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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 18.12.2020

Atheistische Synagoge in New YorkGlauben ohne Gott

Von Heike Braun

Auf einem Londoner Bus steht in bunten Buchstaben: "There´s probably no god", auf Deutsch "Es gibt vielleicht gar keinen Gott." Darunter steht auf Englisch: "Jetzt hör auf, Dir Gedanken zu machen und genieße das Leben." (picture-alliance/ dpa | epa Andy Rain)
So kann man es auch sehen: Werbetafel auf einem Londoner Bus. (picture-alliance/ dpa | epa Andy Rain)

Friede, Achtung, Respekt und Hoffnung: Das geht auch ohne Gott, findet Rabbi Tzemah Yoreh. Er leitet eine „säkular-humanistische Synagoge“ in New York. "Wir akzeptieren alle Juden", sagt er. Derzeit finden Zusammenkünfte hauptsächlich im Netz statt.

Die Kultur und die gemeinsame Geschichte sind bei vielen Juden viel tiefer verwurzelt als der Glaube an Gott. Davon sind die säkular-humanistischen Juden der Upper West Side von New York überzeugt. Trotzdem zelebriert der leitende Rabbiner Tzemah Yoreh den Schabbat mit seiner Gemeinschaft auf weitgehend traditionelle Weise. Ohne dabei Gott zu erwähnen. Dabei wird er von Reform-, aber auch von konservativen Juden weitgehend anerkannt, weil er ein klassisch ordinierter Rabbiner ist.

Rabbiner Tzemah Yoreh lächelt in die Kamera.  (Screenshot Deutschlandradio)"Wir schätzen das Licht des Schabbat", sagt Rabbiner Tzemah Yoreh (Screenshot Deutschlandradio)

"Die streng orthodoxen Juden lehnen uns ab", sagt Rabbiner Yoreh. "Aber die meisten anderen erkennen uns an oder akzeptieren uns, obwohl Gott in unseren Zusammenkünften keine Rolle spielt und nicht erwähnt wird. Wir haben in New York Hunderttausende säkular-humanistische Juden. Nicht alle gehören zu unserer Gemeinschaft. Viele bleiben in ihren traditionellen Glaubensgruppen. Weil ihre Eltern, Großeltern und alle ihre Verwandten auch in dieser Gemeinschaft sind. Sie alle lieben die gemeinsamen Zeremonien, wo die ganze Familie zusammen kommt. Etliche von ihnen sind trotzdem Atheisten. Sie sind Juden, ohne an Gott zu glauben. Es ist, was es ist."

Von Gott ist nie die Rede

Für Juden weltweit ist – gerade in Pandemie-Zeiten – das Internet zu einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen geworden. Auch die säkular-humanistische Community mit Sitz in New York findet so zueinander, meint der Rabbiner: 

"Wir haben Juden aus Deutschland, Italien, Großbritannien, Irland oder aus Neuseeland und Australien. Sie alle nehmen via Internet, also live an unseren Veranstaltungen teil."

Natürlich müssen alle Englisch sprechen können. Das ist neben Hebräisch die Hauptsprache bei Rabbi Tzemah. Es sind oft Zweifler oder Atheisten, die sich bei ihm einwählen. Aber auch gläubige Juden hören gerne zu. Denn sie finden in den Worten des atheistischen Rabbiners vieles wieder, was zum Beispiel auch in konservativen Zeremonien vorkommt, obschon Tzemah nie von Gott redet. 

Viele sind Atheisten, nicht alle geben es zu

"Schabbat ist eine Zeit für Frieden, Achtung und Respekt, Verständnis und Hoffnung. Schabbat ist eine Zeit, in der man das Gute im Leben entdeckt. Es ist eine Zeit, das Beste in uns ans Licht zu bringen. Wenn Ihr Kerzen in Eurer Nähe habt, ist es jetzt die Zeit, sie anzuzünden. Wir entzünden die Schabbatkerzen, um unser Zusammensein zu zelebrieren. Wie erinnern uns an die Generationen vor uns, die die Kerzen angezündet haben, wie wir es tun. Lasst uns zusammen sprechen: Wie wunderbar ist ein Licht in der Welt. Wie wunderbar ist ein Licht in der Menschheit. Wie wunderbar ist das Licht des Schabbat. Wir schätzen das Licht des Schabbat."

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Tzemah Yoreh ist in Kanada und Jerusalem aufgewachsen. Seine Eltern sind jüdische Religionswissenschaftler und erzogen ihren Sohn als konservativen Juden. Er wuchs mit Hebräisch und Englisch gleichermaßen auf. Schon als Kind fing er an, Fragen zu stellen und die Glaubensthesen des Judentums anzuzweifeln. Während seines Studiums an der Hebräischen Universität in Jerusalem glaubte er bereits nicht mehr an Gott. Seit zwei Jahren gehört er zur atheistischen City Congregation von New York, die er inzwischen leitet. Viele Anhänger der Kongregation sind ebenfalls Atheisten, sagt der ordinierte Rabbiner, doch nicht alle geben das öffentlich zu.

"Sie fürchten sich sozusagen vor der Endgültigkeit des letzten Schrittes", sagt Yoreh. "Sie haben Angst, vor sich und anderen Juden zuzugeben, dass sie nicht an die Existenz eines Gottes glauben. Säkulares humanistisches Judentum besteht aus menschlichen Erfahrungen, ohne jede Religiosität. Es ist keine Philosophie, keine totalitäre Religion und befasst sich nicht mit einem höheren Wesen, sondern einfach mit Erfahrungen und Handlungsweisen der jüdischen Kultur. Wir leben nur dieses eine Leben und sind für unsere Humanität anderen gegenüber selbst verantwortlich."

"Jeder kann so sein, wie er will"

Als Leiter der säkular-humanistischen Juden von New York sieht sich Tzemah ausdrücklich nicht in Konkurrenz zu anderen jüdischen Gemeinschaften. Obwohl zu den humanistischen Juden Hunderttausende in New York gehören.

"Wir sind zwar eine sehr stabile Gemeinschaft, aber es ist nicht so, dass wir ständig größer werden. Bei uns sind interkulturelle Ehen ausdrücklich anerkannt. Auch Juden, die keine Kinder haben wollen, die alleine leben möchten oder homosexuell sind. Wir akzeptieren alle Juden: egal ob sie gläubig sind, an Gott zweifeln oder ob sie atheistisch sind. Bei uns darf jeder so sein, wie er es selbst will. Aber auch liberale und konservative, selbst einige orthodoxe Gemeinden heißen Lesben, Schwule und Transgender willkommen. Darum wächst unsere Gemeinschaft der säkularen humanistischen Juden auch nicht ständig an. Wir stehen nicht im Wettstreit mit anderen jüdischen Gemeinschaften. "

Rabbiner Tzemah Yoreh schaut bei einer Zoom-Konferenz in die Kamera.  (Screenshot Deutschlandradio)Glaube in Zeiten der Pandemie: Rabbiner Yoreh beim Zoom-Meeting. (Screenshot Deutschlandradio)

Momentan ist die Online-Plattform das wichtigste Mittel, um die säkularen humanistischen Juden zu erreichen. Alle können sich sehen, sie wissen, wer gerade redet und nehmen Anteil. Der Rabbiner fordert bei seinen Online-Veranstaltungen die Teilnehmer auf, mit ihm zu reden. "Will noch jemand Neuigkeiten mit uns teilen?", fragt er. "Carol, Du hast eine gehobene Hand eingeblendet." "Ja genau", sagt Zuhörerin Carol. "Meine Enkelin hat sich verlobt! Wir hatten ein großes Zoom-Meeting an ihrem Verlobungstag." "Masel tov! Masel tov! (Viel Glück)", antwortet Yoreh. "Ich hoffe, alles wird schnell wieder gut und ihr könnt Euch bald wieder in einer pandemiefreien Welt persönlich treffen."

"Wir glauben an den gesunden Menschenverstand, nicht an Gott"

Tzemach Yoreh ist froh, dass er als Jude geboren wurde. Er liebt die jüdischen Traditionen, die Geschichte und den Zusammenhalt seines Volkes. Er ernährt sich koscher und hält den Schabbat, obwohl er nicht an Gott glaubt. Seine Augen strahlen, wenn er über das säkular-humanistische Judentum und über die jüdische Kultur redet.

"Das Judentum ist eine lebendige Kultur, die aus lebendigen Menschen besteht. Judentum ist Familie, Erinnerung, Wurzeln und Stolz. Judentum ist Musik, Tanz und Humor. Judentum ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist von jüdischen Menschen kreiert worden. Und wir Menschen verändern uns. Gesunde Menschen verstehen das und wissen: So ist der Lauf der Dinge. Wir säkulare, humanistische Juden glauben nicht an Gott, sondern an den gesunden Menschenverstand."

In Europa ist die humanistische Gemeinschaft viel weniger anerkannt als in den USA, sagt der Rabbiner. Trotzdem glaubt er nicht, dass es unter den europäischen Juden weniger Atheisten gibt.

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