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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 09.05.2016

Atommeiler RheinsbergDas volkseigene AKW

Von Andreas Baum

Das DDR-Atomkraftwerk in Rheinsberg (Brandenburg). Das DDR-Atomkraftwerk ging vor 50 Jahren am 9. Mai 1966 als erste Atomanlage Deutschlands ans Netz. Vor gut 25 Jahren wurde sie abgeschaltet: Seitdem wird das Kraftwerk zur (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Atomkraftwerk Rheinsberg (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Vor 50 Jahren wurde der erste DDR-Atommeiler im märkischen Rheinsberg eingeweiht. Für die SED sollte er der Beginn hochtrabender Energiepläne sein. Aber daraus wurde nichts, denn kurz nach der Wende wurde der Meiler stillgelegt.

Als das erste Kernkraftwerk der DDR am 9. Mai 1966 feierlich in Betrieb genommen wurde − da lief es in Wirklichkeit bereits. Wegen der langen und komplizierten Abläufe hatten die Techniker den Reaktor Monate zuvor angeworfen. Das Datum der offiziellen Einweihung war mit Bedacht gewählt, wurde am 9. Mai in der Sowjetunion doch alljährlich der Sieg über den Nationalsozialismus gefeiert. Das Fernsehen der DDR war live dabei, der Rundfunk auch.

"Noch vor wenigen Jahren war die Umgebung von Rheinsberg ein Dorado der preußischen Junker. Heute ist die Gegend um den Stechlinsee ein wichtiges Erholungszentrum, in dem Tausende Werktätige Entspannung und Kraft für den Aufbau des Sozialismus finden. Möge das volkseigene Atomkraftwerk immer zum Nutzen und zum Wohl der Deutschen Demokratischen Republik arbeiten."

Der Reaktor von Rheinsberg sollte nur der Anfang sein. 20 Meiler, so die Vorstellung der Staatsführung, würden die Energieprobleme der DDR in naher Zukunft endgültig lösen. Der Minister für Grundstoffindustrie, Klaus Siebold, gab persönlich das Kommando, den Schalter umzulegen:

"Genosse Hauptingenieur Ackermann, ich beauftrage Sie, die Elektroenergieerzeugung des ersten Atomkraftwerkes der Deutschen Demokratischen Republik aufzunehmen und dafür zu sorgen, gemeinsam mit Ihrem ganzen Kollektiv, dass dieses Werk in Frieden arbeitet und seine Aufgaben voll erfüllt."

Der Reaktor war ein Export aus der Sowjetunion. Der große Bruder beteiligte sich mit 20 Prozent an den Baukosten und leistete fachliche Hilfe. Die Techniker der DDR hatten nur wenig Erfahrung mit Atomenergie: Die Kosten für den Bau waren explodiert. Waren in den 50er-Jahren noch 90 Millionen "Mark der Deutschen Notenbank" vorgesehen, wuchs diese Summe bis 1966 auf 400 Millionen Mark.

Inbetriebnahme mit Verzögerung

Das Bauwerk wurde fünf Jahre später als geplant in den märkischen Sand gesetzt und geriet bedeutend kleiner als gedacht, ohne einen zweiten, leistungsfähigen Reaktor. Das Ergebnis war ein Kompromiss: Ein mittelgroßes Kraftwerk, das gerade genug Strom produzierte, um eine Stadt von 100.000 Einwohnern zu versorgen. Trotz des bescheidenen Ertrages überschlugen sich die Medien der DDR in Lobesbekundungen. In regelmäßigen Abständen wurde aus dem Reaktor berichtet. 1967 tat dies der Fernsehreporter Manfred Uschmann:

"Wenn ich hinuntersehe, etwa in acht oder zehn Meter Tiefe, dann sehe ich genau auf die Reaktorschutzhaube, auf praktisch das Heiligtum des Kernkraftwerkers. Wir alle haben hier eine werkseigene Kleidung an, die dazu dient, dass wir keinesfalls durch irgendwelche radioaktiven Substanzen gefährdet werden. Und es ist das erste Mal, dass eine Fernsehstation überhaupt eine Live-Sendung aus dem Reaktorsaal überträgt, in dem mit Volllast gearbeitet wird."

Der Stolz der DDR auf ihr erstes Kraftwerk war so groß, dass künftig eine Darstellung des Kontrollraums im Atomkraftwerk von Rheinsberg mit einer jungen Arbeiterin vor den Schaltpulten den 10-Mark-Schein schmückte. Endlich schien eine Prophezeiung von Lenin Wirklichkeit zu werden:

"Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung."

"Sehen Sie, der VI. Parteitag, der stellte uns vor die Aufgabe, neue Energiequellen zu erschließen, der Volkswirtschaft nutzbar zu machen."

Auch Alfred Rau, der Leiter der Abteilung Kernenergie im Ministerium für Grundstoffindustrie, gab gerne Interviews im Inneren des Reaktors – im Schutzanzug.

"Der nächste Schritt, den wir gehen müssen, ist: Weitere Kernkraftwerke bauen, die Industrie, die Wirtschaft auf den Einsatz der Kernenergetik wirklich voll und ganz vorzubereiten."

Kaum war Rheinsberg fertig, folgte der nächste Reaktor im vorpommerschen Greifswald. Hier setzte die DDR – auch, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen – auf Freiwillige aus den Jugendorganisationen.

"Die Jugendlichen, die das Atomkraftwerk Nord aufbauen, werden die Stammbesatzung bilden für den Aufbau weiterer Atomkraftwerke bei uns in der Republik."

Rückbau dauert bis 2028

Daraus wurde nichts. Es blieb bei zwei Strom produzierenden Kernkraftwerken. Am Meiler in Rheinsberg hatte die DDR wenig Freude. Ob er jemals wirtschaftlich war, ist bis heute umstritten. In den 70er-Jahren häuften sich die Störfälle. Nach der Wende in der DDR, im Juni 1990, wurde Rheinsberg wegen der Sicherheitslücken endgültig abgeschaltet – zwei Jahre früher als geplant.

Der Rückbau der Anlage wird länger dauern als der Bau: Erst im Jahr 2028, so die Planung der bundeseigenen Energiewerke Nord, werden die letzten Überreste aus dem Wald am Stechlinsee verschwunden sein.

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