.

"Ich habe diesen Bezirk 2009 kennengelernt. Chefärztin Oxana Kadun hatte das Bezirkskrankenhaus damals gerade übernommen." 

Wir unterhalten uns in Oxana Kaduns Büro, während die Ärztin selbst zu einer Besprechung eilt. Professor Bandazhevsky holt einige eng bedruckte Blätter aus seiner Aktentasche.

"Es gibt eine Aminosäure im Körper, Homozystein. Ist der Wert erhöht, wird der Stoffwechsel gestört. Wenn sich im kindlichen Organismus Radionuklide befinden, Cäsium 137, erhöht sich das Niveau von Homozystein im Blut. Das ist schlecht, weil sich die Blutgerinnung verschlechtert, Thromben und Mikrothromben entstehen. Das birgt Gefahren für Herz und Gehirn. Das kann außerdem zu Geburtsfehlern und Pathologien beim Fötus führen."

Kleine Strahlendosen sind viel gefährlicher als gedacht

Bandazhevsky zeigt mir Tabellen und Schemata.

"Wir sprechen von den Kindern der zweiten Generation. Den Kindern der Tschernobylkinder. Wir haben die Homozystein-Werte der Mütter und der Kinder verglichen. 80 Prozent der Kinder haben einen erhöhten Wert, wobei nur 30 Prozent der Mütter einen erhöhten Wert haben. Das zeigt, wie gefährlich kleine Strahlendosen sind.

Viele Menschen mussten nach der Katastrophe von Tschernobyl auch in der Region Gomel ihre Häuser verlassen, die heute verfallen. (Inga Lizengevic)Verlasses und zerfallen: Ein Haus in der Region Gomel. (Inga Lizengevic)
Wenn für die Kinder der ersten Generation, die Tschernobylkinder, 30 bis 50 Becquerel pro Kilo gefährlich waren, so reichen bei den Kindern der zweiten Generation bereits viel kleinere Dosen aus. Das bedeutet, dass sich die internationalen Empfehlungen nur für eine Bevölkerung eignen, die noch keinen Kontakt mit erhöhter Radioaktivität hatte. Aber wir hatten bereits Kontakt mit der Radioaktivität. Schon über lange Zeit..."

Chefärztin Dr. Oxana Kadun kommt von ihrer Besprechung zurück. Sie bestätigt Bandazhevskys Beobachtungen.

"Wir haben hier nicht nur eine hohe Sterblichkeitsrate, sondern auch eine katastrophal niedrige Geburtenrate. Auch meine Kollegen beobachten Effekte, die wir früher nicht kannten. Die Probleme treten bei jüngeren Menschen auf. Es geht um Herz-Gefäß-Erkrankungen, Insulte, Infarkte mit 20, 30 Jahren. Eine große Anzahl von verhaltenen Fehlgeburten, Fehlbildungen von Föten, die zu Fehlgeburten führen."

Oxana Kadun macht ihren Standpunkt über die Werte der Radionuklide in Lebensmitteln klar.

"Wenn ich nach der zulässigen Strahlungsmenge gefragt werde, kann ich nur antworten – genauso viel wie für Gift. Null."

"Wir haben keine Zeit, um Angst zu haben"

Zurück in Belarus. Provinzhauptstadt Gomel. In dieser Provinz liegen die meisten verstrahlten Gebiete. Doch das wird zunehmend unter den Teppich gekehrt. Die Stadt wirkt aufgeräumt, die Häuser gestrichen, die Straßen eben. Auf dem Gehweg kommen mir drei Frauen Mitte 40 entgegen. Ich frage nach den Spätfolgen von Tschernobyl, heute, fast 34 Jahre danach.

"Haben denn Sie keine Angst, uns hier zu besuchen? Spüren Sie etwas? Nein? Keiner spürt etwas! Wenn ich Angst hätte, wäre ich längst hier weg. Wir haben eine gemeinsame Zukunft: Wir alle werden sterben. Einer früher, der andere später. Wir wollen keine Angst haben. Wir haben keine Zeit, um Angst zu haben. Wir leben hier. Wir wurden von diesem Desaster erfasst. Als Teenager. Wir haben den 26. April hier überstanden. Wir wurden von diesem Regen erfasst. Aber man muss weiterleben. Uns wird nicht beigebracht, wie man sterben soll, sondern, wie man lebt."

Auch in dieser Podcast-Folge der Weltzeit: Unser Korrespondent Florian Kellermann berichtet, wie Belarus auf die Coronapandemie reagiert. Nach Kellermanns Einschätzung kann der autokratische Präsident Lukaschenko seine hartnäckige Verweigerung von Schutzmaßnahmen nicht mehr lange durchhalten. Ihm dämmere allmählich, dass sein Land auf eine Katastrophe zusteuern könnte.
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