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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 19.11.2017

Atemgymnastik Medizin aus Luft

Von Peter Kolakowski

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(Imago)
Auch im Yoga spielt die Atmung eine besondere Rolle. (Imago)

Bewusstes und gesundes Atmen kann ganz unterschiedliche Krankheiten heilen, Atemschulen hatten ihre Blütezeit im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Auch heute könnten viele Patienten davon profitieren - doch die Lehre vom richtigen Atem passt nicht so recht in unser Gesundheitssystem.

"Niederknien. Oberkörper aufrecht halten. Augen schließen. Leicht auspusten und mit den Zeigefingern in die Augenwinkel drücken."

Atemgymnastik für Anfänger. Erster Teil: Der Einatem.

Erste ägyptische Atemübung. Hände zur Stirn. Rumpf vorbeugen bis die Stirn den Boden berührt. Einatmen und lösen. Langsam ausatmen, vorbeugen...

"Man kann sicherlich damit heilen. Es ist natürlich der Spiegel des Vegetativums und der Seele. Wenn Leute kommen, sie können nicht mal mehr atmen. Welche immensen Kosten im Gesundheitswesen dadurch verursacht werden, und dann durch eine einfache Atemtherapie beseitigt werden können. Für uns ist halt wirklich der Atem eine Kraft, die da ist, die immer da ist."

Dabei Arme weit dehnen, zurücksetzen und absinken lassen und entspannen.

Der Atem. Wichtigste Lebensfunktion und - ältestes Heilmittel der Menschheit! Bei Naturvölkern, oder auch in Bewegungskulturen wie dem Yoga, Tai Chi und Qi Gong oder dem japanischen Zen gilt die Einsicht: Atemgymnastische Übungen fördern die Gesundheit, beugen Krankheiten vor oder heilen sie und öffnen die Seele und den Geist.

"Ein Gutteil der Krankheiten kann einfach weggeamtet werden" (Voltaire)

"Wir beginnen jetzt mit der Atemübung. Nun bitte tieeeeeef einatmen, mit der Vorstellung, Lebenskraft strömt in mich ein."

Ägyptische, 4000 Jahre alte Grabinschriften berichten von der wundersamen "Heilkunst mit dem Atem", die jenen mit "dem Messer" oder mit "Pflanzensaft" überlegen sei. Für die Ägypter der "Königsweg" zur Heilung.

In Vorderasien und im alten Griechenland geben Pneumaschulen richtiges Atmen und spezielle Atemtechniken als geheimes Wissen vornehmlich an junge "besonnene" Männer weiter. Ziel ist: die geistige und körperliche Entwicklung und Reifung.

Pneuma. Griechisch: Luft, Wind, Hauch, Seele, Geist, Feuer

Um 1750 finden griechische Gymnastikprogramme auf Anregung von Philantropen auch Eingang in die westliche Erziehungskultur. Doch erst die Anfang des 19. Jahrhundert aufkommende Naturheilbewegung propagiert spezielle Licht- und Luft-Anwendungen, wie Gymnastik im Freien, meist in der Hoffnung, Lungenleiden zu heilen.

Auch der Erfinder der Schrebergärten, Johann Gottlieb Moritz Schreber, versucht durch gymnastische Übungen unter besonderer Beachtung der Atmung die damals grassierende Tuberkulose und Schwindsucht zu bekämpfen. So schreibt Schreber, selbst Arzt und ab 1844 Direktor der orthopädischen und heilgymnastischen Anstalt zu Leipzig, in seiner "Ärztlichen Zimmergymnastik":

"Von der Beschaffenheit des Atmens hängt der Blutumlauf in den Lungen ab, mithin für die Unterhaltung des Lebens ununterbrochen notwendige Veredelung, die chemische Beseelung des Blutes. Mit der Stärke des Atems steht daher die Energie des gesamten Lebens im geraden Verhältnis. Durch Mangel der Bewegung überhaupt, wird das Atmen schwächer und unvollkommener. Mit der Zeit entsteht daraus eine Disposition zu lebensgefährlichen Krankheiten der Lungen."

Zwar sind Schrebers Bemühungen, mit Luft-Kuren die Tuberkulose zu heilen, vergebens. Doch einige Ärzte, vornehmlich in Lungenheilanstalten und Kurorten, behandeln Störungen der Atemwege und der Lunge erfolgreich mit der lindernen Wirkung guter Luft und richtiger Atemtechnik. Ob gegen Asthma, Lungenemphysem oder gegen die chronisch-obstruktive Lungenwegserkrankung COPD. Aber auch bei Atemwegsbegleiterkrankungen, beispielsweise in Folge von Mukoviszidose: Spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts hat die klinisch-ärztliche Therapie der Atmungsorgane mit atemgymnastischen Elementen in der westlichen Medizin, der Physiotherapie und der Krankengymnastik ihren festen Platz.

Hauptsächlich Frauen entdeckten Therapie mit dem Atem

Wenn jedoch, wie Schreber schreibt, falsche Atmung generell "zu vielfachen Störungen der gesamten Körperernährung führt", wäre Atemgymnastik dann abgesehen von den typischen Lungen- und Atemwegserkrankungen, nicht auch bei anderen Krankheiten anwendbar? Das fragt sich auch sein Kollege, der Arzt und damalige Kreisphysikus im westpreussischen Straßburg Albert Konstantin Neumann 1852. Neumann gilt heute als einer der Wegbereiter der modernen Physiotherapie.

Neben der klinisch-ärztlichen Atmungstherapie entwickelt sich alsbald noch ein anderer Therapiezweig, den Atem auch gegen weitere Krankheiten und Missempfindungen oder zur Vorbeugung einzusetzen: Die Therapie mit dem Atem.

Es sind in der Hauptsache Frauen wie Clara Schlaffhorst, Hedwig Andersen, Hedwig Kallmeyer oder Alice Schaarschuch, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts an die Therapie mit dem Atem entdecken und hierfür spezielle gymnastische Übungen entwickeln, zum Beispiel bei zu hohem oder zu niedrigem Blutdruck, gegen Herzrasen, Verspannungen und Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit, Kraftlosigkeit und Müdigkeit, gegen Gelenkschmerzen und Verdauungsbeschwerden und sogar gegen schwerste Haltungsschäden wie der Skolisose, eine starke Verkrümmung der Wirbelsäule.

"Dr. Karoline von Steinaecker, ich bin Psychoonkologin und Atem- und Körpertherapeutin, hab jahrelang im Institut für Naturheilkunde hier an der Charité gearbeitet und dann in der Lungenklinik gearbeitet und dann später noch im Waldkrankenhaus in der Palliativstation. Die bürgerlichen Frauen haben das benutzt für ihre Körperlichkeit. Die waren eingezwängt im Korsett und haben so gut wie gar nicht atmen können. Und dann haben sie in Zirkeln, zum Beispiel bei Mensendiek, das war eine Ärztin, da hat man dann nackt geturnt, und die hat sehr viel für die Befreiung der Frau getan, aber auch ganz viele andere Zirkel von Frauen haben dann körperlich sich betätigt und haben ihren Körper befreit. Und daraus ist dann die Atem- und Körpertherapie entstanden."

Atemschulen erleben im Kaiserreich und in der Weimarer Republik eine Blütezeit. Dutzende Schulen entstehen. Deren Lehre beeinflusst auch die Anfang des 20. Jahrhunderts stetig wachsende Lebensreform-Bewegung.

1927 macht ein junger Arzt namens Johannes Ludwig Schmitt mit einem Buch unter dem Titel: "Das Hohelied vom Atem" auf sich aufmerksam:

"In des Europäers Brust schafft der Atem überhaupt nur reflektorisch. So verfiel der Geist auf den Gedanken, dies sei natürlich. Man muss aber selbst einmal bei schwachen und schon angegriffenen Menschenkindern die verblüffenden Erfolge richtiger Atmung beobachten, die schon nach Tagen sichtbar werden."

Für Schmitt war richtiges Atmen die Krönung der Selbsthilfe bei körperlicher Schwäche und Krankheiten. Nur ein richtig atmender Körper war für ihn ein schöner Körper. Schmitt wird später das medizinische Fachbuch "Atemheilkunst" mit atemgymnastischen Übungen herausgeben. Bis heute in vielen Teilen ein Standardwerk in der Atemheilkunde.

Nazis missbrauchten die Atemgymnastik 

Die Nazis verbieten oder missbrauchen die Atemgymnastik und Lufttherapie für ihre Rassen- und Reinheitslehre. Erst allmählich entideologisieren vor allem Gymnastiklehrerinnen, Ärzte und Psychologen nach dem Krieg die Atemtherapie. Neben dem Atemlehrer Cornelis Veening, dem Psychotherapeuten Karlfried Graf Dürckheim und den Gymnastiklehrern Hinrich Medau und Ilse Middendorf, entwickelt ein Schüler von Johann Ludwig Schmitt die Therapie mit dem Atem erheblich weiter und setzt mit seiner "Psychotonik" wegweisende therapeutische Maßstäbe: Der Arzt Volkmar Glaser. So die Atemtherapeutin Dr. Karoline von Steinaecker.

"Ich hab Glaser noch kennengelernt und auch praktisch gearbeitet. Er hat sehr stark den Kontakt zwischen Menschen als das gesehen, was den Atem befreit. Dann denk ich nicht mehr an mich, sondern dann denk ich an den anderen und dann ist das, was zwischen zwei Menschen passiert, das, was befreit. Und dann befreit sich der Atem, und das hat er auch belegt, hat er Studien drüber gemacht. Und diese Form, die er dort gefunden hat und gelehrt hat, das ist einfach ein Standard geworden."

Glaser weist in zahlreichen Untersuchungen auf den neurophysiologischen Zusammenhang zwischen Atem und der Nerven-, Muskel- und Gefässspannung einerseits und der seelischen und geistigen Befindlichkeit andererseits hin. Pneopäden – Atemlehrer – seien nicht Kämpfer gegen Krankheit, sondern Wegbegleiter zu Gesundheit, betont Glaser. Er ordnet die "Psychotonik" vor allem in den Bereich der Gesundheitsvorsorge und -fürsorge ein.

"Der Pneopäde versteht sich weder als Konkurrent des klinisch ausgerichteten Mediziners, und noch viel weniger als ein ihm untergeordneter Helfer, da er völlig andere Momente im Menschen anspricht."

Viele Erkennnisse Glasers finden sich auch in verschiedenen Bewegungsprogrammen und Körpertherapien wieder, wie zum Beispiel in der Eutonie, eine besonders schonende und achtsamkeitsorientierte Heilgymnastik. Aber auch in Entspannungstechniken wie dem Autogenen Training, erklärt der Psychotherapeut Dr. Hellmut Binder:

"Nur müssen wir den Gedanken fallen lassen, die Atemfunktion einer willensmäßigen Steuerung zu unterziehen oder sie zu korrigieren. Die Atmung läuft nämlich ohne unser Zutun ganz von selber weiter. Der Mensch erlebt es, geatmet zu werden in einem Rhythmus, der ganz individuell auf seine Person abgestimmt ist. Wir wollen dieses einmal versuchen."

Zweite ägyptische Atemübung. Fäuste in die Achselhöhlen, Ellenbogen schulterhoch. Rumpf vorbeugen, Nase führt zum Boden, und wieder aufrichten. Im Rhythmus: Ausatmen, Vorbeugen, Fäuste in die Achselhöhlen......

Atemgymnastik für Fortgeschrittene. Zweiter Teil: Der Ausatem

Richtiges Atmen ist immer so eine gute Frage. Es gibt so Gesetzmäßigkeiten. Einmal auch das Dehnen, das Weiten im Einatmen, zurückschwingen im Ausatem. Wenn es dann in kräftige Übungen geht, dass wirklich die Ausatmung, dass die gut, nochmal unterstützt wird und dass ich nachgeben kann.

Kassen weigern sich, Therapie aufzunehmen 

Andrea Genäher, Vorsitzende im Berufsverband Atem, Atemtherapeutin und Atempädagogin:

"Also im Grunde geht es um einen frei fliessenden Atem, das ist die Atembewegungswelle, die Atembewegung, an der sich die Atemtherapie auch orientiert. Und so versuchen wir, dass diese Atembewegungswelle sich ausweiten kann in den ganzen Körper sowohl in das tiefe Becken und auch weiter bis in Beine, Füße, das ist dann schon sehr fein zu spüren und eben auch bis nach oben und wir so nachgeben dem Atem, der von ganz alleine kommt und wieder geht."

Obwohl Andrea Genähr schon unzähligen Menschen, darunter auch Lungen- und Atemwegskrankten helfen konnte, wird ihre dreijährige Ausbildung zur Atemtherapeutin von den Krankenkassen nicht anerkannt. Die Kassen weigern sich, die Therapie mit dem Atem und Atemgymnastik als eigenständige berufsrechtliche Disziplin in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. Akzeptiert werden von den Kassen im Rehabilitationssport für Lungen- und Atemwegserkrankte – dem sogenannten Lungensport - nur Trainer und Übungsleiter mit einer wenige Tage dauernden Grundausbildung und allenfalls rudimentären Kenntnissen in Atmungsphysiologie. Dr. Michael Barczok, Lungenfacharzt in Ulm und Pressesprecher im Berufsverband der Pneumologen.

"Die Atemtherapie wird nicht wahrgenommen. Wir lernen als Lungenärzte auch in unserer Ausbildung nicht, auf diesen Bereich wirklich einzugehen, weil er auch in den Universitätskliniken keine Rolle spielt. Es hapert einfach daran, dass es dazu zu wenig Publikationen gibt. Zum Schaden vieler Patienten, die in der Tat davon profitieren könnten."

Während Lungenfacharzt Barczok die klinisch-ärztliche Therapie der Atmung durchführt, praktiziert seine Frau, die Atemtherapeutin und studierte Fachfrau für komplementäre Methoden in der Medizin, Susanne Menrad-Barczok in der Praxis die Therapie mit dem Atem mit Atemgymnastik. Es geht ihr vor allem darum, Patienten, die Schwierigkeiten mit ihrem Atem haben, die Angst zu nehmen und Blockaden zu lösen.

"Sie haben Lunge bis runter an die unteren Rippenbogen und wenn sich den jeder mal abtastet, dann merkt er schnell, dass er in der Taillenregion angekommen ist und bis dahin ist Lungengewebe und es möglich ist, zu atmen. Jeder kann atmen, wir können es optimieren, wir können ihn auspacken, wir können ihn von Zwängen befreien und wenn jemand das verstanden hat, dann hat er den ersten Schritt in Richtung Atemtherapie gemacht und Atemarbeit."

Im Schulungsraum wartet schon Patientin Manuela Euringer. Kurz nach Ende ihrer Ausbildung entwickelte die 48-jährige Krankenschwester ein allergisches Asthma und ein chronisches Hyperventilationssyndrom, das sie über 30 Jahre begleitete. Ihr Leidensweg führt sie zu verschiedenen Fachärzten, Pneumologen, Allergologen und Psychologen. Doch niemand konnte wirklich helfen.

"Sodass der Atem für mich immer etwas ist, das sehr, sehr präsent war, ganz häufig nicht positiv besetzt, dieser Atem, sondern viel mit Angst, in Folge dieser Erkrankung bedeutet oft auch Atemnot. Atemnot macht Angst, macht Panik zum Teil. Schränkt einen wahnsinnig ein in der Lebensqualität. Und hab mich so in die Atemtherapie begeben. Und das war ein Geschenk, ein Traum, das bedeutet Lebensqualität."

Sinnvoll auch für Burn-out-Patienten 

So könnte die Therapie mit dem Atem auch der steigenden Zahl von Patienten helfen, die an entzündlichen oder degenerativen rheumatischen Erkrankungen leiden. Denn die "Medizin aus Luft" löst nicht nur Ängste, sondern auch Verspannungen und Verkrampfungen im Bewegungsapparat - und kann so den Krankheitsverlauf verzögern oder die Krankheit mitunter ganz stoppen. Darauf wies schon der renommierte Rheumatologe Prof. Hartwig Mathies hin. Mathies entwickelte für solche Patienten sogar eine spezielle Atemgymnastik.

"Deshalb nehmen Sie in Ihrem Interesse hier vor allem die Atemgymnastik in Ihr tägliches häusliches Programm auf, wenn Ihr Arzt Sie Ihnen verordnet. Bitte setzen Sie sich zur Atemgymnastik auf einen Hocker. Bitte nehmen Sie die Hände auf den Kopf oder hinter den Kopf. Ganz gerade sitzen und einatmen. Wir fallen jetzt zur linken Seite hin, bitte lassen Sie den Kopf und die Ellbogen links runter fallen und die Luft wieder raus. Tief einatmen aufrichten. Zur rechten Seite fallen wir hin und ganz laut schhhhhhhhhhh."

Weitere sinnvolle Einsatzgebiete: Die Arbeitsmedizin oder das betriebliche Gesundheitsmanagement. In einer Studie der Uni Regensburg an Burn-out-Patienten konnte der hohe Nutzen der Atemtherapie bei Arbeitsüberlastung und Stress nachgewiesen werden.

Anwendbar ist Atemtherapie auch in der Pflege gebrechlicher, immobiler oder bettlägriger Patienten. Ohne sich viel bewegen zu müssen, können sie mit täglichen kleinen atemgymnastischen Übungen ihren Körper mit ausreichender Menge an Sauerstoff versorgen und gleichzeitig mit jedem bewussten Ein- und Ausatmen innere Organe sanft mitmassieren, um eine bessere Durchblutung zu fördern.

Auch in der Palliativmedizin bewährt sich die Atemtherapie. Sie verbessert die Lebensqualität und das körperliche Wohlbefinden schwerstkranker Patienten, lindert und löst Depressionen, Stress und die oft auftretenden Erstickungsängste. Das Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München zählt hier zu den Vorreitern bei der Atemtherapie für Palliativpatienten.

"Wir haben hier ein Grenzgebiet zwischen verschiedenen Professionen…"

....sagt Rainer Stange, Internist am Immanuel Krankenhaus Berlin Wannsee.

"Das ist immer schwierig, da kommt man in Gemengelagen. Alle Professionen haben natürlich Interessen, haben auch Terrains zu verteidigen. Und wir können uns natürlich fragen: Ist diese lange und sehr erfolgreiche, wie ich finde, Tradition der Atemtherapie in Deutschland nicht etwas besser darstellbar? Wir müssen natürlich auch mehr Wissenschaft da reinbringen. Das haben wir hier in ganz kleinem, bescheidenen Umfang versucht."

Gern würden Stange und sein Team mehr Untersuchungen und Studien durchführen, bei Indikationen wie Herz-Kreislaufbeschwerden etwa, bei Reizdarm, Schlaf- und Verdauungsstörungen oder Magensäureüberschuss.

Lungenkrankheiten an dritter Stelle der Todesursachen

Atemtherapeutin Dr. Karoline von Steinaecker therapierte unter anderem erfolgreich Depressionen bei Brustkrebspatientinnen und Schmerzzustände bei Fibromyalgie.

"Es gibt so gut wie kein Geld für atemtherapeutische Forschung. Wir sind dann immer auf Spenden angewiesen oder auf Stiftungen, weil das ist der einzige Weg, was viele wollen im Berufsverband, das es eine Krankenkassenleistung wird, in der Schweiz ist das so, da ist es eine Kassenleistung, deshalb muss man Forschung machen, damit das überhaupt anerkannt wird. Man kann viel erreichen und den Schmerz reduzieren. Also es ist auch Medizin."

Auch Atemwegs– und Lungenerkrankte nutzen längst atemtherapeutische Gymnastikübungen nach Glaser, Schmitt oder Middendorf – als notwendige Ergänzung zum klassischen, von der Kasse bewilligten Lungensport.

Jedes Jahr treffen sich über 2000 Betroffene, wie unlängst Ende August, zum Symposium Lunge in Hattingen. Könnten sie der Wissenschaft eine mehr ganzheitlichere Betrachtung auf den Atem und die Atmungsorgane nahebringen? Den Stillstand in Lehre und Forschung mit auflösen helfen und beiden Flügeln der Atemheilkunde, die Therapie der Atmungsorgane auf der einen und die Therapie mit dem Atem auf der anderen Seite, eine "Luft-Brücke" bauen? Anwendungen erschließt?

Obwohl laut "Weissbuch Lunge" in Deutschland Lungenkrankheiten an dritter Stelle der Todesursachen stehen, ist an den Universitäten die Luft für Lehrstühle und Professuren für Lungenheilkunde mehr als dünn: Es gibt kaum welche, kritisiert auf dem Kongress Prof. Dr. Helmut Teschler, Chefarzt der Ruhrlandkliniken und bis April dieses Jahres Lehrstuhlinhaber für Pneumologie an der Universität Duisburg/Essen.

"Das Problem ist, wir haben es mit einem Stiefkind zu tun des Gesundheitswesens. Zweitens: die Kosten steigen im Gesundheitswesen und nun versucht man etwas zu tun. Jetzt holen wir auf, aber leider nicht mit der notwendigen Geschwindigkeit. Und ich glaube auch nach wie vor nicht mit der notwendigen Unterstützung der Krankenkassen."

"Ich heisse Sigrid Spörhase und leite die Selbsthilfegruppe in Göttingen. Die Menschen müssen wieder lernen intensiver in den Bauch zu atmen, das heisst bei den kleinen Babys abgucken, da sieht man das."

"Also mein Name ist Brigitte Brand und ich bin verantwortlich für die Selbsthilfegruppe in Bad Soden-Allendorf. Warum wird jungen Menschen in der Schule nicht schon beigebracht, richtig zu atmen, also Atemgymnastik und so? Sie sprechen mir ja so aus dem Herzen. Genau das ist nämlich mein Thema, dass ich sage: Es wird so viel an Technik vermittelt in den Schulen, aber wie der Mensch funktioniert, das kriegen die Kinder nicht mit. Und die fangen dann eben an mit 12, 13 zu rauchen, die fangen dann eben an, intensiven Sport zu treiben, der ihrem Körper nicht gut tut. Das ist ja das, was wir auch lernen müssen, bei Anstrengung ausatmen. Ansonsten spielen nämlich auch die Muskeln verrückt."

"Es gibt so Pilotprojekte, die durchaus in Kindergärten solche Programme machen, die laufen für ein Jahr und dann ist die Finanzierung weg und dann war's das."

Dr. Stefan Berghem, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin und Ärztlicher Direktor am Zentrum für Pneumologie des Fachklinikums Borkum.

"Eine wirklich andere Chance im großen Stil, etwas für den Atem der Gesellschaft zu tun, haben wir nicht, außer von der Straße zu kommen. Und da es nicht nur mit Engagement geht, sondern wirklich auch Durchsetzungswillen in den Leitlinien in den Gremien braucht, ist das außerordentlich zäh und deswegen wird das auch noch Jahrzehnte dauern, bis auf die Art und Weise etwas passiert."

"3. Ägyptische Atemübung mit Atemstauung. Im Rhythmus"

Merkels Raute: ein typisches atemtherapeutisches Muster

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"Es ist sogar noch schlimmer. Wenn Atemtherapie zum Beispiel jetzt im Sinne einer Atemtherapie nach Middendorf eingesetzt wird oder verordnet wird, dann darf eine Krankenkasse diese Kosten nicht übernehmen. Das steht auf einer Verbotsliste des Gemeinsamen Bundesausschusses."

"München: In Deutschland sterben pro Jahr rund 200.000 Menschen an einem plötzlichen Herztod. Auslöser sind in den meisten Fällen Symptome eines Burn-out-Syndroms, erklärten Vertreter des Helmholtz Zentrums auf der Jahrestagung der Kardiologen in München."

"Das hat große Auswirkungen auch auf uns, auf unseren Schlaf, auf unser Erleben."

"Die Raute, die Frau Merkel macht, ist ein typisches atemtherapeutisches Muster. Da können Sie jede Atemtherapeutin fragen, die weiß genau, was das bedeutet."

"Einatmen. Nach links pendeln, nach rechts pendeln und halt. Entspannung."

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