Atmosphärisch dichte Reflexion der Wendezeit

Rezensiert von Helmut Böttiger |
Diesem Roman ging einiges voraus. Ingo Schulze, in den neunziger Jahren als junger deutscher Starautor etabliert, hat sich lange Zeit gelassen, um mit seinem dritten Buch an die Öffentlichkeit zu treten: Es waren genau sieben Jahre.
Das ist für den gegenwärtigen Literaturbetrieb fast eine Ewigkeit. Aber der Autor wusste genau: sein Image als großer Gegenwartsautor – immerhin präsentierte ihn Günter Grass öffentlich als seinen Nachfolger – würde von diesem Roman abhängen.

Seine beiden überrumpelnden Prosawerke aus den neunziger Jahren waren kleine Geniestreiche, aber nicht der umfassende Roman: "33 Augenblicke des Glücks" von 1994 wie "Simple Storys" von 1998 waren auch formal raffinierte Kunststücke, bei denen mit kleinen Prosastücken hantiert wurde: Sie wurden durch genau reflektierte Spiegelungen zu einem großen Ganzen montiert.

"Neue Leben" erfüllt zumindest vom Volumen her nun den Anspruch des großen Hauptwerks: fast 800 Seiten umfasst dieses Buch, das aber wiederum nicht "Roman" genannt wird. Denn wieder hat Ingo Schulze zu einem formalen Trick gegriffen, um die Handlung nicht einlinig und panoramahaft ausgestalten zu müssen. Er hat also der Erwartungshaltung, die von einem konservativen "Pageturner", einem plot- und stoffgesättigten Spannungsbogen ausgeht, wieder nicht entsprochen.

Schon der Titel weist auf die Herausgeberfunktion hin, in die der Autor Ingo Schulze wieder eingetreten ist, schon in seinem Debüt hatte er die Hinterlassenschaften eines Petersburger Handlungsreisenden gebündelt und kommentiert in Buchform gebracht. Doch selbst dieser "Ingo Schulze" ist in "Neue Leben" eine Kunstfigur: In den Fußnoten, die er auf vielen Seiten einstreut, entlarvt er sich manchmal als penibler Rechthaber selbst.

Und die Briefe und Prosastücke des Enrico Türmer, der Hauptfigur, die er hier vorlegt, verweisen auf keine fortlaufende Entwicklung, sondern sie stellen oft dieselben Vorgänge anders dar, je nach Ansprechpartner und Zusammenhang: die eine "richtige" Wirklichkeit und Geschichtssicht, auch wenn das oft von den Pädagogen und Wissenschaftlern eingefordert wird, gibt es nicht, das ist die Botschaft dieser anspruchsvollen formalen Reflexion.

Hat man den Herausgeber erstmal akzeptiert und als kleines Schelmenstück erkannt, ergibt sich jedoch wieder die große Überraschung: Ingo Schulze hat auch diesmal, trotz des enormen medialen Drucks, der auf ihn ausgeübt wird, einen Coup gelandet und die Zeit der frühen neunziger Jahre, die Zeit nach der Wiedervereinigung atmosphärisch dicht und ungemein kunstvoll dargestellt.

Enrico Türmer ist eine Figur, die einem nicht sonderlich sympathisch sein muss, die aber wie in einem Brennspiegel die Widersprüche jener Zeit im Osten auf den Punkt bringt. Wie in "Simple Storys" geht es um das Städtchen Altenburg. Enrico Türmer ist, fast wider Willen, zu einer Symbolfigur der "Wende" 1989 dort geworden und hat eine bedeutsame Rede in einer Kirche gehalten. Er gründet dann eine Wochenzeitung in Altenburg und entwickelt sich zu einem formidablen Geschäftsmann. Das Theater und die Kunst, denen lange seine ganze Energie gehörte, hat er dabei peu à peu hinter sich gelassen.

In vielen kleinen Sequenzen wird die ganze Unsicherheit, der Zusammenbruch von Idealen, das Verschwinden eines sicheren Selbstverständnisses dargestellt – die Zeit der frühen neunziger Jahre tritt uns hier zum ersten Mal als "Geschichte" entgegen, in den beiden Bedeutungen des Wortes.


Ingo Schulze: Neue Leben. Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze.
Berlin Verlag, 2005.
789 Seiten, 48 €.