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Kompressor | Beitrag vom 06.06.2019

"Atlas"-Inszenierung in Leipzig Künstlerin kritisiert Reproduktion von Rassismus

Olivia Hyunsin Kim im Gespräch mit Max Oppel

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Olivia Hyunsin Kim bei einer Fotoprobe im Rahmen der Tanztage Berlin 2016 in den Sophiensælen.  (imago/Martin Müller)
"Wir sind mehr als eure Inspiration", heißt es in dem Offenen Brief, den Performancekünstlerin Olivia Hyunsin Kim mitinitiiert hat. (imago/Martin Müller)

Ein Theaterstück über Asiaten, in dem aber keiner mitwirkt: Deutsch-asiatische Kulturschaffende kritisieren in einem Offenen Brief "Atlas" von Thomas Köck am Schauspiel Leipzig. Dies sei kein Einzelfall, sagt die Choreographin Olivia Hyunsin Kim.

Wer spricht für wen auf einer Bühne? Wie kommen marginalisierte Gruppen im Theater vor? Diese Fragen der Repräsentation werden in den letzten Jahren intensiv diskutiert.

Vor einigen Jahren war es die Praxis des Blackfacing, die angeprangert wurde. Nun haben deutsch-asiatische Kunst- und Kulturschaffende in einem Offenen Brief den Autor Thomas Köck und die Uraufführung seines Stückes "Atlas" am Schauspiel Leipzig kritisiert, weil darin weiße Schauspieler die Geschichte von vietnamesischen Vertragsarbeitern spielen.

In dem Brief an das Schauspiel Leipzig, das Deutsche Theater Berlin und die Mülheimer Theatertage, bei denen Köcks Stück soeben mit dem renommierten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, heißt es: "Wir sind mehr als eure Inspiration. Würdigt uns. Engagiert uns. Bezahlt uns."

Eine Frage des Respekts

Köcks Stück, eine Auftragsarbeit des Schauspiels Leipzig, sei "keine reine Fiktion", weil sie auf konkreten Geschichten und auf Interviews mit vietnamesischen und vietnamesisch-deutschen Menschen basiere, erläutert Choreographin und Performancekünstlerin Olivia Hyunsin Kim, die eine Mitinitiatorin des Offenen Briefes ist. Die Frage sei: "Wer erzählt die Geschichte und wem werden die Credits gegeben?"

Das Problem sei, "dass sie nicht namentlich gewürdigt wurden", auch nicht bei der Auszeichnung mit dem Dramatikerpreis. Dazu komme, dass diejenigen, deren Geschichten erzählt werden, oft nicht angemessen entlohnt werden. Es sei "eine Frage des Respekts", sagt Kim. "Man kann sagen, woher das Stück kam, von wem es kam und wie es entstanden ist. Und dies transparent machen. Es ist nicht durch eine Genieperson entstanden."

Asiatische Salomé nicht selbstverständlich

Besonders bei einer marginalisierten Gruppe, die in der deutschen Gesellschaft ohnehin mit "Unsichtbarmachung" zu kämpfen habe, sei es "eine Reproduktion von diesem Rassismus", die Gesprächspartner gänzlich unerwähnt zu lassen.

"Dies hier ist kein Einzelfall", so Kim. Sie kritisiert, dass People of Colour im Theater oft nicht zugestanden wird, für "eine universelle Position" zu stehen. Dies mache sich schon in den Auswahlverfahren des Theaterbetriebs bemerkbar. Immer noch sei etwa eine asiatisch aussehende Salomé für viele nicht selbstverständlich vorstellbar. "Das sind Mechanismen, die strukturell aufarbeitet werden müssen."

(ape)

In unserer Sendung Fazit widerspricht die Dramaturgin Katja Herlemann dieser Kritik und erläutert Hintergrund und Entstehung des Stücks:

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